Albert führte sie im ersten Stock in einen Raum mit einem breiten Kamin, in dem ein mächtiges Feuer seine Wärme verbreitete. Im Halbkreis davor standen drei wuchtige Stühle mit gepolsterten Lehnen; auf einem niedrigen Tisch daneben Obst und Teegeschirr.
Er nahm sich einen Apfel und rieb ihn an seinem Ärmel ab. „Ich überlasse Euch der Gesellschaft des Marquis de Montmorency.“
Mirella streckte die kalten Hände dem Feuer entgegen. „Ist das der, der alles weiß?“
Hinter ihr erklang ein leises Lachen. Sie fuhr herum. Der Marquis de Montmorency war durch eine andere Tür hereingekommen und schloss diese soeben. Wie peinlich, dass er ihre vorwitzige Bemerkung gehört hatte.
„Ihr habt eine interessante Meinung von mir, Signorina. Aber Ihr irrt Euch.“ Er wechselte ins Italienische, um Matteo zu begrüßen, und bewies gleich darauf, dass sie doch recht hatte. „Er ist der Schneider. Der Herzog ist begierig auf Seine Entwürfe. – Und wir Soldaten auch.“
Kurz darauf hallte ein schneller Schritt auf dem Marmor des Flurs. Die Wache öffnete die Tür. Im Eintreten löste de Guise die Schärpe um seine Taille, die das Schwert hielt. Der Marquis nahm beides entgegen und legte es auf eine Kommode.
De Guise rollte die Schultern. „Keine Förmlichkeiten bitte. Alexandre, leiste der Signorina Gesellschaft, während wir unseren Geschäften nachgehen.“ Er lächelte. „Bevor ich mich entscheide, lasse ich dich die Entwürfe sehen.“ Er bat die Männer mit einer Handbewegung, ihm zu folgen, und ging zu der Tür, durch die zuvor Alexandre hereingekommen war.
Enzo ging an der Seite des Herzogs, der ihn um Haupteslänge überragte. Matteo stolperte vor Aufregung schier über seine eigenen Füße, als er ihnen folgte. Kaum durch die Tür zog er schon die Entwürfe aus seiner Tasche und ließ tatsächlich einen Teil fallen.
Mirella schmunzelte über den Alten. „Er ist einer der besten Schneider von Neapel. Aber dies wird vermutlich der größte Auftrag seines Lebens.“
„So hat er keine Manufaktur. Er wird viele Leute brauchen, um die Arbeit zu schaffen.“
Mirella suchte nach einer Entgegnung, die nicht zu dämlich klänge. Am besten eine Frage. „Woher kommen die Soldaten des Herzogs?“
„Wir werben sie an. Der Comte der Modène hat mehrere tausend Mann auszurüsten.“
„Die Neapolitaner kämpfen mit allem, was sie haben. Man braucht sie nicht anzuwerben.“
Alexandre nickte. „Sie kämpfen für ihre Freiheit. Aber Sold brauchen sie trotzdem.“
„Und Ihr?“ Das war schon wieder vorwitzig. Aber nun hatte sie es angefangen; nun konnte sie den Satz auch zu Ende bringen. „Warum seid Ihr bereit, für Neapel Euer Leben zu wagen?“
Alexandres graue Augen wurden dunkler. „Die Neapolitaner sind ein tapferes Volk. Ihr habt verdient, diesen Kampf zu gewinnen.“
Das beantwortete ihre Frage mitnichten, aber sie zu wiederholen, scheute sie sich nun doch. Hatte sie an etwas gerührt, was sie besser nicht angesprochen hätte? Jemand müsste ihn trösten können; er war so viel jünger als Dario.
Befangen starrte sie ins Feuer. „Man sollte bald nachlegen lassen. Die Nächte können bitterkalt werden zu dieser Zeit.“
„Sicher nicht so kalt wie bei uns. Schneit es hier jemals?“
„Kaum. Manchmal.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wo ist das, bei Euch?“ Nun hatte sie endlich ein harmloses Thema gefunden.
„Eigentlich der Languedoc. Aber ich bin in der Champagne aufgewachsen. Kennt Ihr Euch aus in der Geografie von Mitteleuropa?“
Unwillkürlich reckte sie das Kinn. „Natürlich. Ich kann lesen und schreiben und bin in einer Klosterschule erzogen worden.“
Noch während sie sprach, zog er die Augenbrauen hoch. „Es war nicht meine Absicht, Euch zu beleidigen.“
„Aber nicht doch.“ Sie geriet in Eifer. „Wie könntet Ihr wissen, was in den Klöstern Neapels gelehrt wird.“ Als ihr auffiel, dass sie ihn gerade vor sich selber verteidigte, wurde sie sofort wieder verlegen. Wieso brachte er sie so aus der Fassung? Sie wusste doch sonst mit jedem Mann umzugehen. „Die Champagne, das ist Grenzland, nicht wahr?“
„Sie ist gesäumt von Burgen und in zahllose kleine Domänen aufgeteilt.“
„Sind sie sich genauso uneins wie die unseren?“ Sie wagte wieder, ihn anzuschauen.
Er schmunzelte und in seinem rechten Mundwinkel stand ein Grübchen. „Ihr versteht etwas von Politik? Ich bin ehrlich beeindruckt. Es gibt wenige Frauen, die sich dafür interessieren.“ Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. „Zuweilen nicht einmal die, die es müssten.“
„Mamma verbietet selbst Vater, beim Essen über Politik zu reden. Und Dario verachtet Politik.“
„Woher kommt dann Euer Wissen?“
Sie hob die Schultern. „Trotz aller Verachtung – vielleicht deshalb sogar – hat Dario mir immer alles erklärt.“
„Euer Vater macht auch Politik.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür, hinter der die Männer verschwunden waren. „Sonst wäre er diesen Handel nicht eingegangen.“
„O nein! Er ist Kaufmann. Dieser Vertrag hilft der Familie, neu anzufangen.“ Sie blinzelte, um zu vermeiden, dass ihr die Tränen kamen, aber vergeblich. Sie wischte mit den Handrücken über die Augen. „Der Kamin qualmt.“
Alexandre zog kaum merklich die linke Augenbraue hoch. Das war grob unhöflich, ihr so offen seinen Unglauben zu zeigen.
Sie bemühte sich dennoch, freundlich zu antworten. „Während der Revolte ist unser Lagerhaus abgebrannt worden.“
„Obwohl er auf Seiten der Aufständischen stand?“ Das wusste er auch? Vielleicht hatte Enzo deshalb von de Guise den Auftrag bekommen.
„Der Aufstand hat sich gegen die Steuern gerichtet. Der Brand hatte nichts damit zu tun.“
Alexandre nickte. „Jemand hat die Unruhen ausgenutzt.“
Was sollte sie darauf antworten? Der Chevalier de Grignoire hatte gesagt, der Herzog wolle wissen, was die Neapolitaner bewegt. „Die gabelle waren nicht die einzigen Probleme. Aber nur sie wären gelöst worden mit der Anerkennung der alten Privilegien.“
Wieder nickte er. „Ihr versteht tatsächlich etwas davon.“
Mirella schluckte nervös. „Ich bin nur ein Mädchen.“ So sehr sie gewohnt war, bewundert zu werden – Anerkennung dieser Art war ihr fremd. Alexandre schüchterte sie ein.
„Ihr seid zu bescheiden. In Frankreich gibt es viele Frauen, die durch klaren Verstand bestechen.“ Ein Schatten ging über sein Gesicht. „Hierzulande scheint man es weniger zu schätzen.“
„Ich weiß nicht.“ Sie dachte an Dario. „Mein Bruder nimmt mich schon ernst.“
„Ihr habt mit ihm die Tammuriata getanzt. Ihr habt sehr schön ausgesehen.“
Gott sei Dank, das war die Art von Kompliment, mit der sie sich auskannte. Sie neigte den Kopf, damit der Schein des Feuers ihre feine Nase deutlicher modellierte, und hob einen Moment später ihren Fächer vors Gesicht. „Jede Frau sieht schön aus, wenn sie die Tammuriata tanzt.“ Er war bei de Guise aufgewachsen, also sollte er das Spiel der Höflinge wohl beherrschen.
Doch er enttäuschte sie. „Mag sein“, war seine lakonische Antwort. Wieder verdüsterte sich sein Blick; das hatte sie nicht gewollt.
Hielt er sie jetzt für kokett oder gar leichtfertig? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob sie ihn langweile. „Wo habt Ihr Italienisch gelernt?“
„Ihr seid neugierig!“
Damit hatte er ihren Trotz herausgefordert. Sie senkte den Fächer und sah ihm unverfroren und ohne jedes Lächeln ins Gesicht.
Er schmunzelte. „So gefallt Ihr mir mehr.“
Sie biss sich auf die Lippen, um nicht kokett „Als?“ zu fragen.
Alexandre stand auf und legte Holz aus einem großen Korb nach, der neben dem Kamin stand. So sinnvoll es auch sein mochte, er tat es jetzt gewiss, weil er nicht wusste, was er sonst tun oder sagen sollte. Er hatte entschieden nichts von einem Höfling an sich.
Das Holz knisterte, als es Feuer fing.
„Möchtet Ihr etwas trinken?“ Alexandre deutete zum Tisch.
Er schenkte selber ein, als sei er ein Ordonnanz-Offizier, und brachte ihr die Tasse. Seine Hand streifte die ihre, als er sie ihr reichte. Unwillkürlich blieb ihr Blick darauf haften.
„Seid Ihr ein guter Cembalospieler?“
„Wie kommt Ihr darauf?“
„Eure Finger ....“ Seit wann machte eine Frau einem Mann Komplimente? Was war sie doch für ein Kind.
Seine Hand umfasste das Schwert. Er lachte verhalten; das gleiche warme Lachen wie zuvor, als er eingetreten war. Eine merkwürdige Wärme breitete sich in ihr aus. „Ich bin Soldat.“
„Aber es ist doch nicht immer Krieg.“
Wieder der Schatten in seinen Augen; nun hatte sie ihn gewiss wieder traurig gemacht. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine Zeit ohne Krieg gegeben hätte.“
„Dann müsstet Ihr hier leben.“ Erleichtert atmete sie auf; nun war sie wieder auf vertrautem Terrain. „Bis jetzt ... Bis zu diesem Sommer war hier Frieden. Die alten Zerstörungen, die Ihr in Neapel seht, stammen von dem großen Erdbeben. Und außerhalb der Stadt vom Vesuv.“
„Das ist gefährlicher als ein Krieg. Vor den Gewalten der Natur kann man sich nicht verteidigen.“
„Der Berg meldet sich rechtzeitig. Meine Eltern und Dario sind vor den Aschewolken geflohen; hinunter ans Meer nach Pozzuoli. Es ist sechzehn Jahre her, dass der Vesuv das letzte Mal erwachte. Seither sieht der Berg so abgesägt aus.“ Sie blickte sich nach einem Platz für ihre Tasse um. Als sie Anstalten machte, sie auf die Erde zu stellen, nahm er sie ihr ab. Sie war sicher, dass er sie dieses Mal absichtlich berührte.
Während er die Tasse auf den Tisch stellte, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Der Oberrock rutschte höher und eine Schuhspitze ragte darunter hervor. Sie dachte nicht daran, sie zurückzuziehen. „Werdet Ihr mit dem Herzog in Neapel bleiben?“
„Ihr seid wirklich neugierig.“ Er schmunzelte. Dieses Mal klang es nicht nach einer Abfuhr und sie verzieh ihm.
Er läutete nach einem Diener.
Auch dieser Lakai hatte schon im Dienst des Vizekönigs gestanden. Edoardo zündete die Kandelaber an, die an den Wänden hingen und auf den Kommoden standen.
Alexandre beobachtete ihn dabei, genauso wie sie es selber tat. Müsste er nicht gelernt haben, in jeder Situation gewandt aufzutreten? Felipe würde nicht schweigend herumsitzen. Jedenfalls hatte er das in ihrer Gesellschaft nie getan; er hatte immer eine Anekdote zu erzählen gehabt oder einen Scherz gewusst. Während sie Alexandre anblickte, konnte sie sich plötzlich nicht mehr richtig an Felipes Gesicht erinnern.
„Soll Edoardo Ihr etwas bringen?“ Erstaunlich, wie umstandslos er wieder ins Italienische wechselte.
„Signor Marquis, Seine Exzellenz hat soeben Abendessen für seine Gäste befohlen. Sie werden wohl noch lange ... Wenn Er der Signorina die Zeit vertreiben will ... Signorina Scandore ist eine vorzügliche Billard-Spielerin.“ Edoardo senkte den Blick. „Verzeih Sie mir, Signorina, wenn ich etwas Falsches gesagt habe.“
„Wo kann man in diesem Schloss Billard spielen?“
Mirella sprang auf. „Ich zeige es Ihm, wenn Er möchte.“
Alexandre lachte sein warmes Lachen. Es veränderte ihn völlig. Wie er als Junge gewesen sein mochte? Vor der Hinrichtung seines Vaters?
Er nahm einen der großen Kandelaber und wandte sich an Edoardo. „Er sage uns Bescheid, wenn gegessen wird.“
Edoardo öffnete ihnen die Tür und Mirella deutete zur Treppe. Aber nach zwei Schritten blieb sie zögernd stehen. „Ich fürchte, man hat dort nicht geheizt.“ Eben war sie auch schon mit ihm allein gewesen; aber das Vorzimmer des Dogen war kein abgelegener Billard-Saal in einem halb verwaisten Schloss.
Zwölftes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
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Leseproben aus den vorhergehenden Kapiteln als Sonntags-Sample der vorangegangen Wochen.
Zum historischen Hintergrund gibt es Informationen auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.
Textausschnitte aus meinen Romanen und Kurzgeschichten - #SampleSunday
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4.3.12
19.2.12
#SampleSunday - Königliche Republik ... Zwanzigstes Kapitel ...
Die Kaverne öffnete sich zu einem großen ovalen Raum. die Seitenwand rechts von ihr schwang sich in zwei großen Absätzen hinauf zur Decke. An der zweiten Stufe hatte Cesare sie angehalten. Hier hing die Decke noch eine Hand breit über ihrem Kopf, aber drei Schritte weiter reichte sie bis in ihren Nacken hinunter. Direkt an der Wand standen Pulverfässer in zwei Reihen hintereinander.
Mirella bückte sich und ging näher, um zu zählen.
„Zwölf!“
Sie wandte sich nach Cesare um und hob dabei prompt zu sehr den Kopf. Sand rieselte ihr in die Haare und ins Gesicht.
Vorsichtiger geworden trat sie weiter zurück und sah sich um, so weit das Licht es zuließ. „Es gibt nichts als diese Fässer.“
„Sie werden die Zündschnüre mitbringen, damit sie gewiss trocken sind.“
„Wir wissen nicht sicher, dass in den Fässern Pulver ist.“
Ungeduldig hieb er mit der Fackel durch die Luft; sodass der Zug sie fast zum Erlöschen brachte. „Was wird einer hier lagern? Gesalzenen Fisch?“
„Du hast Recht! Ich will es immer noch nicht wahr haben.“
Langsam kam er ihr entgegen. „Sie muss den Dogen warnen. Allerdings ...“
„Ich werde den Weg nicht finden. Du musst die Franzosen hierher führen.“
„Ich zeige Ihr, wie man von hier in die Krypta gelangt; Sie muss sich nur diesen Zugang merken.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie ans andere Ende des Raums.
In einer Nische hing eine schmale Strickleiter. „Sieht Sie jetzt, warum die Fässer über den langen Weg gekommen sind. Und warum dieser Ort perfekt ist?“
Sie reckte den Hals, aber sie konnte das Ende der Strickleiter im Dunkel der Höhe nicht erkennen. „Müssen wir dort hoch?“ Sie schluckte nervös.
„Ich halte die Leiter fest, bis sie oben angekommen ist.“
„Was ist dort oben?“ Ein eisiger Schauer überlief sie.
„Wir befinden uns unter der Krypta.“
Mirella zögerte. „Gibt es keinen anderen Weg?“
„Doch. Selbstverständlich.“
„Dann .... Wenn dort oben jemand ist ..“
Cesare rieb sich über die Stirn. „Freilich ... Aber ich bezweifle, dass sie von einer anderen Stelle aus die Soldaten führen kann.“
„Dann muss er das tun.“ Sie würde keinesfalls diese Strickleiter hoch steigen. „Er kann mir diesen Zugang morgen von außen zeigen. Oder den Franzosen.“
Cesare blickte nach oben, dann sah er sie wieder an. „Über diese Leiter wären wir sehr viel schneller draußen. Sie wird sich erkälten, wenn wir noch lange hier unten bleiben.“
Automatisch blickte sie an sich herab. Ihre Zehen fühlte sie fast nicht mehr und ihre Waden waren eisig. Cesare hatte gewiss recht. „Dann sollten wir nicht länger hier stehen bleiben.“
Cesare langte nach der Strickleiter und straffte sie. „Bitte, Signorina.”
Miralla stampfte mit dem Fuß auf. „Doch nicht hier!“
Seufzend ließ Cesare die Leiter los und griff nach ihrer Hand. Aber er führte sie nicht fort. „Wir können nicht an jeder beliebigen Stelle nach oben. Weiß Sie, zu wem die jeweiligen Bewohner halten?“
„Er wird es gewiss wissen.“ Ihr war maulig zumute, sie hatte zunehmend Lust, mit ihm zu streiten.
Da führte er sie endlich zurück an den Eingang der Kaverne. „Ein paar Schritte von hier führt ein Gang in den Hof eines Fischhändlers. Von dort kommen wir leicht ins Freie, selbst wenn man uns entdeckt.“
Erleichtert schlug sie neben ihm den angezeigten Weg ein. „Was fürchtest du?“
„Ich bin mir nicht sicher ... Wenn die Verräter zu früh davon erfahren, dass ihr Plan aufgedeckt ist, könnten sie ihn ändern. Aufgeben werden sie ihn gewiss nicht.“
„Also dürfen sie keine Zeit mehr haben, ihn zu ändern. Ich gehe gleich in der Früh zum Chevalier de Grignoire. Er wird Rat wissen.“ Lieber ginge sie zu Alexandre – aber sie würde nicht verbergen können, was sie trieb.
Sie gähnte; dies ließ sich an wie eine weitere Nacht, in der sie nicht zum Schlafen käme.
Sie betraten die Abzweigung. Von irgendwo kam ein plötzlicher Luftzug, der sie erschauern ließ. Se wickelte den Umhang fester um sich.
Gleich darauf drückte Cesare sie plötzlich an die Wand und löschte die Fackel. „Ganz still!“
Leise raschelte es in ihrer Nähe; das musste eine Ratte oder ein anderes kleines Tier sein. Sand knirschte unter Mirellas Fuß, als sie sich bequemer hinstellte. Es kam ihr vor, als warteten sie endlos – worauf eigentlich?
„Was ist?“, hauchte sie schließlich in Cesares Ohr. Er legte ihr die Hand auf den Mund.
Ergeben seufzte sie. Nun spürte sie ihre Zehen überhaupt nicht mehr und die von Nässe vollgesogenen Schuhe hingen schwer an ihren Füßen. Aber ihre Augen gewöhnten sich wieder an die Finsternis und sie konnte die hellere Wand, an der sie lehnte, von dem finsteren Loch des Tunnels selbst unterschieden. Nur zur Decke reichte ihr Blick noch nicht.
Schließlich tippte Cesare ihr auf die Schulter. „Vorsichtig!“
Cesare blieb nach jedem Schritt stehen und setzte die Füße nahezu geräuschlos. Mirella versuchte, es ihm gleich zu tun, obwohl sie ihn am liebsten ungeduldig vorwärts gedrängt hätte. Außer ihnen und den Tieren gab es hier doch niemanden. Mirella klapperte anfallsweise mit den Zähnen. Der Versuch, es zu unterdrücken, ließ ihre Kinngelenke schmerzen. Um sich abzulenken, begann sie ihre Schritte zu zählen.
Als sie bei fünfhundertvierundsechzig angekommen war, blieb Cesare erneut stehen. Er drehte sich um und tastete nach ihrer Hand. „Stufen. Zehn hinab, dann ein paar Schritte nach links; dann geht es nach oben. Sei Sie um Himmels Willen leise.“
Die freie Hand gegen die Wand gestützt, tastete sich Mirella von Stufe zu Stufe. Die unteren waren feucht und schmierig. Auf einer rutschte sie aus, aber Cesare hielt sie sicher und fing ihren Sturz auf. Einen Moment hielt er sie in seinen Armen und drückte sein Gesicht gegen ihre Stirn. „Wir haben es gleich geschafft.“
Eine Stufe tiefer trat sie in Wasser. Es war erst die achte. Bei der nächsten würde es ihr wieder in die Schuhe laufen. „Können wir nicht schneller gehen?“
Cesare zog sie dichter an sich heran, sodass sie gezwungen war, sich seinem Tempo zu fügen. „Wenn Sie stürzt, sind nicht nur die Füße nass.“ Aber als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, lief er schneller.
Das Wasser reichte ihr bis zur Wade; zu spät hatte sie den Saum der Röcke in den Gürtel gesteckt. Nun schlug der nasse Stoff um ihre Beine.
Die Treppe nach oben war bedeutend länger als die andere. Anfangs zählte sie die Stufen. Aber bei der elften oder zwölften verzählte sie sich; und dann stützte sie sich nur noch schwer auf Cesares Arm und wartete darauf, am Ausstieg anzukommen.
Auch Cesare musste die Stufen gezählt haben, denn er stoppte sie, als ihr Kopf nur Zentimeter unter einer Decke war. Wieder drückte er sie an die Wand und legte ihr die Hand auf den Mund.
Sie streckte einen Arm aus nach dieser Decke über sich. Es war ein wärmeres Material als die Wände – eine Falltür wohl. Und wenn dort etwas darauf stünde?
Gedämpft drang das Bellen eines Hundes zu ihnen; dann war es wieder still.
Cesare wartete wieder eine Weile; dann drückte er vorsichtig gegen die Falltür. Geräuschlos öffnete sie sich einen Spalt und das graue Licht der Nacht wirkte geradezu hell nach der Dunkelheit der Kaverne.
Cesare wartete regungslos und Mirella reckte lauschend den Kopf. Er trat eine Stufe höher und schob die Falltür zur Hälfte auf. Vorsichtig blickte er über die Kante, dann streckte er die Hand nach ihr aus.
Mirella stieß sich von der Wand ab und stieg hoch, während Cesare die Falltür festhielt.
Sie befanden sich in einem umfriedeten Hof; der Ausstieg direkt neben einem Schuppen. Bis zum Haus waren es an die zwanzig Schritte. Dort brannte kein Licht; aber der Karren in der Mitte des Hofs würde sie sowieso den Blicken der Bewohner entziehen.
Eine Katze kam maunzend auf sie zu. Reflexhaft streckte Mirella ihre Hand aus, um sie zu streicheln. Da sprang die Katze sie mit einem wütenden Fauchen an. Entsetzt wich Mirella einen Schritt zurück und stürzte gegen Cesare.
Er ließ die Tür los, um Mirella aufzufangen. Mit einem lauten Knall schlug sie zu. Cesare gelang es, sich an der Wand abzufangen und den Sturz zu bremsen.
Der Hund begann zu kläffen.
„Verdammt!“
„Die Katze!“ Mirella schluchzte. „Sie hat mich angefallen.“
„Weg hier.“ Cesare schlug die Falltür auf, ohne sich weiter um den Lärm zu kümmern, den sie dabei machten.
Im Haus leuchtete eine Lampe auf; das Licht bewegte sich.
Er zeigte zur Mauer neben dem Schuppen. „Dorthin!“
Mirella raffte ihre nassen Röcke und lief los.
„Wer ist da?“ Der Männerstimme folgten Schritte von der Haustreppe; die Schritte mehrerer Menschen.
Mirella erreichte die Mauer. Die Kante war fast eine Kopflänge über ihr. Sie griff mit beiden Händen danach und versuchte, sich mit einem Klimmzug hochzuziehen. Doch sie konnte sich nicht halten; sie war viel zu müde und steif gefroren. Ihre Knie schürften sich an der Mauer auf, als sie abrutschte. Sie müsste es mit einem Anlauf versuchen, aber dazu hatte sie nicht mehr die Kraft.
Sie blickte zurück. Cesare war dicht hinter ihr; drei Männer liefen brüllend und mit Messern fuchtelnd auf sie zu.
Cesare erreichte sie und hielt ihr halb gebückt die gefalteten Hände für eine Räuberleiter hin. „Schnell!“
Sie stieg mit einem Fuß auf seine Hände und klammerte sich an der Mauerkrone fest. Er schob sie hoch und half ihr, ganz auf die Mauer zu steigen.
Sie sprang hinunter in die dunkle Gasse.
Cesares Gesicht erschien über der Mauer.
„Bleib hier, Bursche!“
Cesare schien nach jemandem zu treten; dann stöhnte er auf. Mirella griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Sie zog und Cesare kam auf der Mauer zu liegen.
Eine Hand streckte er abwehrend in Richtung Hof; dann krümmte er sich stöhnend und ließ sich zu Mirella hinunterfallen.
Hinter der Mauer fluchte ein Mann.
Mirella starrte schreckensstarr auf ihn; dann bückte sie sich. „Bist du verletzt?“
Es war zu dunkel, um ihn genauer anzuschauen. Und keine Zeit. Sie half ihm auf die Beine.
Cesare keuchte. „Weg hier!“ Er taumelte vorwärts und presste eine Hand in die rechte Seite. „Da entlang!“
Mirella packte ihn unter einer Achsel, um ihn zu stützen, und er legte seinen Arm über ihre Schulter.
„Wo sind wir?“
„Vicolo dei fasoi.“ Er lenkte sie in eine noch schmalere Gasse, in der sie kaum nebeneinander Platz zum Gehen hatten.
Am Ende der Gasse blieb Mirella stehen. „Wie kommen wir nach Hause?“
„Zu Fuß.“ Cesare stieß die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Wir müssen etwas mit deiner Wunde machen.“
„Es war bloß ein Messer; es wird schon gehen.“
Mirella zog seine Hand von der Hüfte. Was da dunkel auf ihren Fingern schimmerte, war Blut. Sie zerrte an seinem Hemd; aber bevor sie es aus der Hose gezogen hatte, hielt er sie fest.
„Das hat Zeit!“
Sie bezweifelte es, aber es war sicher gut, den langen Weg in Etappen zurückzulegen.
Von Santa Carmine schlug es zwei, als sie auf die Piazza dell’Egidio heraustraten. Hier war die Nacht weniger dunkel und Mirella blieb stehen.
„Jetzt sind wir weit genug, dass ich deine Wunde verbinde.“ Sie streifte einen ihrer Unterröcke ab. Das nasse Ende wrang sie aus und dann wickelte sie den trockenen Teil als Druckverband fest um Cesares Taille und verknotete ihn.
Er knurrte, aber ließ es sich gefallen.
Eine halbe Stunde später ließ sie sich erschöpft auf die Stufen zur Basilica del San Piero fallen. „Mir ist kalt und ich bin müde. So kommen wir nie nach Hause.“
„Mir wäre eine Patrouille sehr gelegen, auch wenn sie uns einsperren täten.“
Sie legte den Kopf auf ihre Knie. „Was erzählen wir ihnen? Wir müssten beide dasselbe aussagen.“
„Dass wir von Verrätern angegriffen wurden, als wir sie entdeckt haben.“
„Was für Verräter?“ Sie seufzte.
„Das kommt darauf an, ob es eine Patrouille Anneses ist oder des Dogen.“
„Cesare, wie alt bist du eigentlich?“
Cesare räusperte sich. „Im April werde ich siebzehn. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie unser Doge.“
Eine Uhr schlug Drei. „Lass uns weitergehen. Es dauert mindestens noch eine Stunde, bis die ersten Fischer unterwegs sind.“
„Niemand geht mehr fischen in diesen Tagen.“ Mirella seufzte.
„Und woher kommen die Fische auf dem Markt? Ein paar Männer haben ihre Boote in den Häfen von Marechiaro und Torre del Greco liegen; die machen sich um diese Zeit auf den Weg.“
Mirella schmunzelte unwillkürlich. „Cesare, mir scheint, auch du nimmst es mit der Ausgangssperre nicht so genau.“
Sie strich den Überrock glatt und erhob sich. „Gehen wir ein Stück weiter.“
Cesare zog sich mit ihrer Hilfe hoch; dann hakte sie ihn wieder unter und sie gingen langsam an den Häusern entlang ans gegenüber liegende Ende der Piazza.
Als sie eben die Straße überqueren wollten, klang hinter ihnen das Rattern von Rädern. Sie drückten sich in den Schatten eines Hauseingangs.
Ein kleiner Karren ohne Lampe, vor den ein Esel gespannt war, rollte langsam über die Piazza auf sie zu. Eine schmale Gestalt mit breitkrempigem Hut zeichnete sich gegen den Himmel ab; sie schien direkt auf dem Karren zu sitzen.
„Der ist bestimmt harmlos.“ Sie ließ Cesare los und trat ein paar Schritte auf die Piazza. „Signore!“ Sie griff nach ihren Röcken und hielt sie so weit ausgebreitet, dass ihre Silhouette sie unzweideutig als Frau zeigte.
Der Karren rollte weiter.
„Signore.“ Mirella winkte und lief ihm entgegen. „Bitte; er helfe uns.“
Der Karren hielt, kurz bevor Mirella ihn erreichte. Die Gestalt zog den Hut vom Kopf und helles langes Haar fiel auf ihre Schultern. Ein junges Gesicht blickte ihr entgegen, wohl noch jünger als sie selbst.
Mirella trat an den Esel und griff nach dem Leinenzeug. „Signorina, wir sind in einen Hinterhalt geraten. Mein Lakai konnte mich verteidigen; aber nun wird er sterben, wenn er nicht bald in die Hände eines Arztes kommt.“
Das Mädchen musterte sie von oben bis unten. „Wie kommt es, dass Sie zu Fuß unterwegs ist?“
„Das Kutschpferd ist tot.“ Sie würde sich nicht wundern, wenn das Mädchen ihr nicht glaubte. Sie täte es auch nicht; aber was sonst sollte sie sagen? „Es soll nicht Ihr Nachteil sein, wenn Sie uns nach Hause bringt.“
„Sehe ich aus, als ließe ich mich bezahlen?“
Mirella senkte den Blick. „Ich wollte Sie nicht kränken!“
„Und wo hat Sie Ihren Diener gelassen?“
Eingeschüchtert wies sie zur Straßeneinmündung.
„So bring Sie ihn hinaus auf die Piazza. Ich will sehen, dass es keine Falle ist.“
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Mirella bückte sich und ging näher, um zu zählen.
„Zwölf!“
Sie wandte sich nach Cesare um und hob dabei prompt zu sehr den Kopf. Sand rieselte ihr in die Haare und ins Gesicht.
Vorsichtiger geworden trat sie weiter zurück und sah sich um, so weit das Licht es zuließ. „Es gibt nichts als diese Fässer.“
„Sie werden die Zündschnüre mitbringen, damit sie gewiss trocken sind.“
„Wir wissen nicht sicher, dass in den Fässern Pulver ist.“
Ungeduldig hieb er mit der Fackel durch die Luft; sodass der Zug sie fast zum Erlöschen brachte. „Was wird einer hier lagern? Gesalzenen Fisch?“
„Du hast Recht! Ich will es immer noch nicht wahr haben.“
Langsam kam er ihr entgegen. „Sie muss den Dogen warnen. Allerdings ...“
„Ich werde den Weg nicht finden. Du musst die Franzosen hierher führen.“
„Ich zeige Ihr, wie man von hier in die Krypta gelangt; Sie muss sich nur diesen Zugang merken.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie ans andere Ende des Raums.
In einer Nische hing eine schmale Strickleiter. „Sieht Sie jetzt, warum die Fässer über den langen Weg gekommen sind. Und warum dieser Ort perfekt ist?“
Sie reckte den Hals, aber sie konnte das Ende der Strickleiter im Dunkel der Höhe nicht erkennen. „Müssen wir dort hoch?“ Sie schluckte nervös.
„Ich halte die Leiter fest, bis sie oben angekommen ist.“
„Was ist dort oben?“ Ein eisiger Schauer überlief sie.
„Wir befinden uns unter der Krypta.“
Mirella zögerte. „Gibt es keinen anderen Weg?“
„Doch. Selbstverständlich.“
„Dann .... Wenn dort oben jemand ist ..“
Cesare rieb sich über die Stirn. „Freilich ... Aber ich bezweifle, dass sie von einer anderen Stelle aus die Soldaten führen kann.“
„Dann muss er das tun.“ Sie würde keinesfalls diese Strickleiter hoch steigen. „Er kann mir diesen Zugang morgen von außen zeigen. Oder den Franzosen.“
Cesare blickte nach oben, dann sah er sie wieder an. „Über diese Leiter wären wir sehr viel schneller draußen. Sie wird sich erkälten, wenn wir noch lange hier unten bleiben.“
Automatisch blickte sie an sich herab. Ihre Zehen fühlte sie fast nicht mehr und ihre Waden waren eisig. Cesare hatte gewiss recht. „Dann sollten wir nicht länger hier stehen bleiben.“
Cesare langte nach der Strickleiter und straffte sie. „Bitte, Signorina.”
Miralla stampfte mit dem Fuß auf. „Doch nicht hier!“
Seufzend ließ Cesare die Leiter los und griff nach ihrer Hand. Aber er führte sie nicht fort. „Wir können nicht an jeder beliebigen Stelle nach oben. Weiß Sie, zu wem die jeweiligen Bewohner halten?“
„Er wird es gewiss wissen.“ Ihr war maulig zumute, sie hatte zunehmend Lust, mit ihm zu streiten.
Da führte er sie endlich zurück an den Eingang der Kaverne. „Ein paar Schritte von hier führt ein Gang in den Hof eines Fischhändlers. Von dort kommen wir leicht ins Freie, selbst wenn man uns entdeckt.“
Erleichtert schlug sie neben ihm den angezeigten Weg ein. „Was fürchtest du?“
„Ich bin mir nicht sicher ... Wenn die Verräter zu früh davon erfahren, dass ihr Plan aufgedeckt ist, könnten sie ihn ändern. Aufgeben werden sie ihn gewiss nicht.“
„Also dürfen sie keine Zeit mehr haben, ihn zu ändern. Ich gehe gleich in der Früh zum Chevalier de Grignoire. Er wird Rat wissen.“ Lieber ginge sie zu Alexandre – aber sie würde nicht verbergen können, was sie trieb.
Sie gähnte; dies ließ sich an wie eine weitere Nacht, in der sie nicht zum Schlafen käme.
Sie betraten die Abzweigung. Von irgendwo kam ein plötzlicher Luftzug, der sie erschauern ließ. Se wickelte den Umhang fester um sich.
Gleich darauf drückte Cesare sie plötzlich an die Wand und löschte die Fackel. „Ganz still!“
Leise raschelte es in ihrer Nähe; das musste eine Ratte oder ein anderes kleines Tier sein. Sand knirschte unter Mirellas Fuß, als sie sich bequemer hinstellte. Es kam ihr vor, als warteten sie endlos – worauf eigentlich?
„Was ist?“, hauchte sie schließlich in Cesares Ohr. Er legte ihr die Hand auf den Mund.
Ergeben seufzte sie. Nun spürte sie ihre Zehen überhaupt nicht mehr und die von Nässe vollgesogenen Schuhe hingen schwer an ihren Füßen. Aber ihre Augen gewöhnten sich wieder an die Finsternis und sie konnte die hellere Wand, an der sie lehnte, von dem finsteren Loch des Tunnels selbst unterschieden. Nur zur Decke reichte ihr Blick noch nicht.
Schließlich tippte Cesare ihr auf die Schulter. „Vorsichtig!“
Cesare blieb nach jedem Schritt stehen und setzte die Füße nahezu geräuschlos. Mirella versuchte, es ihm gleich zu tun, obwohl sie ihn am liebsten ungeduldig vorwärts gedrängt hätte. Außer ihnen und den Tieren gab es hier doch niemanden. Mirella klapperte anfallsweise mit den Zähnen. Der Versuch, es zu unterdrücken, ließ ihre Kinngelenke schmerzen. Um sich abzulenken, begann sie ihre Schritte zu zählen.
Als sie bei fünfhundertvierundsechzig angekommen war, blieb Cesare erneut stehen. Er drehte sich um und tastete nach ihrer Hand. „Stufen. Zehn hinab, dann ein paar Schritte nach links; dann geht es nach oben. Sei Sie um Himmels Willen leise.“
Die freie Hand gegen die Wand gestützt, tastete sich Mirella von Stufe zu Stufe. Die unteren waren feucht und schmierig. Auf einer rutschte sie aus, aber Cesare hielt sie sicher und fing ihren Sturz auf. Einen Moment hielt er sie in seinen Armen und drückte sein Gesicht gegen ihre Stirn. „Wir haben es gleich geschafft.“
Eine Stufe tiefer trat sie in Wasser. Es war erst die achte. Bei der nächsten würde es ihr wieder in die Schuhe laufen. „Können wir nicht schneller gehen?“
Cesare zog sie dichter an sich heran, sodass sie gezwungen war, sich seinem Tempo zu fügen. „Wenn Sie stürzt, sind nicht nur die Füße nass.“ Aber als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, lief er schneller.
Das Wasser reichte ihr bis zur Wade; zu spät hatte sie den Saum der Röcke in den Gürtel gesteckt. Nun schlug der nasse Stoff um ihre Beine.
Die Treppe nach oben war bedeutend länger als die andere. Anfangs zählte sie die Stufen. Aber bei der elften oder zwölften verzählte sie sich; und dann stützte sie sich nur noch schwer auf Cesares Arm und wartete darauf, am Ausstieg anzukommen.
Auch Cesare musste die Stufen gezählt haben, denn er stoppte sie, als ihr Kopf nur Zentimeter unter einer Decke war. Wieder drückte er sie an die Wand und legte ihr die Hand auf den Mund.
Sie streckte einen Arm aus nach dieser Decke über sich. Es war ein wärmeres Material als die Wände – eine Falltür wohl. Und wenn dort etwas darauf stünde?
Gedämpft drang das Bellen eines Hundes zu ihnen; dann war es wieder still.
Cesare wartete wieder eine Weile; dann drückte er vorsichtig gegen die Falltür. Geräuschlos öffnete sie sich einen Spalt und das graue Licht der Nacht wirkte geradezu hell nach der Dunkelheit der Kaverne.
Cesare wartete regungslos und Mirella reckte lauschend den Kopf. Er trat eine Stufe höher und schob die Falltür zur Hälfte auf. Vorsichtig blickte er über die Kante, dann streckte er die Hand nach ihr aus.
Mirella stieß sich von der Wand ab und stieg hoch, während Cesare die Falltür festhielt.
Sie befanden sich in einem umfriedeten Hof; der Ausstieg direkt neben einem Schuppen. Bis zum Haus waren es an die zwanzig Schritte. Dort brannte kein Licht; aber der Karren in der Mitte des Hofs würde sie sowieso den Blicken der Bewohner entziehen.
Eine Katze kam maunzend auf sie zu. Reflexhaft streckte Mirella ihre Hand aus, um sie zu streicheln. Da sprang die Katze sie mit einem wütenden Fauchen an. Entsetzt wich Mirella einen Schritt zurück und stürzte gegen Cesare.
Er ließ die Tür los, um Mirella aufzufangen. Mit einem lauten Knall schlug sie zu. Cesare gelang es, sich an der Wand abzufangen und den Sturz zu bremsen.
Der Hund begann zu kläffen.
„Verdammt!“
„Die Katze!“ Mirella schluchzte. „Sie hat mich angefallen.“
„Weg hier.“ Cesare schlug die Falltür auf, ohne sich weiter um den Lärm zu kümmern, den sie dabei machten.
Im Haus leuchtete eine Lampe auf; das Licht bewegte sich.
Er zeigte zur Mauer neben dem Schuppen. „Dorthin!“
Mirella raffte ihre nassen Röcke und lief los.
„Wer ist da?“ Der Männerstimme folgten Schritte von der Haustreppe; die Schritte mehrerer Menschen.
Mirella erreichte die Mauer. Die Kante war fast eine Kopflänge über ihr. Sie griff mit beiden Händen danach und versuchte, sich mit einem Klimmzug hochzuziehen. Doch sie konnte sich nicht halten; sie war viel zu müde und steif gefroren. Ihre Knie schürften sich an der Mauer auf, als sie abrutschte. Sie müsste es mit einem Anlauf versuchen, aber dazu hatte sie nicht mehr die Kraft.
Sie blickte zurück. Cesare war dicht hinter ihr; drei Männer liefen brüllend und mit Messern fuchtelnd auf sie zu.
Cesare erreichte sie und hielt ihr halb gebückt die gefalteten Hände für eine Räuberleiter hin. „Schnell!“
Sie stieg mit einem Fuß auf seine Hände und klammerte sich an der Mauerkrone fest. Er schob sie hoch und half ihr, ganz auf die Mauer zu steigen.
Sie sprang hinunter in die dunkle Gasse.
Cesares Gesicht erschien über der Mauer.
„Bleib hier, Bursche!“
Cesare schien nach jemandem zu treten; dann stöhnte er auf. Mirella griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Sie zog und Cesare kam auf der Mauer zu liegen.
Eine Hand streckte er abwehrend in Richtung Hof; dann krümmte er sich stöhnend und ließ sich zu Mirella hinunterfallen.
Hinter der Mauer fluchte ein Mann.
Mirella starrte schreckensstarr auf ihn; dann bückte sie sich. „Bist du verletzt?“
Es war zu dunkel, um ihn genauer anzuschauen. Und keine Zeit. Sie half ihm auf die Beine.
Cesare keuchte. „Weg hier!“ Er taumelte vorwärts und presste eine Hand in die rechte Seite. „Da entlang!“
Mirella packte ihn unter einer Achsel, um ihn zu stützen, und er legte seinen Arm über ihre Schulter.
„Wo sind wir?“
„Vicolo dei fasoi.“ Er lenkte sie in eine noch schmalere Gasse, in der sie kaum nebeneinander Platz zum Gehen hatten.
Am Ende der Gasse blieb Mirella stehen. „Wie kommen wir nach Hause?“
„Zu Fuß.“ Cesare stieß die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Wir müssen etwas mit deiner Wunde machen.“
„Es war bloß ein Messer; es wird schon gehen.“
Mirella zog seine Hand von der Hüfte. Was da dunkel auf ihren Fingern schimmerte, war Blut. Sie zerrte an seinem Hemd; aber bevor sie es aus der Hose gezogen hatte, hielt er sie fest.
„Das hat Zeit!“
Sie bezweifelte es, aber es war sicher gut, den langen Weg in Etappen zurückzulegen.
Von Santa Carmine schlug es zwei, als sie auf die Piazza dell’Egidio heraustraten. Hier war die Nacht weniger dunkel und Mirella blieb stehen.
„Jetzt sind wir weit genug, dass ich deine Wunde verbinde.“ Sie streifte einen ihrer Unterröcke ab. Das nasse Ende wrang sie aus und dann wickelte sie den trockenen Teil als Druckverband fest um Cesares Taille und verknotete ihn.
Er knurrte, aber ließ es sich gefallen.
Eine halbe Stunde später ließ sie sich erschöpft auf die Stufen zur Basilica del San Piero fallen. „Mir ist kalt und ich bin müde. So kommen wir nie nach Hause.“
„Mir wäre eine Patrouille sehr gelegen, auch wenn sie uns einsperren täten.“
Sie legte den Kopf auf ihre Knie. „Was erzählen wir ihnen? Wir müssten beide dasselbe aussagen.“
„Dass wir von Verrätern angegriffen wurden, als wir sie entdeckt haben.“
„Was für Verräter?“ Sie seufzte.
„Das kommt darauf an, ob es eine Patrouille Anneses ist oder des Dogen.“
„Cesare, wie alt bist du eigentlich?“
Cesare räusperte sich. „Im April werde ich siebzehn. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie unser Doge.“
Eine Uhr schlug Drei. „Lass uns weitergehen. Es dauert mindestens noch eine Stunde, bis die ersten Fischer unterwegs sind.“
„Niemand geht mehr fischen in diesen Tagen.“ Mirella seufzte.
„Und woher kommen die Fische auf dem Markt? Ein paar Männer haben ihre Boote in den Häfen von Marechiaro und Torre del Greco liegen; die machen sich um diese Zeit auf den Weg.“
Mirella schmunzelte unwillkürlich. „Cesare, mir scheint, auch du nimmst es mit der Ausgangssperre nicht so genau.“
Sie strich den Überrock glatt und erhob sich. „Gehen wir ein Stück weiter.“
Cesare zog sich mit ihrer Hilfe hoch; dann hakte sie ihn wieder unter und sie gingen langsam an den Häusern entlang ans gegenüber liegende Ende der Piazza.
Als sie eben die Straße überqueren wollten, klang hinter ihnen das Rattern von Rädern. Sie drückten sich in den Schatten eines Hauseingangs.
Ein kleiner Karren ohne Lampe, vor den ein Esel gespannt war, rollte langsam über die Piazza auf sie zu. Eine schmale Gestalt mit breitkrempigem Hut zeichnete sich gegen den Himmel ab; sie schien direkt auf dem Karren zu sitzen.
„Der ist bestimmt harmlos.“ Sie ließ Cesare los und trat ein paar Schritte auf die Piazza. „Signore!“ Sie griff nach ihren Röcken und hielt sie so weit ausgebreitet, dass ihre Silhouette sie unzweideutig als Frau zeigte.
Der Karren rollte weiter.
„Signore.“ Mirella winkte und lief ihm entgegen. „Bitte; er helfe uns.“
Der Karren hielt, kurz bevor Mirella ihn erreichte. Die Gestalt zog den Hut vom Kopf und helles langes Haar fiel auf ihre Schultern. Ein junges Gesicht blickte ihr entgegen, wohl noch jünger als sie selbst.
Mirella trat an den Esel und griff nach dem Leinenzeug. „Signorina, wir sind in einen Hinterhalt geraten. Mein Lakai konnte mich verteidigen; aber nun wird er sterben, wenn er nicht bald in die Hände eines Arztes kommt.“
Das Mädchen musterte sie von oben bis unten. „Wie kommt es, dass Sie zu Fuß unterwegs ist?“
„Das Kutschpferd ist tot.“ Sie würde sich nicht wundern, wenn das Mädchen ihr nicht glaubte. Sie täte es auch nicht; aber was sonst sollte sie sagen? „Es soll nicht Ihr Nachteil sein, wenn Sie uns nach Hause bringt.“
„Sehe ich aus, als ließe ich mich bezahlen?“
Mirella senkte den Blick. „Ich wollte Sie nicht kränken!“
„Und wo hat Sie Ihren Diener gelassen?“
Eingeschüchtert wies sie zur Straßeneinmündung.
„So bring Sie ihn hinaus auf die Piazza. Ich will sehen, dass es keine Falle ist.“
Zwanzigstes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
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12.2.12
#SampleSunday - Königliche Republik ... Sechzehntes Kapitel ...
25. Dezember 1647
„Je weniger Leute davon wissen, desto mehr Spielraum bleibt“, hatte der Comte de Modène gesagt, als er Enzo die Genehmigung für Mirellas Besuch in Torrione übergab. Darum fuhr Enzo jetzt die Kutsche selbst.
Neben Mirella saß Rita. Sie hatte darauf bestanden mitzukommen und brachte Mirella jetzt an den Rand des Wahnsinns mit ihrem Gejammer.
„Mamma, so hör Sie endlich auf! Ich kann ja gar nicht nachdenken!“
„Wie sprichst du mit mir?“ Rita blitzte sie zornig an. „Du hast die ganze Zeit mit Dario unter einer Decke gesteckt!“
Mirella schloss die Augen. „Mamma! Bitte!“
Rita schwieg schließlich. Erst als Enzo in Torrione Mirella aus der Kutsche half, öffnete sie wieder den Mund. Aber jetzt war es an Enzo, ihr einen Blick zuzuwerfen, der sie schweigen hieß.
Mirella folgte Enzo zum Tor; mit jedem Schritt wuchs ihre Angst. Was erwartete sie dort?
Er ließ den schweren Türklopfer anschlagen; dann drehte er sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. „Wir warten hier auf dich.“ Er zitterte mehr als sie selbst, als er sie an sich drückte. „Meine tapfere Kleine. Pass auf, was du sprichst. Vielleicht hängt alles davon ab.“
Ein Riegel quietschte, als er zurückgezogen wurde. Dann drehte sich knarrend ein Schlüssel.
Mirella zitterten die Knie; sie befreite sich aus Enzos Armen und reckte den Kopf.
Ein Milizionär stand neben dem Tor, dahinter ein schwarz gekleideter Mann. Ein Tintenfleck neben dem Mund verriet ihn als Schreiber.
Die Wache trat zur Seite.
„Signore, Er wünscht?“
Enzo zog den Passierschein aus der Manteltasche und hielt dem Schreiber das Siegel vors Gesicht. „Meine Tochter hat die Erlaubnis des Dogen, ihren Bruder zu sprechen.“
Der Schreiber nahm Enzo das Papier ab, zog einen Zwicker hervor und setzte ihn auf. Er studierte das Papier und murmelte dabei die Worte mehrmals hintereinander, als wolle er sie auswendig lernen. „Das hatten wir noch nie!“ Er musterte Mirella von unten bis oben. „Sie wird ihre feinen Kleider schmutzig machen! Eine Dame wie Sie hatten wir noch nie.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sieht ihm nicht sehr ähnlich. Ist Sie wirklich die Schwester?“
Enzo begann rot anzulaufen, ein sicheres Zeichen, das er gleich aus der Haut fahren würde.
Mirella erschrak; schnell trat sie vor ihn und reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. „Wird Er dem Befehl des Dogen nun folgen und mich einlassen?“
Fast hätte sie gegrinst, als der Schreiber einen halben Schritt vor ihr zurückwich und sich ein wenig verneigte. „Selbstverständlich, Signorina. Bitte hier, Signorina.“ Noch nie hatte sie so mit jemandem gesprochen. Es stimmte also, dass Arroganz sich auszahlte.
Doch gleich darauf stieg wieder Angst in ihr hoch. Der Schreiber führte sie durch einen dunklen Korridor zu einer langen Treppe, auf deren steinernen Stufen ihre Schritte laut widerhallten. Der Keller war dagegen aus gestampfter Erde; ein lehmiger Boden, auf dem an vielen Stellen das Wasser stand. Der Gang wurde von einzelnen qualmenden Fackeln spärlich erleuchtet und ging um mehrere Ecken. Zuweilen entschwand der Schreiber ihrem Blick und sie hörte nur noch das Klirren seiner Schlüssel. Sie beeilte sich, Schritt zu halten, denn er nahm keine Rücksicht. Die Wände rückten immer dichter an sie heran, je weiter sie kamen. Darum hatte er gesagt, sie würde sich ihre Kleider schmutzig machen. Sie wickelte ihre Röcke enger um sich, aber es mochte wenig nützen. Von Zeit zu Zeit traf sie ein Tropfen ins Gesicht. Ihre Schuhe sogen sich mit Wasser voll und ihre Füße wurden eiskalt. Dann ging es eine Schräge hinab, die im Fackellicht schmierig-feucht schimmerte. Unwillkürlich streckte sie die Hand nach einem Geländer aus, um nicht darauf auszurutschen; aber es gab natürlich keines.
Sie blickte zurück und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wenn dieser Mann es nicht wollte, würde sie nie wieder den Weg zurück finden.
Endlich blieb er vor einem hohen Eisengitter stehen und hängte die Fackel an die Wand daneben. Er löste den Schlüsselbund von seinem Gürtel und benutzte beide Hände, um das schwergängige Schloss zu öffnen. Solche Mühe, einen Schlüssel zu drehen, hatte man eigentlich nur bei einer selten benutzten Tür. Wo führte er sie hin? Dann nahm er die Fackel wieder aus der Halterung und ging er weiter. Mirella raffte ihre Röcke höher und machte größere Schritte, um ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, während er um die nächsten Ecken ging. Am liebsten hätte sie gefragt, ob es noch weit sei; aber das hätte nicht zu einer arroganten Haltung gepasst.
Irgendwo plätscherte es leise und dann quiekte es vor ihren Füßen. Eine Ecke weiter sah sie im Schein der Fackel eine fette Ratte davonspringen. Der Ekel schüttelte sie.
Endlich wurde der Gang wieder breiter; hinter einer weiteren Ecke kam ihnen Lichtschein entgegen. Dann standen sie vor einem anderen Gitter. Zwei Wächter saßen dort und spielten Tarock. Im Schein ihrer Kerzen schimmerten die neuen Münzen der Republik auf dem Tisch. Einer sah auf und spielte dann die nächste Karte aus.
„Heh, ihr da! Öffnen!“
Der andere Wächter legte seine Karte ab; dann nahm er den Stich an sich. „Das Spiel gewinne ich, mein Freund.“ Er beugte sich zur Seite und stand mit einem Schlüssel in der Hand auf. „Was haben wir denn da?“ Er bedachte Mirella mit einem schmierigen Grinsen, bevor er aufschloss.
„Lass sie zu dem Gefangenen. Befehl des Dogen.“
Zu Mirellas Entsetzen blieb der Schreiber hinter dem Gitter zurück, während der Wächter sie an der Hüfte packte und vor sich her in die Dunkelheit schob. Als er sie losließ, blieb sie stehen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen.
Arroganz! Sie reckte den Kopf. „Wo ist mein Bruder?“ Leider klang ihre Stimme jetzt gar nicht mehr arrogant, sondern rau.
Der Wächter tauchte mit einer flackernden Kerze neben ihr auf, deren Docht fast im Wachs ersoff. Sie holte tief Luft und folgte ihm.
Vor einer schweren Tür mit einer eisernen Klappe blieb er stehen. Er öffnete die Klappe und blickte hinein. „Er ist noch da“, brummte er; dann schloss er auf.
Der Gestank von moderndem Stroh schlug ihr entgegen. Es war stockfinster. Ein schabendes Geräusch, dann klirrte eine Kette.
Mirella blieb an der Tür stehen. „Dario?“ Ihre Stimme war ein fast unverständliches Krächzen.
Ein Stöhnen war die Antwort; die Kette rasselte lauter. „Mirella! Um Gottes willen!“ Das flackernde Licht zeigte ihr nur seine Konturen.
Der Wächter drückte ihr die Kerze in die Hand. Heißes Wachs floss über ihre Finger; sie hielt die Luft an, bis der Schmerz nachließ. Dann hob sie das Licht und ging tapfer einen Schritt vorwärts. Hinter ihr fiel die Tür zu.
Die dunkle Gestalt, die Dario war, richtete sich halb auf und lehnte sich an die Wand. „Was tust du hier?“ Seine Stimme war heiser, geborsten vor Schmerz.
Entsetzt starrte sie auf sein zerschundenes Gesicht. Sie streckte die freie Hand aus und berührte vorsichtig eine Stelle, die nicht blutverkrustet oder dunkel angelaufen war. „Oh, Dario, was haben sie mit dir gemacht?“ Sie schluchzte auf und legte einen Arm auf seine Schulter, um ihn an sich zu drücken.
Er quittierte es mit einem Stöhnen und sie ließ ihn erschrocken los.
„Wie kommst du hierher?“
„De Guise hat mir einen Passierschein ausgestellt.“
„So!“
Sie starrte ihn an. „Was hast du ihnen gesagt?“
Dario kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Nichts. Ich haben ihnen nichts gesagt.“
Sie atmete erleichtert auf. „Das ist gut.“ Behutsam legte sie ihre Finger auf seine zerschundenen Lippen. Dann fiel ihr eine dringende Frage ein. Sie flüsterte: „Was wollten sie von dir wissen? Was werfen sie dir überhaupt vor?“
„Dass ich die Spanier mit Informationen versorge.“
„Die Spanier.“ Sie vergaß, dass sie leise sprechen wollte, falls der Wächter hinter der Tür lauschte. „Die Spanier, du noch nie ausstehen konntest.“ Ihr wurde leicht ums Herz; ein Vorwurf, der so offensichtlich falsch war. Sie konnten ihm nichts anhaben. „Wie kommen sie nur darauf? Das ist doch absurd.“
Er blickte irgendwo hinter ihr in die Luft; sie wandte den Blick. Licht schimmerte durch die Klappe. So stand tatsächlich einer dahinter und lauschte.
Darum hob sie die Stimme erst recht, damit er es nur hören konnte. „Werfen sie dir meine Verlobung vor?“
Er hob die Schultern in einer unendlich müden Bewegung. „Kaum.“ Sein Gesicht verzerrte sich; das sollte wohl ein Grinsen sein. „Dass ich Felipe verabscheue, dürfte sich herumgesprochen haben.“
„Alexandre sagt ...“
„Alexandre?“ In seinen Augen flackerte etwas, das Zorn bedeuten mochte.
„Der Marquis de Montmorency ... Er hält es für eine Verschwörung gegen Vater.“ Das war nun ihre sehr freie Auslegung, aber es mochte so falsch nicht sein.
Dario schluckte schwer. „Das ...“
„Man wird dir den Prozess machen.“
„Ich weiß. De Guise will ein Urteil.“
„Damit hat er dir das Leben gerettet! Er hat sich geweigert, Anneses Todesurteil gegen dich zu unterschreiben.“
„Und wo ist der Unterschied?“ Er knurrte aufgebracht.
Sie senkte ihre Stimme. „Sie haben doch nichts in der Hand gegen dich. Oder?“
Er schwieg und blickte zu Boden. Sie hob sein Kinn. Konnten sie ihm doch etwas beweisen? Sie traute sich nicht zu fragen. Sie hatten ihn schon länger im Auge gehabt, hatte Alexandre gesagt. „Wenn du dir ein Geständnis abpressen lässt, kann auch de Guise dich nicht retten.“
Verachtung stand in seinem Blick; er glaubte ihr nicht. „Ich weiß“, ächzte er.
Sie legte ihm sacht die Hand auf die Schulter. „Du musst durchhalten; versprich es mir“, flüsterte sie in sein Ohr.
„Wenn das wahr ist, dass sie es auf Vater abgesehen haben“, er stöhnte wieder, „dann seid ihr alle in Gefahr.“
So weit hatte sie noch nicht gedacht. Es stimmte ja. Das Gericht würde den gesamten Besitz der Familie beschlagnahmen, sollte auch Enzo angeklagt und verurteilt werden. Der Vater – würde er durchhalten, wenn man ihn folterte? „Was können wir für dich tun?“
Dario schüttelte den Kopf. „Beten?“ Er nahm ihre Hand in die seinen. „Was ist mit Stefania?“
„Ich glaube nicht, dass sie in Gefahr ist.“
„Was – hat sie gesagt?“
„Ihre Eltern sind mit eurer Ehe einverstanden. So wie die unseren.“ Sie strich ihm durchs Haar. „Sie weiß es nicht. Es ist besser, wenn niemand von deiner Verhaftung weiß.“
„Wer sagt das? Damit man mich möglichst unauffällig beseitigen kann“, zischte er.
„Alexandre ... der Marquis de Montmorency ...“
„Du scheinst inzwischen sehr vertraut mit ihm zu sein, dass ihr euch mit Vornamen nennt.“
„Nein, gar nicht!“ Er war eifersüchtig, selbst jetzt noch. Selbst hier. „Mit Albert sind wir doch auch per Du.“ In ihren Gedanken nannte sie ihn Alexandre; aber im Gegensatz zu Albert schien es ihr undenkbar, dass sie ihn duzte. „Er steht auf unserer Seite. Er hat mir die Genehmigung verschafft, dich zu besuchen.“
„Was glaubst du, warum?“
Sie starrte ihn ratlos an.
„Um mich unter Druck zu setzen. Um euch einzuschüchtern.“ Er fluchte heftig. „Sie haben nichts aus mir herausbekommen, als sie mich folterten. Nun versuchen sie es mit Erpressung – oder einem Handel.“
Mirella keuchte vor Entsetzen. „Das glaube ich nicht! So etwas würde er nie tun; er weiß doch selber ...“
„Denk nach, Mirella. Anneses Miliz hat mich festgenommen. Aber es ist de Guise, der mir den Prozess machen lässt.“
„Aber – damit rettet er dich.“
„Du bist reingefallen auf das, was Montmorency dir erzählt hat. Falls Annese glaubte, dass ich mit den Spaniern paktiere. würde er mir nichts tun. Wenn sie ihm mehr nützten als de Guise – du würdest dich wundern, wie schnell er wieder unter ihre Fittiche kröche.“
Annese als der wahre Verräter; das hatte auch Alexandre gesagt. Wer sagte hier noch die Wahrheit? Sie wurde immer durcheinanderer im Kopf. Dario, log er auch? Als er sagte, dass er für die Barone arbeite? Als er gegen die Spanier lästerte? Verwirrt schloss sie die Augen; sie müsste nachdenken. „Sag mir genau: Wann und wo haben sie dich verhaftet? Wie haben sie es begründet?“
Dario ließ sich an der Wand entlang aufs Stroh rutschen. „Ich war in Aversa; in der Osteria.“
„Das liegt nicht auf dem Heimweg!“ Sie blickte zur Tür, das Licht, das durch die Ritzen an der Klappe schimmerte, war genauso hell wie zuvor. „Dort“, sie zeigte mit einer Kopfbewegung hin und suchte nach einer unverfänglichen Formulierung, „wartet jemand vor der Tür. Aber unsere Zeit ist wohl nicht begrenzt.“
„Sie ist begrenzt, glaub mir.“
Nicht weinen jetzt; sie schluckte. Gleich musste sie wieder arrogant auftreten. Sie hockte sich neben Dario. Aus dem Stroh stieg ihr der scharfe Geruch von Urin in die Nase. „Wolltest du zu den Oliveto? Aber Stefania ist die ganze Zeit in Neapel gewesen.“ War das die Rettung? Wenn er sich als heimlicher Liebender präsentierte?
Dario schüttelte den Kopf. „Halte Stefania raus. Bitte.“ Er drückte ihre Hand, „Und du auch! Bring dich nicht in Gefahr.“
„Warum sagst du ihnen nicht, wozu du den Umweg gemacht hast?“
„Glaubst du denn, das interessiert jemanden?“
„Mit wem hast du dich in Aversa getroffen?“
„Mit niemandem; ich war tatsächlich nur auf der Durchreise.“ Er sprach leise; mit unterdrückter Stimme, aber sie war plötzlich sicher, dass man das draußen hören konnte. Sie hatte von Bauwerken gelesen, in denen man an den unmöglichsten Orten hören konnte, was in bestimmten Räumen gesprochen wurde. Hier auch? Sie hielt die Kerze höher und blickte nach oben; aber die Decke war irgendwo weit weg in der Dunkelheit. Ungewöhnlich hoch für einen Keller. Sie musste mit Enzo darüber reden.
Dario hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. „Sei lieb, Schwesterchen, und geh jetzt. Du kannst nichts für mich tun.“
Sie schluchzte. „Vielleicht sehe ich dich niemals wieder.“
„Doch.“ Seine Stimme barst vor Grimm. „Die Hinrichtung wird gewiss öffentlich sein. Die neuen Herren müssen ihre Macht demonstrieren.“
Die Kerze ersoff mit einem letzten Aufflackern. Mirella hatte zu spät nach dem Docht gegriffen.
„Das würde de Guise niemals ...“ Aber Alexandre hatte gesagt, dass es dem Dogen genau darum ginge: seine Macht demonstrieren. Bislang jedoch mit dem Ergebnis, dass man Dario nicht geköpft hatte. „Weißt du, wann sie dich vor Gericht stellen wollen?“
Die Tür klappte und Licht strömte zu ihnen. „Signorina, warum hat Sie die Kerze ausgemacht?“
„Ich ...“ Mirella bremste sich im letzten Moment. Nichts erklären; Arroganz. „Es zieht in diesem Loch! Und es stinkt! Schämt Er sich nicht? Er behandelt ihn wie einen Verbrecher; aber er ist zu Unrecht hier.“
„Das sagen alle.“ Der Wärter trat ein und streckte seine Hand nach ihr aus. Schnell stand sie auf, damit er sie nicht berührte.
„Ich werde mich beschweren!“
Der Wärter wedelte sie hinaus. Wollte sie vermeiden, dass er sie anfasste, musste sie das Verlies verlassen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Dario war ein Schatten in der Dunkelheit.
Der Schreiber erwartete sie am Gitter; er hatte mit dem anderen Wärter das Kartenspiel fortgesetzt und ein Dutzend schimmernder Münzen vor sich aufgehäuft. „Da ist Sie endlich. Ich dachte schon, Ihr gefiele unser gastliches Haus so, dass sie bliebe.“
Er geleitete sie hinaus und deutete gleich darauf zu einer Treppe. „Dort entlang.“
Die Treppe führte in eine düstere Halle. Dahinter aber lag gleich der Kreuzgang. Genau so hatte sie sich das gedacht: Es gab einen kürzeren Weg. Er hatte sie einschüchtern wollen, als er sie durch die unterirdischen Gänge geführt hatte.
Er brachte sie zu einer kleinen Pforte; sie war nicht bewacht. „Den Rest des Weges findet Sie allein.“
Krachend schlug die Tür hinter ihr zu. Warum wollte er nicht, dass man sie gehen sah?
Sie lehnte sich gegen das Holz, müde, schmutzig, hilflos. Sie war nur ein Mädchen. Was konnte sie gegen diese Festung ausrichten?
Sie drehte sich zur Seite und schlug schluchzend gegen die Festungsmauer; sie riss sich die Haut an den Steinkanten auf. „Ich krieg dich hier raus, Dario. Ganz gleich, was ich dafür tun muss.“ Sie wischte das Blut an ihrem hellen Mantel ab und betrachtete die Flecken. Wenn er nur durchhielt.
Die Kutsche musste in südlicher Richtung stehen. Sie brauchte nur an der Mauer entlang zu gehen.
Auf dem Heimweg stieg sie trotz der schneidenden Kälte zu Enzo auf den Kutschbock. Sie konnte das Gejammer jetzt nicht ertragen, mit dem Rita sie empfangen hatte.
Enzo blickte sie immer wieder von der Seite an, aber er sagte nichts und fragte nichts. Seine Schweigsamkeit tat ihr gut. Sie drückte ihr Gesicht an seine Schulter, um sich vor dem Wind zu schützen, und dachte nach.
Als sie die Stadtmauer erreichten, richtete sie sich auf. „Wir werden ihn dort herausholen.“
„Erzähl mir alles; ganz genau.“ Er nickte. „Vielleicht finden wir einen Weg.“
„Wir müssen, Vater.“ Sie klammerte sich an seinen Arm.
Er nahm die Zügel in eine Hand und schob ihr mit der anderen die Locken unter die Kapuze zurück, die ihr in die Stirn hingen.
„Ich komme mit Ihm ins Kontor.“
Überrascht zügelte er das Pferd. „Warum?“
„Weil ...“ Sie vermochte es ihm nicht zu erklären, es war nur eine Eingebung gewesen. „Wir werden in den Büchern etwas finden, um zu beweisen, dass er in Geschäften unterwegs war.“
„Aber natürlich war er das.“
„Auch in Aversa?“
Enzo knurrte und schlug übertrieben heftig mit der Peitsche auf das stetig dahintrottende Pferd ein.
Der neue Kontor roch nach Beize und Terpentinöl. Unter dem breiten Fenster stand der alte Schreibtisch von Enzos Großvater, den er aus dem Keller in der via Saliniera geholt hatte. Eine beschlagene Truhe stand auf dem Boden neben einer Öffnung, wo sie eingemauert werden sollte.
Enzo schob Mirella einen Schemel hin, kniete sich vor die Truhe und holte die beiden obersten Bücher heraus. „Wonach sollen wir suchen?“
Er vertraute ihr die Führung an und sie bekam Angst. Wenn sie es nun verdarb? „Ach Vater, es war eine Eingebung. Vielleicht wissen wir, was wir suchen müssen, wenn wir es sehen?“
Enzo strich ihr über die Wange. „Mein kleines Mädchen ist über Nacht erwachsen geworden.“ Er sagte es ohne Lächeln. Kein Kompliment, sondern eine eher überraschte Feststellung.
Eines der Bücher legte er ihr aufgeschlagen auf die Knie. „Hier stehen alle Aufträge der letzten beiden Monate. Ich habe hier die Lieferungen. Aber Dario war auf dem Rückweg. Irgendwie.“
„Wo sind die Stoffe geblieben, die er in Florenz geholt hat?“
Enzo knurrte. „Wo wohl?“
Also hatte man sie obendrein bestohlen. Das konnte doch nicht Anneses Werk gewesen sein. Nein, dieser Mann war ehrlich; trotz allem. „Er muss es reklamieren.“
„Sobald Dario frei ist.“ Das hieß, falls er freikäme.
Mirella blätterte schnell die beschriebenen Seiten durch. Es waren nicht viele; ohne den Auftrag des Dogen wäre Enzos Handel zusammengebrochen.
Sie begann von vorne, las jeden Eintrag. „Vater, hat Er eine Landkarte hier?“
Enzo öffnete eine Schublade und reichte ihr eine Rolle. Sie legte sie vor sich auf den Boden und beschwerte die Ecken mit Mauersteinen. Jetzt sah sie, welche Aufträge in der Nähe von Aversa erteilt worden waren. Einen davon mussten sie als Vorwand für Darios Umweg heranziehen.
Ein Sägewerk. „Was ist mit dem Bauholz für das neue Lager?“
„Alles geliefert und alles bezahlt.“ Enzo winkte ab. „Kein Grund, dort vorbeizufahren.“
Das Landhaus der Oliveto: Sie hatte Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen. Aber falls es seine einzige Chance war, würde sie sich darüber hinwegsetzen; keine Frage. Wenn er sie dafür verhauen würde, lebte er wenigstens. Sie las weiter. Eine Schneiderei. „Was ist das für ein Schneider?“
Enzo sah auf. „Roccone, Caivano. Das ist auch lange erledigt. Mein Geburtstagsgeschenk für deine Mutter.“
Rita hatte fast geweint vor Freude und Überraschung, als sie es auspackte. Ein Kleid, perfekt nach der neuesten französischen Mode. Nach Mirellas Meinung das schönste Kleid, das ihre Mutter je besessen hatte – und das hatte Enzo inmitten der Wirren zu Stande gebracht. Er musste sie unendlich lieben.
Mirella las weiter. In der Umgebung von Aversa fand sie noch einen Tischler, einen Winzer und einen Schuhmacher. Für jeden konnte Dario einen neuen Auftrag gehabt haben. Nirgendwo dort war er tatsächlich gewesen; aber niemand würde widerlegen können, dass er die Absicht gehabt hatte. Dennoch wäre es nicht überzeugend: Es gab schließlich keinen plausiblen Grund, warum er es nicht hätte angeben sollen, als sie ihn verhörten. „Es darf niemand sein, der mit den Baronen in Verbindung steht.“
Enzo fuhr mit der Hand über die aufgeschlagene Seite seines eigenen Buchs, deutete auf zwei Einträge. „Von diesen weiß ich, dass sie zur Partei der Feudalherren gehören. Ihre Schneider haben für einen Ball in der Burg von Nocera gearbeitet.“ Er seufzte. „Man kann sich die Kunden nicht aussuchen. In dieser Zeit erst recht nicht.“
„Und diese?“ Sie hielt Enzo ihr Buch hin. „Die Lieferanten?“
„Mich interessiert die Qualität ihrer Waren, nicht ihrer Gesinnung.“ Er nahm ihr das Buch ab und legte es auf den Schreibtisch. „Ich weiß es von kaum einen.“
„Aber worüber unterhält Er sich denn, wenn Er mit ihnen in einer Locanda sitzt?“ Mirella wurde ungeduldig. „Man muss doch nur ein wenig zuhören!“
Er blätterte zurück und deutete auf den Namen des Schneiders. „Roccone ist vermutlich ein Anhänger der Franzosen; er verabscheut die Mode der Spanierinnen!“
Mirella lachte. „Welch ein Grund!“ Ein Schneider, was sollte Dario bei einem Damenschneider wollen? „Ich habe Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen.“
„Das hast du Recht getan; die arme Kleine. Auch wenn Dario freigelassen wird ...“
„Er glaubt, ein Makel bleibt doch?“
„Das tut es immer!“ Wieder strich er ihr über die Wange; so viel Zärtlichkeit war ihm bisher nicht zu eigen gewesen. Ob er sich genauso hilflos fühlte wie sie? „Ich sehe nichts, was uns weiterhilft.“
Mirella senkte den Kopf. Ihr Blick fiel auf die Landkarte und sie nahm sie auf. „Es sind keine Straßen eingezeichnet.“
„Hier geht die Straße von Florenz entlang.“ Dario hatte tatsächlich einen beträchtlichen Umweg genommen. „Von Aversa hierher gibt es zwei Wege.“ Er zeigte sie ihr. Einer führte über Caivano.
„Kann Er sich irgendeinen Grund ausdenken, was Dario bei Roccone wollen konnte?“
Enzo blätterte das Lieferantenbuch weiter durch. Er presste die Lippen zusammen, dann sah er sie mit gerunzelter Stirn an. „Wenn wir nicht von Stefania sprechen wollen ... Überdies wäre es Sache ihrer Eltern ...“
Mirella brauchte nur eine Sekunde, um zu verstehen. „Ein Hochzeitskleid.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist es.“
Sechzehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
Als Taschenbuch auf allen europäischen und der amerikanischen Seite von Amazon erhältlich, bei Mondadori in Italien, sowie auf der amerikanischen Plattform von Barnes&Noble
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Zum historischen Hintergrund des Romans gibt es Beiträge auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.
„Je weniger Leute davon wissen, desto mehr Spielraum bleibt“, hatte der Comte de Modène gesagt, als er Enzo die Genehmigung für Mirellas Besuch in Torrione übergab. Darum fuhr Enzo jetzt die Kutsche selbst.
Neben Mirella saß Rita. Sie hatte darauf bestanden mitzukommen und brachte Mirella jetzt an den Rand des Wahnsinns mit ihrem Gejammer.
„Mamma, so hör Sie endlich auf! Ich kann ja gar nicht nachdenken!“
„Wie sprichst du mit mir?“ Rita blitzte sie zornig an. „Du hast die ganze Zeit mit Dario unter einer Decke gesteckt!“
Mirella schloss die Augen. „Mamma! Bitte!“
Rita schwieg schließlich. Erst als Enzo in Torrione Mirella aus der Kutsche half, öffnete sie wieder den Mund. Aber jetzt war es an Enzo, ihr einen Blick zuzuwerfen, der sie schweigen hieß.
Mirella folgte Enzo zum Tor; mit jedem Schritt wuchs ihre Angst. Was erwartete sie dort?
Er ließ den schweren Türklopfer anschlagen; dann drehte er sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. „Wir warten hier auf dich.“ Er zitterte mehr als sie selbst, als er sie an sich drückte. „Meine tapfere Kleine. Pass auf, was du sprichst. Vielleicht hängt alles davon ab.“
Ein Riegel quietschte, als er zurückgezogen wurde. Dann drehte sich knarrend ein Schlüssel.
Mirella zitterten die Knie; sie befreite sich aus Enzos Armen und reckte den Kopf.
Ein Milizionär stand neben dem Tor, dahinter ein schwarz gekleideter Mann. Ein Tintenfleck neben dem Mund verriet ihn als Schreiber.
Die Wache trat zur Seite.
„Signore, Er wünscht?“
Enzo zog den Passierschein aus der Manteltasche und hielt dem Schreiber das Siegel vors Gesicht. „Meine Tochter hat die Erlaubnis des Dogen, ihren Bruder zu sprechen.“
Der Schreiber nahm Enzo das Papier ab, zog einen Zwicker hervor und setzte ihn auf. Er studierte das Papier und murmelte dabei die Worte mehrmals hintereinander, als wolle er sie auswendig lernen. „Das hatten wir noch nie!“ Er musterte Mirella von unten bis oben. „Sie wird ihre feinen Kleider schmutzig machen! Eine Dame wie Sie hatten wir noch nie.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sieht ihm nicht sehr ähnlich. Ist Sie wirklich die Schwester?“
Enzo begann rot anzulaufen, ein sicheres Zeichen, das er gleich aus der Haut fahren würde.
Mirella erschrak; schnell trat sie vor ihn und reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. „Wird Er dem Befehl des Dogen nun folgen und mich einlassen?“
Fast hätte sie gegrinst, als der Schreiber einen halben Schritt vor ihr zurückwich und sich ein wenig verneigte. „Selbstverständlich, Signorina. Bitte hier, Signorina.“ Noch nie hatte sie so mit jemandem gesprochen. Es stimmte also, dass Arroganz sich auszahlte.
Doch gleich darauf stieg wieder Angst in ihr hoch. Der Schreiber führte sie durch einen dunklen Korridor zu einer langen Treppe, auf deren steinernen Stufen ihre Schritte laut widerhallten. Der Keller war dagegen aus gestampfter Erde; ein lehmiger Boden, auf dem an vielen Stellen das Wasser stand. Der Gang wurde von einzelnen qualmenden Fackeln spärlich erleuchtet und ging um mehrere Ecken. Zuweilen entschwand der Schreiber ihrem Blick und sie hörte nur noch das Klirren seiner Schlüssel. Sie beeilte sich, Schritt zu halten, denn er nahm keine Rücksicht. Die Wände rückten immer dichter an sie heran, je weiter sie kamen. Darum hatte er gesagt, sie würde sich ihre Kleider schmutzig machen. Sie wickelte ihre Röcke enger um sich, aber es mochte wenig nützen. Von Zeit zu Zeit traf sie ein Tropfen ins Gesicht. Ihre Schuhe sogen sich mit Wasser voll und ihre Füße wurden eiskalt. Dann ging es eine Schräge hinab, die im Fackellicht schmierig-feucht schimmerte. Unwillkürlich streckte sie die Hand nach einem Geländer aus, um nicht darauf auszurutschen; aber es gab natürlich keines.
Sie blickte zurück und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wenn dieser Mann es nicht wollte, würde sie nie wieder den Weg zurück finden.
Endlich blieb er vor einem hohen Eisengitter stehen und hängte die Fackel an die Wand daneben. Er löste den Schlüsselbund von seinem Gürtel und benutzte beide Hände, um das schwergängige Schloss zu öffnen. Solche Mühe, einen Schlüssel zu drehen, hatte man eigentlich nur bei einer selten benutzten Tür. Wo führte er sie hin? Dann nahm er die Fackel wieder aus der Halterung und ging er weiter. Mirella raffte ihre Röcke höher und machte größere Schritte, um ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, während er um die nächsten Ecken ging. Am liebsten hätte sie gefragt, ob es noch weit sei; aber das hätte nicht zu einer arroganten Haltung gepasst.
Irgendwo plätscherte es leise und dann quiekte es vor ihren Füßen. Eine Ecke weiter sah sie im Schein der Fackel eine fette Ratte davonspringen. Der Ekel schüttelte sie.
Endlich wurde der Gang wieder breiter; hinter einer weiteren Ecke kam ihnen Lichtschein entgegen. Dann standen sie vor einem anderen Gitter. Zwei Wächter saßen dort und spielten Tarock. Im Schein ihrer Kerzen schimmerten die neuen Münzen der Republik auf dem Tisch. Einer sah auf und spielte dann die nächste Karte aus.
„Heh, ihr da! Öffnen!“
Der andere Wächter legte seine Karte ab; dann nahm er den Stich an sich. „Das Spiel gewinne ich, mein Freund.“ Er beugte sich zur Seite und stand mit einem Schlüssel in der Hand auf. „Was haben wir denn da?“ Er bedachte Mirella mit einem schmierigen Grinsen, bevor er aufschloss.
„Lass sie zu dem Gefangenen. Befehl des Dogen.“
Zu Mirellas Entsetzen blieb der Schreiber hinter dem Gitter zurück, während der Wächter sie an der Hüfte packte und vor sich her in die Dunkelheit schob. Als er sie losließ, blieb sie stehen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen.
Arroganz! Sie reckte den Kopf. „Wo ist mein Bruder?“ Leider klang ihre Stimme jetzt gar nicht mehr arrogant, sondern rau.
Der Wächter tauchte mit einer flackernden Kerze neben ihr auf, deren Docht fast im Wachs ersoff. Sie holte tief Luft und folgte ihm.
Vor einer schweren Tür mit einer eisernen Klappe blieb er stehen. Er öffnete die Klappe und blickte hinein. „Er ist noch da“, brummte er; dann schloss er auf.
Der Gestank von moderndem Stroh schlug ihr entgegen. Es war stockfinster. Ein schabendes Geräusch, dann klirrte eine Kette.
Mirella blieb an der Tür stehen. „Dario?“ Ihre Stimme war ein fast unverständliches Krächzen.
Ein Stöhnen war die Antwort; die Kette rasselte lauter. „Mirella! Um Gottes willen!“ Das flackernde Licht zeigte ihr nur seine Konturen.
Der Wächter drückte ihr die Kerze in die Hand. Heißes Wachs floss über ihre Finger; sie hielt die Luft an, bis der Schmerz nachließ. Dann hob sie das Licht und ging tapfer einen Schritt vorwärts. Hinter ihr fiel die Tür zu.
Die dunkle Gestalt, die Dario war, richtete sich halb auf und lehnte sich an die Wand. „Was tust du hier?“ Seine Stimme war heiser, geborsten vor Schmerz.
Entsetzt starrte sie auf sein zerschundenes Gesicht. Sie streckte die freie Hand aus und berührte vorsichtig eine Stelle, die nicht blutverkrustet oder dunkel angelaufen war. „Oh, Dario, was haben sie mit dir gemacht?“ Sie schluchzte auf und legte einen Arm auf seine Schulter, um ihn an sich zu drücken.
Er quittierte es mit einem Stöhnen und sie ließ ihn erschrocken los.
„Wie kommst du hierher?“
„De Guise hat mir einen Passierschein ausgestellt.“
„So!“
Sie starrte ihn an. „Was hast du ihnen gesagt?“
Dario kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Nichts. Ich haben ihnen nichts gesagt.“
Sie atmete erleichtert auf. „Das ist gut.“ Behutsam legte sie ihre Finger auf seine zerschundenen Lippen. Dann fiel ihr eine dringende Frage ein. Sie flüsterte: „Was wollten sie von dir wissen? Was werfen sie dir überhaupt vor?“
„Dass ich die Spanier mit Informationen versorge.“
„Die Spanier.“ Sie vergaß, dass sie leise sprechen wollte, falls der Wächter hinter der Tür lauschte. „Die Spanier, du noch nie ausstehen konntest.“ Ihr wurde leicht ums Herz; ein Vorwurf, der so offensichtlich falsch war. Sie konnten ihm nichts anhaben. „Wie kommen sie nur darauf? Das ist doch absurd.“
Er blickte irgendwo hinter ihr in die Luft; sie wandte den Blick. Licht schimmerte durch die Klappe. So stand tatsächlich einer dahinter und lauschte.
Darum hob sie die Stimme erst recht, damit er es nur hören konnte. „Werfen sie dir meine Verlobung vor?“
Er hob die Schultern in einer unendlich müden Bewegung. „Kaum.“ Sein Gesicht verzerrte sich; das sollte wohl ein Grinsen sein. „Dass ich Felipe verabscheue, dürfte sich herumgesprochen haben.“
„Alexandre sagt ...“
„Alexandre?“ In seinen Augen flackerte etwas, das Zorn bedeuten mochte.
„Der Marquis de Montmorency ... Er hält es für eine Verschwörung gegen Vater.“ Das war nun ihre sehr freie Auslegung, aber es mochte so falsch nicht sein.
Dario schluckte schwer. „Das ...“
„Man wird dir den Prozess machen.“
„Ich weiß. De Guise will ein Urteil.“
„Damit hat er dir das Leben gerettet! Er hat sich geweigert, Anneses Todesurteil gegen dich zu unterschreiben.“
„Und wo ist der Unterschied?“ Er knurrte aufgebracht.
Sie senkte ihre Stimme. „Sie haben doch nichts in der Hand gegen dich. Oder?“
Er schwieg und blickte zu Boden. Sie hob sein Kinn. Konnten sie ihm doch etwas beweisen? Sie traute sich nicht zu fragen. Sie hatten ihn schon länger im Auge gehabt, hatte Alexandre gesagt. „Wenn du dir ein Geständnis abpressen lässt, kann auch de Guise dich nicht retten.“
Verachtung stand in seinem Blick; er glaubte ihr nicht. „Ich weiß“, ächzte er.
Sie legte ihm sacht die Hand auf die Schulter. „Du musst durchhalten; versprich es mir“, flüsterte sie in sein Ohr.
„Wenn das wahr ist, dass sie es auf Vater abgesehen haben“, er stöhnte wieder, „dann seid ihr alle in Gefahr.“
So weit hatte sie noch nicht gedacht. Es stimmte ja. Das Gericht würde den gesamten Besitz der Familie beschlagnahmen, sollte auch Enzo angeklagt und verurteilt werden. Der Vater – würde er durchhalten, wenn man ihn folterte? „Was können wir für dich tun?“
Dario schüttelte den Kopf. „Beten?“ Er nahm ihre Hand in die seinen. „Was ist mit Stefania?“
„Ich glaube nicht, dass sie in Gefahr ist.“
„Was – hat sie gesagt?“
„Ihre Eltern sind mit eurer Ehe einverstanden. So wie die unseren.“ Sie strich ihm durchs Haar. „Sie weiß es nicht. Es ist besser, wenn niemand von deiner Verhaftung weiß.“
„Wer sagt das? Damit man mich möglichst unauffällig beseitigen kann“, zischte er.
„Alexandre ... der Marquis de Montmorency ...“
„Du scheinst inzwischen sehr vertraut mit ihm zu sein, dass ihr euch mit Vornamen nennt.“
„Nein, gar nicht!“ Er war eifersüchtig, selbst jetzt noch. Selbst hier. „Mit Albert sind wir doch auch per Du.“ In ihren Gedanken nannte sie ihn Alexandre; aber im Gegensatz zu Albert schien es ihr undenkbar, dass sie ihn duzte. „Er steht auf unserer Seite. Er hat mir die Genehmigung verschafft, dich zu besuchen.“
„Was glaubst du, warum?“
Sie starrte ihn ratlos an.
„Um mich unter Druck zu setzen. Um euch einzuschüchtern.“ Er fluchte heftig. „Sie haben nichts aus mir herausbekommen, als sie mich folterten. Nun versuchen sie es mit Erpressung – oder einem Handel.“
Mirella keuchte vor Entsetzen. „Das glaube ich nicht! So etwas würde er nie tun; er weiß doch selber ...“
„Denk nach, Mirella. Anneses Miliz hat mich festgenommen. Aber es ist de Guise, der mir den Prozess machen lässt.“
„Aber – damit rettet er dich.“
„Du bist reingefallen auf das, was Montmorency dir erzählt hat. Falls Annese glaubte, dass ich mit den Spaniern paktiere. würde er mir nichts tun. Wenn sie ihm mehr nützten als de Guise – du würdest dich wundern, wie schnell er wieder unter ihre Fittiche kröche.“
Annese als der wahre Verräter; das hatte auch Alexandre gesagt. Wer sagte hier noch die Wahrheit? Sie wurde immer durcheinanderer im Kopf. Dario, log er auch? Als er sagte, dass er für die Barone arbeite? Als er gegen die Spanier lästerte? Verwirrt schloss sie die Augen; sie müsste nachdenken. „Sag mir genau: Wann und wo haben sie dich verhaftet? Wie haben sie es begründet?“
Dario ließ sich an der Wand entlang aufs Stroh rutschen. „Ich war in Aversa; in der Osteria.“
„Das liegt nicht auf dem Heimweg!“ Sie blickte zur Tür, das Licht, das durch die Ritzen an der Klappe schimmerte, war genauso hell wie zuvor. „Dort“, sie zeigte mit einer Kopfbewegung hin und suchte nach einer unverfänglichen Formulierung, „wartet jemand vor der Tür. Aber unsere Zeit ist wohl nicht begrenzt.“
„Sie ist begrenzt, glaub mir.“
Nicht weinen jetzt; sie schluckte. Gleich musste sie wieder arrogant auftreten. Sie hockte sich neben Dario. Aus dem Stroh stieg ihr der scharfe Geruch von Urin in die Nase. „Wolltest du zu den Oliveto? Aber Stefania ist die ganze Zeit in Neapel gewesen.“ War das die Rettung? Wenn er sich als heimlicher Liebender präsentierte?
Dario schüttelte den Kopf. „Halte Stefania raus. Bitte.“ Er drückte ihre Hand, „Und du auch! Bring dich nicht in Gefahr.“
„Warum sagst du ihnen nicht, wozu du den Umweg gemacht hast?“
„Glaubst du denn, das interessiert jemanden?“
„Mit wem hast du dich in Aversa getroffen?“
„Mit niemandem; ich war tatsächlich nur auf der Durchreise.“ Er sprach leise; mit unterdrückter Stimme, aber sie war plötzlich sicher, dass man das draußen hören konnte. Sie hatte von Bauwerken gelesen, in denen man an den unmöglichsten Orten hören konnte, was in bestimmten Räumen gesprochen wurde. Hier auch? Sie hielt die Kerze höher und blickte nach oben; aber die Decke war irgendwo weit weg in der Dunkelheit. Ungewöhnlich hoch für einen Keller. Sie musste mit Enzo darüber reden.
Dario hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. „Sei lieb, Schwesterchen, und geh jetzt. Du kannst nichts für mich tun.“
Sie schluchzte. „Vielleicht sehe ich dich niemals wieder.“
„Doch.“ Seine Stimme barst vor Grimm. „Die Hinrichtung wird gewiss öffentlich sein. Die neuen Herren müssen ihre Macht demonstrieren.“
Die Kerze ersoff mit einem letzten Aufflackern. Mirella hatte zu spät nach dem Docht gegriffen.
„Das würde de Guise niemals ...“ Aber Alexandre hatte gesagt, dass es dem Dogen genau darum ginge: seine Macht demonstrieren. Bislang jedoch mit dem Ergebnis, dass man Dario nicht geköpft hatte. „Weißt du, wann sie dich vor Gericht stellen wollen?“
Die Tür klappte und Licht strömte zu ihnen. „Signorina, warum hat Sie die Kerze ausgemacht?“
„Ich ...“ Mirella bremste sich im letzten Moment. Nichts erklären; Arroganz. „Es zieht in diesem Loch! Und es stinkt! Schämt Er sich nicht? Er behandelt ihn wie einen Verbrecher; aber er ist zu Unrecht hier.“
„Das sagen alle.“ Der Wärter trat ein und streckte seine Hand nach ihr aus. Schnell stand sie auf, damit er sie nicht berührte.
„Ich werde mich beschweren!“
Der Wärter wedelte sie hinaus. Wollte sie vermeiden, dass er sie anfasste, musste sie das Verlies verlassen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Dario war ein Schatten in der Dunkelheit.
Der Schreiber erwartete sie am Gitter; er hatte mit dem anderen Wärter das Kartenspiel fortgesetzt und ein Dutzend schimmernder Münzen vor sich aufgehäuft. „Da ist Sie endlich. Ich dachte schon, Ihr gefiele unser gastliches Haus so, dass sie bliebe.“
Er geleitete sie hinaus und deutete gleich darauf zu einer Treppe. „Dort entlang.“
Die Treppe führte in eine düstere Halle. Dahinter aber lag gleich der Kreuzgang. Genau so hatte sie sich das gedacht: Es gab einen kürzeren Weg. Er hatte sie einschüchtern wollen, als er sie durch die unterirdischen Gänge geführt hatte.
Er brachte sie zu einer kleinen Pforte; sie war nicht bewacht. „Den Rest des Weges findet Sie allein.“
Krachend schlug die Tür hinter ihr zu. Warum wollte er nicht, dass man sie gehen sah?
Sie lehnte sich gegen das Holz, müde, schmutzig, hilflos. Sie war nur ein Mädchen. Was konnte sie gegen diese Festung ausrichten?
Sie drehte sich zur Seite und schlug schluchzend gegen die Festungsmauer; sie riss sich die Haut an den Steinkanten auf. „Ich krieg dich hier raus, Dario. Ganz gleich, was ich dafür tun muss.“ Sie wischte das Blut an ihrem hellen Mantel ab und betrachtete die Flecken. Wenn er nur durchhielt.
Die Kutsche musste in südlicher Richtung stehen. Sie brauchte nur an der Mauer entlang zu gehen.
Auf dem Heimweg stieg sie trotz der schneidenden Kälte zu Enzo auf den Kutschbock. Sie konnte das Gejammer jetzt nicht ertragen, mit dem Rita sie empfangen hatte.
Enzo blickte sie immer wieder von der Seite an, aber er sagte nichts und fragte nichts. Seine Schweigsamkeit tat ihr gut. Sie drückte ihr Gesicht an seine Schulter, um sich vor dem Wind zu schützen, und dachte nach.
Als sie die Stadtmauer erreichten, richtete sie sich auf. „Wir werden ihn dort herausholen.“
„Erzähl mir alles; ganz genau.“ Er nickte. „Vielleicht finden wir einen Weg.“
„Wir müssen, Vater.“ Sie klammerte sich an seinen Arm.
Er nahm die Zügel in eine Hand und schob ihr mit der anderen die Locken unter die Kapuze zurück, die ihr in die Stirn hingen.
„Ich komme mit Ihm ins Kontor.“
Überrascht zügelte er das Pferd. „Warum?“
„Weil ...“ Sie vermochte es ihm nicht zu erklären, es war nur eine Eingebung gewesen. „Wir werden in den Büchern etwas finden, um zu beweisen, dass er in Geschäften unterwegs war.“
„Aber natürlich war er das.“
„Auch in Aversa?“
Enzo knurrte und schlug übertrieben heftig mit der Peitsche auf das stetig dahintrottende Pferd ein.
Der neue Kontor roch nach Beize und Terpentinöl. Unter dem breiten Fenster stand der alte Schreibtisch von Enzos Großvater, den er aus dem Keller in der via Saliniera geholt hatte. Eine beschlagene Truhe stand auf dem Boden neben einer Öffnung, wo sie eingemauert werden sollte.
Enzo schob Mirella einen Schemel hin, kniete sich vor die Truhe und holte die beiden obersten Bücher heraus. „Wonach sollen wir suchen?“
Er vertraute ihr die Führung an und sie bekam Angst. Wenn sie es nun verdarb? „Ach Vater, es war eine Eingebung. Vielleicht wissen wir, was wir suchen müssen, wenn wir es sehen?“
Enzo strich ihr über die Wange. „Mein kleines Mädchen ist über Nacht erwachsen geworden.“ Er sagte es ohne Lächeln. Kein Kompliment, sondern eine eher überraschte Feststellung.
Eines der Bücher legte er ihr aufgeschlagen auf die Knie. „Hier stehen alle Aufträge der letzten beiden Monate. Ich habe hier die Lieferungen. Aber Dario war auf dem Rückweg. Irgendwie.“
„Wo sind die Stoffe geblieben, die er in Florenz geholt hat?“
Enzo knurrte. „Wo wohl?“
Also hatte man sie obendrein bestohlen. Das konnte doch nicht Anneses Werk gewesen sein. Nein, dieser Mann war ehrlich; trotz allem. „Er muss es reklamieren.“
„Sobald Dario frei ist.“ Das hieß, falls er freikäme.
Mirella blätterte schnell die beschriebenen Seiten durch. Es waren nicht viele; ohne den Auftrag des Dogen wäre Enzos Handel zusammengebrochen.
Sie begann von vorne, las jeden Eintrag. „Vater, hat Er eine Landkarte hier?“
Enzo öffnete eine Schublade und reichte ihr eine Rolle. Sie legte sie vor sich auf den Boden und beschwerte die Ecken mit Mauersteinen. Jetzt sah sie, welche Aufträge in der Nähe von Aversa erteilt worden waren. Einen davon mussten sie als Vorwand für Darios Umweg heranziehen.
Ein Sägewerk. „Was ist mit dem Bauholz für das neue Lager?“
„Alles geliefert und alles bezahlt.“ Enzo winkte ab. „Kein Grund, dort vorbeizufahren.“
Das Landhaus der Oliveto: Sie hatte Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen. Aber falls es seine einzige Chance war, würde sie sich darüber hinwegsetzen; keine Frage. Wenn er sie dafür verhauen würde, lebte er wenigstens. Sie las weiter. Eine Schneiderei. „Was ist das für ein Schneider?“
Enzo sah auf. „Roccone, Caivano. Das ist auch lange erledigt. Mein Geburtstagsgeschenk für deine Mutter.“
Rita hatte fast geweint vor Freude und Überraschung, als sie es auspackte. Ein Kleid, perfekt nach der neuesten französischen Mode. Nach Mirellas Meinung das schönste Kleid, das ihre Mutter je besessen hatte – und das hatte Enzo inmitten der Wirren zu Stande gebracht. Er musste sie unendlich lieben.
Mirella las weiter. In der Umgebung von Aversa fand sie noch einen Tischler, einen Winzer und einen Schuhmacher. Für jeden konnte Dario einen neuen Auftrag gehabt haben. Nirgendwo dort war er tatsächlich gewesen; aber niemand würde widerlegen können, dass er die Absicht gehabt hatte. Dennoch wäre es nicht überzeugend: Es gab schließlich keinen plausiblen Grund, warum er es nicht hätte angeben sollen, als sie ihn verhörten. „Es darf niemand sein, der mit den Baronen in Verbindung steht.“
Enzo fuhr mit der Hand über die aufgeschlagene Seite seines eigenen Buchs, deutete auf zwei Einträge. „Von diesen weiß ich, dass sie zur Partei der Feudalherren gehören. Ihre Schneider haben für einen Ball in der Burg von Nocera gearbeitet.“ Er seufzte. „Man kann sich die Kunden nicht aussuchen. In dieser Zeit erst recht nicht.“
„Und diese?“ Sie hielt Enzo ihr Buch hin. „Die Lieferanten?“
„Mich interessiert die Qualität ihrer Waren, nicht ihrer Gesinnung.“ Er nahm ihr das Buch ab und legte es auf den Schreibtisch. „Ich weiß es von kaum einen.“
„Aber worüber unterhält Er sich denn, wenn Er mit ihnen in einer Locanda sitzt?“ Mirella wurde ungeduldig. „Man muss doch nur ein wenig zuhören!“
Er blätterte zurück und deutete auf den Namen des Schneiders. „Roccone ist vermutlich ein Anhänger der Franzosen; er verabscheut die Mode der Spanierinnen!“
Mirella lachte. „Welch ein Grund!“ Ein Schneider, was sollte Dario bei einem Damenschneider wollen? „Ich habe Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen.“
„Das hast du Recht getan; die arme Kleine. Auch wenn Dario freigelassen wird ...“
„Er glaubt, ein Makel bleibt doch?“
„Das tut es immer!“ Wieder strich er ihr über die Wange; so viel Zärtlichkeit war ihm bisher nicht zu eigen gewesen. Ob er sich genauso hilflos fühlte wie sie? „Ich sehe nichts, was uns weiterhilft.“
Mirella senkte den Kopf. Ihr Blick fiel auf die Landkarte und sie nahm sie auf. „Es sind keine Straßen eingezeichnet.“
„Hier geht die Straße von Florenz entlang.“ Dario hatte tatsächlich einen beträchtlichen Umweg genommen. „Von Aversa hierher gibt es zwei Wege.“ Er zeigte sie ihr. Einer führte über Caivano.
„Kann Er sich irgendeinen Grund ausdenken, was Dario bei Roccone wollen konnte?“
Enzo blätterte das Lieferantenbuch weiter durch. Er presste die Lippen zusammen, dann sah er sie mit gerunzelter Stirn an. „Wenn wir nicht von Stefania sprechen wollen ... Überdies wäre es Sache ihrer Eltern ...“
Mirella brauchte nur eine Sekunde, um zu verstehen. „Ein Hochzeitskleid.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist es.“
Sechzehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
Als Taschenbuch auf allen europäischen und der amerikanischen Seite von Amazon erhältlich, bei Mondadori in Italien, sowie auf der amerikanischen Plattform von Barnes&Noble
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5.2.12
#SampleSunday - Königliche Republik ... zehntes Kapitel ...
Gennaro Annese, der zum Führer des Aufstands geworden ist, hat Neapel zur unabhängigen Republik erklärt und den Papst und Frankreich um Hilfe gebeten. ...
Mirella erwachte frierend. Das Feuer im Kamin war zu einem glimmenden Aschehaufen zusammengesunken; sie kroch tiefer unter ihr schweres Plumeau und rollte sich zusammen.
Von draußenkam die trällernde Stimme eines jungen Mannes; was fiel ihm ein so früh am Morgen?
Die Franzosen waren gekommen! Mirella sprang mit einem Satz aus dem Bett: Der Junge da draußen hatte guten Grund zu singen.
Sie riss die Tür auf. „Gina, hilf mir beim Anziehen!“
Die Treppe knarrte, während Mirella ein Kleid nach dem anderen aus dem Schrank nahm und aufs Bett warf. Mit einem dunkelgrünen Cretonnekleid stellte sie sich vor den Spiegel. „Nein.“ Sie hielt sich das rote Samtkmit dem schwarzen Pelzbesatz an den Ärmeln an. „Das ist gut!“
Gina trat mit dem dampfenden Wasserkrug ein und musterte sie mit missbilligend gekrauster Stirn. „Willst du damit in die Kirche gehen? In einem Kleid, rot wie die Sünde?“
Mirella drehte sich lachend um. „Aber es ist kalt. Ich werde meinen Umhang darüber tragen.“
„Und warum willst dich so fein machen, wenn es doch niemand sieht?“
„Wer weiß!“ Sie zog sich das Batisthemd über den Kopf.
„Bestimmt werden die französischen Demoisellen zum Gottesdienst erscheinen. Sollen wir ihnen nicht zeigen, dass eine Neapolitanerin ihnen in nichts nachsteht?“
„Für deine Hoffart wirst du in die Hölle kommen.“
„Dort ist es wenigstens warm.“
Gina goss das Wasser in die Waschschüssel. Eine Dampfwolke beschlug den Spiegel und das Fenster, während Mirella sich zu waschen begann. Sie fuhr mit der Hand über den Spiegel, aber er war gleich wieder blind.
„Es gibt keine französischen Demoisellen. Der Herzog ist zum Krieg gekommen, nicht zum Ball.“
„Zum Kriegführen?“ Empört fuhr Mirella herum. Während sie sich umwandte, fegte sie mit dem Ellenbogen die Schüssel zu Boden. Unbeeindruckt blitzte sie Gina an. „Wir haben ihn gerufen, damit endlich Frieden herrscht. Man kann sich ja gar nicht mehr auf die Straße trauen.“
„Ach Kind!“
„Ich bin kein Kind mehr!“ Mirella langte nach einem Handtuch.
Gina legte die Scherben auf die Kommode und nahm ein zweites Handtuch. „Lass mich das machen.“
„Ich bin kein Kind mehr! Wisch auf!“
Kaum war die Magd draußen, legte Mirella das Handtuch fort, schlüpfte in die Unterkleider und streifte vorsichtig das rote Kleid über den Kopf. Wenn sie es erst anhatte, würde Gina sich geschlagen geben.
Als Gina mit dem Wischlappen zurückkam, saß Mirella auf dem Bett und rollte den ersten Seidenstrumpf auf.
„Das ist kein Wetter für Seidenstrümpfe.“ Gina ging auf die Knie und nahm das vergossene Wasser auf, dass noch nicht zwischen die Dielen gesickert war.
Mirella seufzte. War die Anarchie jetzt schon bis zu ihnen in den Palazzo vorgedrungen, dass Gina so respektlos war?
Nachdem Mirella den zweiten Strumpf angezogen hatte, trocknete Gina sich ihre Hände ab, schnürte mit viel Gebrumme und Gemurre Mirella das Mieder und schloss die Haken am Kleid.
Mirella hob den Rock an und drehte sich vor dem Spiegel. „Jetzt wird es bald wieder Bälle geben.“ Sie ließ sich aufs Bett zurückfallen. „Das war das Ärgste!“
Gina murrte wieder. „Das Ärgste ist, dass es kaum noch Fleisch gibt in der Stadt. Die Spanier werden sich nicht beeindrucken lassen.“
Mirella stellte sich vor den Spiegel und blies die Backen auf. „Ja, vernünftig essen stünde mir auch gut zu Gesicht.“
Enzo öffnete die Tür und schaute zu ihr herein. „Warum bist du noch nicht fertig! Es wird voll werden. Alle wollen dabei sein, wenn wieder ein Anjou den Schutz unserer Stadt übernimmt.“
Mirella sprang die Treppe hinunter. Sie nahm den schwarzen Wollumhang aus dem Flurschrank und zog sich die Kapuze übers Haar. Dann lief sie nach draußen zu Dario.
Karossen und Fuhrwerke zuckelten in einer langen Reihe die Straße entlang und stauten sich an der Kreuzung zum Hafen. Die Menschen, die an ihr vorbeieilten, hatten ein Lachen im Gesicht. Fabrizio stand neben dem Schlag und pfiff ein Spottlied auf die Spanier.
Varese trat gegenüber aus der Tür, begleitet von seinen beiden Töchtern. „Guten Morgen, Enzo! Hat Er gesehen?“ Er deutete mit seinem Spazierstock zum Himmel. „Die Sonne drängt sich durch den Nebel. Wenn das kein gutes Omen ist.“
Dario knurrte. „Vor allem wird es bedeuten, dass die Spanier wieder sehen können, wohin sie schießen.“ Wieso schien er die allgemeine Freude nicht zu teilen?
Es brauchte eine Stunde, bis sie in dem dichten Verkehr zur Kathedrale gelangten. Die letzten Meter gingen sie zu Fuß zu einem der Seiteneingänge nahe ihrer Kirchenbank.
Die Menschen unterhielten sich quer durch das Kirchenschiff, als seien sie auf dem Marktplatz. Im hinteren Teil standen sie dicht gedrängt; auf den Bänken saßen sie zusammengequetscht wie Thunfische in einer zu vollen Kiste. Die kleineren Kinder quengelten auf den Schößen ihrer Eltern. Dies würde keine geordnete feierliche Messe werden.
Sie drängten sich durch die Besucher, die im Seitenschiff standen. Die Oliveto saßen schon in ihrer Bank. Die Marchesa hatte ein weißes Spitzentuch zwischen den Fingern und betupfte sich die Augen. Weinte sie etwa?
Stefanie drehte sich um, als Mirella sich hinter ihr hinkniete, und zwinkerte ihr zu.
Mirella faltete ihre Hände dicht vor dem Gesicht und flüsterte. „Hast du sie schon gesehen?“
„Nein.“ Stefania grinste. „Suchst du immer noch einen Bräutigam für mich?“
Sie glucksten vor Vergnügen, bis die Marchesa Stefania mit ihrem Fächer auf den Arm schlug.
Mirella setzte sich hin. Nicht einmal zur Ostermesse hatte sie die Kirche jemals so voll gesehen. Sogar einige der spanischen Familien waren gekommen; dabei war nicht einmal Sonntag. Don Rodrigo saß auf seinem angestammten Platz. Also war er ein viel noblerer Verlierer als Dario ihm zugetraut hatte. Ihr künftiger angeheirateter Onkel; sie nickte ihm zu, als sich ihre Blicke trafen. Er erwiderte den Gruß mit einer Kopfbewegung, doch auf diese Entfernung konnte sie im Halbdunkel der Kirche seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.
Dann flutete Tageslicht durch das Hauptportal. Mirella richtete sich halb auf, sodass sie an Enzo vorbei bis zum Eingang sah.
Jeweils zwei Männer von Pastinas Miliz stellten sich rechts und links der Kirchentüren auf. Einer mit gezogenem Schwert, der andere mit einer Standarte: Zwei aufrecht stehende Löwen, ein Wappenschild in den Pfoten, zierten das Banner des Herzogs. Diese Löwen waren der einzige Unterschied zur Fahne Neapels, die das Kreuz des Königs von Jerusalem und einen Turnierkragen mit drei Brückenpfeilern trug. Und die goldenen Lilien des Hauses Anjou, auf dessen Nachfahren die Neapolitaner nun all ihre Hoffnungen setzten.
Kardinal Filomarino trat aus der Sakristei, begleitet von zwei Messdienern, die Kreuz und Weihrauch trugen. Sie gingen an den nun leiser tuschelnden Menschen vorbei zum Portal.
Mirella reckte sich noch höher.
Da stand Enzo mit einem Lächeln auf. „Setz dich an den Rand, Naseweis.“
Von draußen erklangen Rufe der Begeisterung; die ersten in der Kirche schlossen sich an. Filomarino brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Dies war das Haus Gottes.
Henri, Duc de Guise, betrat die Kathedrale.
Er war unglaublich jung; Mitte Dreißig vielleicht – wie hatte er in seinem kurzen Leben all die Dinge untergebracht, von denen sie gehört hatte? Erzbischof in Reims, zwei Ehen, eine Verschwörung gegen den König von Frankreich, eine Aussöhnung und eine erneute Verschwörung. Und nun hier für die Interessen Frankreichs. Oder für seine eigenen?
Der Herzog küsste den Bischofsring, wie es sich gehörte; anschließend schüttelten die beiden Männer sich die Hand. De Guise zog sein Schwert und gab es einem der Milizionäre. Dann schritt er an Filomarino vorbei zum Altar.
Seine Soldaten, die hinter ihm die Kirche betreten hatten, folgten ihm einer nach dem anderen. Filomarino begrüßte jeden einzelnen von ihnen mit Handschlag, nachdem sie gleichfalls seinen Ring geküsst hatten.
„Verräter!“, zischte Dario.
Mirella wandte sich überrascht zu ihm um.
„Sie scheinen sich gut zu kennen.“
Enzo legte ihm die Hand auf den Arm. „Filomarino hat ihn sicher gestern schon empfangen.“
Einer der jungen Soldaten ging so dicht an Mirella vorbei, dass er sie mit seinem angewinkelten Ellenbogen streifte. Dieser hatte sein Schwert nicht abgelegt, sondern umklammerte den Griff, als sei er bereit, es jeden Moment zu ziehen. Also trauten sie den Neapolitanern nicht. Dario hinter ihr knurrte aufgebracht. Sie drehte sich zu ihm um, kreuzte seinen finsteren Blick . Vielleicht hatten sie so unrecht nicht.
Der junge Soldat ging die Stufen zum Altar hoch und stellte sich neben den Herzog. Immer noch die Hand am Schwert.
Die anderen Männer des Gefolges setzten sich auf die vorderen Kirchenbänke, die der Küster freigehalten hatte. Filomarino begann die Messe zu lesen.
Mirella kniete sich zum Schuldbekenntnis. Da lehnte sich Stefanie zurück. „Adrett sieht er aus, der Herzog.“
„Nicht nur der“, flüsterte Mirella, die Augen auf den Mann neben dem Herzog gerichtet.
Stefania folgte ihrem Blick. „Der gefällt dir? Der ist höchstens zwanzig; bestimmt ein Grünschnabel. Ein Milchbart.“
„Er hat doch gar keinen!“ Mirella unterdrückte das Glucksen in ihrer Kehle. „Der Herzog ist schon verheiratet.“
„Seine Ehe ist gerade annulliert worden.“
Mirella prustete los, was ihr von Enzo einen heftigen Stoß in den Rücken einbrachte und von der Marchesa d’Oliveto einen zornigen Blick. Aber im weiteren Verlauf der Messe hörte sie dennoch kaum zu; sie hätte hinterher nicht zu sagen vermocht, worüber der Kardinal gepredigt hatte. Den Augenblick zur Kommunion hätte sie auch verpasst, wenn Enzo sie nicht aus der Kirchenbank geschoben hätte.
Mirella konzentrierte sich und sprach das vorgeschriebene Amen. Dann ging ihr Blick wieder zu dem jungen Soldaten an der Seite des Herzogs. Er hatte den Blick auf die Menge gerichtet, seine Augen schienen wachsam hin und her zu gehen. Dass sein spärlicher Bart kaum den unteren Teil seiner Wangen bedeckte, ließ ihn tatsächlich sehr jung erscheinen; höchstens Mitte Zwanzig. Nein; er war gewiss jünger als Dario. Aber er trug zwei Ordenssterne. Und schien die persönliche Wache des Herzogs zu sein.
Dann war die Messe zu Ende.
De Guise stand auf und trat an den Rand des Altarraums. Er schien den Blick jedes einzelnen einfangen zu wollen, so lange stand er regungslos da.
Einer der Messdiener brachte eine schwere Bibel aus der Sakristei, deren lederner Einband mit Gold beschlagen war. Kardinal Filomarino nahm sie ihm ab und ging zum Herzog.
De Guise legte die Hand auf die Bibel und sprach den Schwur der Dogen Neapels. Seine schöne volle Stimme füllte ohne Mühe das ganze Kirchenschiff. Er sprach das Neapolitanisch mit einem schweren Akzent, aber er kam keinen Augenblick ins Stocken; vermutlich hatte er die Worte auswendig gelernt.. Dann kniete er sich vor dem Kardinal auf eine mit rotem Samt beschlagene Bank.
Filomarino nahm aus der Hand eines zweiten Priesters die Königskrone von Neapel und setzte sie dem Herzog auf. Dann trat er einen Schritt zurück und hob die Hände, um ihn zu segnen. Aber bevor er dazu kam, stand de Guise auf und wandte sich wieder der Menge zu.
„Ich danke Euch für die Ehre, mir den Schutz Eurer jungen Republik anzuvertrauen. Ich gelobe, sie bis zum letzten Atemzug zu verteidigen und die Rechte eines jeden Bürgers zu achten und zu bewahren.“
„So sieht er aus!“ Dario stieß ein unwilliges Grunzen aus und erhob sich halb von seinem Platz. „Geck!“
„Du hast Vorurteile!“ Enzo hielt ihn fest. „Warte es doch erst einmal ab.“
„Dafür ist keine Zeit.“ Dario hatte seine Stimme erhoben und mehrere Leute drehten sich zu ihnen um.
„Still!“, zischte der Marchese d’Oliveto von vorne.
Dario schnaufte noch einmal voller Empörung; dann setzte er sich wieder hin.
Gennaro Annese stieg die Stufen zum Altar hoch, auf einem schwarzen Samtkissen eine überdimensionale Kopie des Stadtschlüssels.
Er ließ sich vor de Guise auf ein Knie nieder. „Seigneur, im Namen des Rats überreiche ich Euch den Schlüssel der Stadt, die der Mittelpunkt des Königreichs Neapel ist.“ Aber er stand wieder auf, bevor er ihm den Schlüssel hinhielt. Filomarinos Bewegung, mit der er Annese auf den Knien halten wollte, kam zu spät.
Dann verließen die französischen Soldaten ihre Plätze und stellten sich zu beiden Seiten des Gangs auf, bevor de Guise, immer noch die Krone auf dem Kopf, die Kathedrale verließ.
Die Soldaten hielten die Kirchenbesucher zurück, die ihre Bänke verlassen wollten, während der neue Doge noch auf den Stufen vor der Kathedrale stand. Er sprach zu den Menschen, die draußen geblieben waren. Seine Worte mussten ihnen gefallen, denn er wurde immer wieder von Beifall unterbrochen.
„Sie werden sich noch wundern“, fauchte Dario.
„Mäßige dich!“ Enzo klang zornig. Wie oft hatte er an diesem Morgen schon eingegriffen, um Dario im Zaum zu halten?
Mirella drehte sich zu den beiden um. „Dario, du bist ein Miesepeter. Was soll er denn anstellen können mit seinen paar Männern?“
Die Soldaten verließen endlich die Kathedrale und die Kirchenbesucher folgten ihnen nach draußen.
Auch Mirella wandte sich zum Hauptportal, aber Enzo hielt sie auf. „Fabrizio wartet in der Nebenstraße.“
„Dort sehe ich aber nichts mehr.“
Enzo schob sie zum Seiteneingang. „Wenn dir so viel daran liegt, dann nehme ich dich mit, wenn ich in den Palazzo Reale fahre.“
Die Kutsche des Kardinals rollte an ihnen vorbei; neben Filomarino saß de Guise mit angespanntem Gesicht. Sie wurden von Reitern der Stadtmiliz flankiert. Anschließend folgte der neue Prinz von Massa, danach die Männer des Herzogs.
„Wo haben sie eigentlich die Pferde her? Ich dachte, sie sind mit einer Schaluppe gekommen.“
„Rate, wessen Pferde das sind.“ Dario schnaubte verächtlich.
Mirellas Blick traf sich mit dem des jungen Soldaten. Ihr wurde warm, bestimmt errötete sie.
Stefania tauchte mit ihren Eltern hinter ihr auf. „Vater sagt, Filomarino hat für heute Abend eingeladen, damit der neue Doge die Adligen und Patrizier der Stadt kennen lernt. Kommt ihr auch?“
„Nein!“, sagte Dario.
„Ich hoffe es.“ Mirella sah ihren Vater an. „Haben wir denn eine Einladung?“
„Sicher. Und wir werden hingehen. Auch du, Dario.“
„Es wird todlangweilig“, sagte die Marchesa. „Man wird über Krieg und Geschäfte reden und wir Frauen dürfen die Tafel zieren. Und vielleicht uns endlich wieder satt essen.“ Sie fächelte schwungvoll vor ihrem Gesicht herum. „Aber das sind die neuen Herren.“
„Sie schützen uns vor den Spaniern, meine Liebe.“
„Pah!“ Die Marchesa rauschte davon.
Zehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
Als Taschenbuch auf allen europäischen und der amerikanischen Seite von Amazon erhältlich, bei Mondadori in Italien, sowie auf der amerikanischen Plattform von Barnes&Noble
Als E-Book u.a. bei Weltbild, Hugendubel, Thalia, Amazon, Kobo, iTunes, GooglePlay,, Beam e-books, Smashwords, Barnes&Noble, XinXii, Mondadori, Feltrinelli, Hoepli, Baker-Taylor’sBlio , und vielen anderen Plattformen
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Leseproben aus den vorhergehenden Kapiteln als Sonntags-Sample der vorangegangen Wochen.
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Samstag, 16. November 1647
Mirella erwachte frierend. Das Feuer im Kamin war zu einem glimmenden Aschehaufen zusammengesunken; sie kroch tiefer unter ihr schweres Plumeau und rollte sich zusammen.
Von draußenkam die trällernde Stimme eines jungen Mannes; was fiel ihm ein so früh am Morgen?
Die Franzosen waren gekommen! Mirella sprang mit einem Satz aus dem Bett: Der Junge da draußen hatte guten Grund zu singen.
Sie riss die Tür auf. „Gina, hilf mir beim Anziehen!“
Die Treppe knarrte, während Mirella ein Kleid nach dem anderen aus dem Schrank nahm und aufs Bett warf. Mit einem dunkelgrünen Cretonnekleid stellte sie sich vor den Spiegel. „Nein.“ Sie hielt sich das rote Samtkmit dem schwarzen Pelzbesatz an den Ärmeln an. „Das ist gut!“
Gina trat mit dem dampfenden Wasserkrug ein und musterte sie mit missbilligend gekrauster Stirn. „Willst du damit in die Kirche gehen? In einem Kleid, rot wie die Sünde?“
Mirella drehte sich lachend um. „Aber es ist kalt. Ich werde meinen Umhang darüber tragen.“
„Und warum willst dich so fein machen, wenn es doch niemand sieht?“
„Wer weiß!“ Sie zog sich das Batisthemd über den Kopf.
„Bestimmt werden die französischen Demoisellen zum Gottesdienst erscheinen. Sollen wir ihnen nicht zeigen, dass eine Neapolitanerin ihnen in nichts nachsteht?“
„Für deine Hoffart wirst du in die Hölle kommen.“
„Dort ist es wenigstens warm.“
Gina goss das Wasser in die Waschschüssel. Eine Dampfwolke beschlug den Spiegel und das Fenster, während Mirella sich zu waschen begann. Sie fuhr mit der Hand über den Spiegel, aber er war gleich wieder blind.
„Es gibt keine französischen Demoisellen. Der Herzog ist zum Krieg gekommen, nicht zum Ball.“
„Zum Kriegführen?“ Empört fuhr Mirella herum. Während sie sich umwandte, fegte sie mit dem Ellenbogen die Schüssel zu Boden. Unbeeindruckt blitzte sie Gina an. „Wir haben ihn gerufen, damit endlich Frieden herrscht. Man kann sich ja gar nicht mehr auf die Straße trauen.“
„Ach Kind!“
„Ich bin kein Kind mehr!“ Mirella langte nach einem Handtuch.
Gina legte die Scherben auf die Kommode und nahm ein zweites Handtuch. „Lass mich das machen.“
„Ich bin kein Kind mehr! Wisch auf!“
Kaum war die Magd draußen, legte Mirella das Handtuch fort, schlüpfte in die Unterkleider und streifte vorsichtig das rote Kleid über den Kopf. Wenn sie es erst anhatte, würde Gina sich geschlagen geben.
Als Gina mit dem Wischlappen zurückkam, saß Mirella auf dem Bett und rollte den ersten Seidenstrumpf auf.
„Das ist kein Wetter für Seidenstrümpfe.“ Gina ging auf die Knie und nahm das vergossene Wasser auf, dass noch nicht zwischen die Dielen gesickert war.
Mirella seufzte. War die Anarchie jetzt schon bis zu ihnen in den Palazzo vorgedrungen, dass Gina so respektlos war?
Nachdem Mirella den zweiten Strumpf angezogen hatte, trocknete Gina sich ihre Hände ab, schnürte mit viel Gebrumme und Gemurre Mirella das Mieder und schloss die Haken am Kleid.
Mirella hob den Rock an und drehte sich vor dem Spiegel. „Jetzt wird es bald wieder Bälle geben.“ Sie ließ sich aufs Bett zurückfallen. „Das war das Ärgste!“
Gina murrte wieder. „Das Ärgste ist, dass es kaum noch Fleisch gibt in der Stadt. Die Spanier werden sich nicht beeindrucken lassen.“
Mirella stellte sich vor den Spiegel und blies die Backen auf. „Ja, vernünftig essen stünde mir auch gut zu Gesicht.“
Enzo öffnete die Tür und schaute zu ihr herein. „Warum bist du noch nicht fertig! Es wird voll werden. Alle wollen dabei sein, wenn wieder ein Anjou den Schutz unserer Stadt übernimmt.“
Mirella sprang die Treppe hinunter. Sie nahm den schwarzen Wollumhang aus dem Flurschrank und zog sich die Kapuze übers Haar. Dann lief sie nach draußen zu Dario.
Karossen und Fuhrwerke zuckelten in einer langen Reihe die Straße entlang und stauten sich an der Kreuzung zum Hafen. Die Menschen, die an ihr vorbeieilten, hatten ein Lachen im Gesicht. Fabrizio stand neben dem Schlag und pfiff ein Spottlied auf die Spanier.
Varese trat gegenüber aus der Tür, begleitet von seinen beiden Töchtern. „Guten Morgen, Enzo! Hat Er gesehen?“ Er deutete mit seinem Spazierstock zum Himmel. „Die Sonne drängt sich durch den Nebel. Wenn das kein gutes Omen ist.“
Dario knurrte. „Vor allem wird es bedeuten, dass die Spanier wieder sehen können, wohin sie schießen.“ Wieso schien er die allgemeine Freude nicht zu teilen?
Es brauchte eine Stunde, bis sie in dem dichten Verkehr zur Kathedrale gelangten. Die letzten Meter gingen sie zu Fuß zu einem der Seiteneingänge nahe ihrer Kirchenbank.
Die Menschen unterhielten sich quer durch das Kirchenschiff, als seien sie auf dem Marktplatz. Im hinteren Teil standen sie dicht gedrängt; auf den Bänken saßen sie zusammengequetscht wie Thunfische in einer zu vollen Kiste. Die kleineren Kinder quengelten auf den Schößen ihrer Eltern. Dies würde keine geordnete feierliche Messe werden.
Sie drängten sich durch die Besucher, die im Seitenschiff standen. Die Oliveto saßen schon in ihrer Bank. Die Marchesa hatte ein weißes Spitzentuch zwischen den Fingern und betupfte sich die Augen. Weinte sie etwa?
Stefanie drehte sich um, als Mirella sich hinter ihr hinkniete, und zwinkerte ihr zu.
Mirella faltete ihre Hände dicht vor dem Gesicht und flüsterte. „Hast du sie schon gesehen?“
„Nein.“ Stefania grinste. „Suchst du immer noch einen Bräutigam für mich?“
Sie glucksten vor Vergnügen, bis die Marchesa Stefania mit ihrem Fächer auf den Arm schlug.
Mirella setzte sich hin. Nicht einmal zur Ostermesse hatte sie die Kirche jemals so voll gesehen. Sogar einige der spanischen Familien waren gekommen; dabei war nicht einmal Sonntag. Don Rodrigo saß auf seinem angestammten Platz. Also war er ein viel noblerer Verlierer als Dario ihm zugetraut hatte. Ihr künftiger angeheirateter Onkel; sie nickte ihm zu, als sich ihre Blicke trafen. Er erwiderte den Gruß mit einer Kopfbewegung, doch auf diese Entfernung konnte sie im Halbdunkel der Kirche seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.
Dann flutete Tageslicht durch das Hauptportal. Mirella richtete sich halb auf, sodass sie an Enzo vorbei bis zum Eingang sah.
Jeweils zwei Männer von Pastinas Miliz stellten sich rechts und links der Kirchentüren auf. Einer mit gezogenem Schwert, der andere mit einer Standarte: Zwei aufrecht stehende Löwen, ein Wappenschild in den Pfoten, zierten das Banner des Herzogs. Diese Löwen waren der einzige Unterschied zur Fahne Neapels, die das Kreuz des Königs von Jerusalem und einen Turnierkragen mit drei Brückenpfeilern trug. Und die goldenen Lilien des Hauses Anjou, auf dessen Nachfahren die Neapolitaner nun all ihre Hoffnungen setzten.
Kardinal Filomarino trat aus der Sakristei, begleitet von zwei Messdienern, die Kreuz und Weihrauch trugen. Sie gingen an den nun leiser tuschelnden Menschen vorbei zum Portal.
Mirella reckte sich noch höher.
Da stand Enzo mit einem Lächeln auf. „Setz dich an den Rand, Naseweis.“
Von draußen erklangen Rufe der Begeisterung; die ersten in der Kirche schlossen sich an. Filomarino brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Dies war das Haus Gottes.
Henri, Duc de Guise, betrat die Kathedrale.
Er war unglaublich jung; Mitte Dreißig vielleicht – wie hatte er in seinem kurzen Leben all die Dinge untergebracht, von denen sie gehört hatte? Erzbischof in Reims, zwei Ehen, eine Verschwörung gegen den König von Frankreich, eine Aussöhnung und eine erneute Verschwörung. Und nun hier für die Interessen Frankreichs. Oder für seine eigenen?
Der Herzog küsste den Bischofsring, wie es sich gehörte; anschließend schüttelten die beiden Männer sich die Hand. De Guise zog sein Schwert und gab es einem der Milizionäre. Dann schritt er an Filomarino vorbei zum Altar.
Seine Soldaten, die hinter ihm die Kirche betreten hatten, folgten ihm einer nach dem anderen. Filomarino begrüßte jeden einzelnen von ihnen mit Handschlag, nachdem sie gleichfalls seinen Ring geküsst hatten.
„Verräter!“, zischte Dario.
Mirella wandte sich überrascht zu ihm um.
„Sie scheinen sich gut zu kennen.“
Enzo legte ihm die Hand auf den Arm. „Filomarino hat ihn sicher gestern schon empfangen.“
Einer der jungen Soldaten ging so dicht an Mirella vorbei, dass er sie mit seinem angewinkelten Ellenbogen streifte. Dieser hatte sein Schwert nicht abgelegt, sondern umklammerte den Griff, als sei er bereit, es jeden Moment zu ziehen. Also trauten sie den Neapolitanern nicht. Dario hinter ihr knurrte aufgebracht. Sie drehte sich zu ihm um, kreuzte seinen finsteren Blick . Vielleicht hatten sie so unrecht nicht.
Der junge Soldat ging die Stufen zum Altar hoch und stellte sich neben den Herzog. Immer noch die Hand am Schwert.
Die anderen Männer des Gefolges setzten sich auf die vorderen Kirchenbänke, die der Küster freigehalten hatte. Filomarino begann die Messe zu lesen.
Mirella kniete sich zum Schuldbekenntnis. Da lehnte sich Stefanie zurück. „Adrett sieht er aus, der Herzog.“
„Nicht nur der“, flüsterte Mirella, die Augen auf den Mann neben dem Herzog gerichtet.
Stefania folgte ihrem Blick. „Der gefällt dir? Der ist höchstens zwanzig; bestimmt ein Grünschnabel. Ein Milchbart.“
„Er hat doch gar keinen!“ Mirella unterdrückte das Glucksen in ihrer Kehle. „Der Herzog ist schon verheiratet.“
„Seine Ehe ist gerade annulliert worden.“
Mirella prustete los, was ihr von Enzo einen heftigen Stoß in den Rücken einbrachte und von der Marchesa d’Oliveto einen zornigen Blick. Aber im weiteren Verlauf der Messe hörte sie dennoch kaum zu; sie hätte hinterher nicht zu sagen vermocht, worüber der Kardinal gepredigt hatte. Den Augenblick zur Kommunion hätte sie auch verpasst, wenn Enzo sie nicht aus der Kirchenbank geschoben hätte.
Mirella konzentrierte sich und sprach das vorgeschriebene Amen. Dann ging ihr Blick wieder zu dem jungen Soldaten an der Seite des Herzogs. Er hatte den Blick auf die Menge gerichtet, seine Augen schienen wachsam hin und her zu gehen. Dass sein spärlicher Bart kaum den unteren Teil seiner Wangen bedeckte, ließ ihn tatsächlich sehr jung erscheinen; höchstens Mitte Zwanzig. Nein; er war gewiss jünger als Dario. Aber er trug zwei Ordenssterne. Und schien die persönliche Wache des Herzogs zu sein.
Dann war die Messe zu Ende.
De Guise stand auf und trat an den Rand des Altarraums. Er schien den Blick jedes einzelnen einfangen zu wollen, so lange stand er regungslos da.
Einer der Messdiener brachte eine schwere Bibel aus der Sakristei, deren lederner Einband mit Gold beschlagen war. Kardinal Filomarino nahm sie ihm ab und ging zum Herzog.
De Guise legte die Hand auf die Bibel und sprach den Schwur der Dogen Neapels. Seine schöne volle Stimme füllte ohne Mühe das ganze Kirchenschiff. Er sprach das Neapolitanisch mit einem schweren Akzent, aber er kam keinen Augenblick ins Stocken; vermutlich hatte er die Worte auswendig gelernt.. Dann kniete er sich vor dem Kardinal auf eine mit rotem Samt beschlagene Bank.
Filomarino nahm aus der Hand eines zweiten Priesters die Königskrone von Neapel und setzte sie dem Herzog auf. Dann trat er einen Schritt zurück und hob die Hände, um ihn zu segnen. Aber bevor er dazu kam, stand de Guise auf und wandte sich wieder der Menge zu.
„Ich danke Euch für die Ehre, mir den Schutz Eurer jungen Republik anzuvertrauen. Ich gelobe, sie bis zum letzten Atemzug zu verteidigen und die Rechte eines jeden Bürgers zu achten und zu bewahren.“
„So sieht er aus!“ Dario stieß ein unwilliges Grunzen aus und erhob sich halb von seinem Platz. „Geck!“
„Du hast Vorurteile!“ Enzo hielt ihn fest. „Warte es doch erst einmal ab.“
„Dafür ist keine Zeit.“ Dario hatte seine Stimme erhoben und mehrere Leute drehten sich zu ihnen um.
„Still!“, zischte der Marchese d’Oliveto von vorne.
Dario schnaufte noch einmal voller Empörung; dann setzte er sich wieder hin.
Gennaro Annese stieg die Stufen zum Altar hoch, auf einem schwarzen Samtkissen eine überdimensionale Kopie des Stadtschlüssels.
Er ließ sich vor de Guise auf ein Knie nieder. „Seigneur, im Namen des Rats überreiche ich Euch den Schlüssel der Stadt, die der Mittelpunkt des Königreichs Neapel ist.“ Aber er stand wieder auf, bevor er ihm den Schlüssel hinhielt. Filomarinos Bewegung, mit der er Annese auf den Knien halten wollte, kam zu spät.
Dann verließen die französischen Soldaten ihre Plätze und stellten sich zu beiden Seiten des Gangs auf, bevor de Guise, immer noch die Krone auf dem Kopf, die Kathedrale verließ.
Die Soldaten hielten die Kirchenbesucher zurück, die ihre Bänke verlassen wollten, während der neue Doge noch auf den Stufen vor der Kathedrale stand. Er sprach zu den Menschen, die draußen geblieben waren. Seine Worte mussten ihnen gefallen, denn er wurde immer wieder von Beifall unterbrochen.
„Sie werden sich noch wundern“, fauchte Dario.
„Mäßige dich!“ Enzo klang zornig. Wie oft hatte er an diesem Morgen schon eingegriffen, um Dario im Zaum zu halten?
Mirella drehte sich zu den beiden um. „Dario, du bist ein Miesepeter. Was soll er denn anstellen können mit seinen paar Männern?“
Die Soldaten verließen endlich die Kathedrale und die Kirchenbesucher folgten ihnen nach draußen.
Auch Mirella wandte sich zum Hauptportal, aber Enzo hielt sie auf. „Fabrizio wartet in der Nebenstraße.“
„Dort sehe ich aber nichts mehr.“
Enzo schob sie zum Seiteneingang. „Wenn dir so viel daran liegt, dann nehme ich dich mit, wenn ich in den Palazzo Reale fahre.“
Die Kutsche des Kardinals rollte an ihnen vorbei; neben Filomarino saß de Guise mit angespanntem Gesicht. Sie wurden von Reitern der Stadtmiliz flankiert. Anschließend folgte der neue Prinz von Massa, danach die Männer des Herzogs.
„Wo haben sie eigentlich die Pferde her? Ich dachte, sie sind mit einer Schaluppe gekommen.“
„Rate, wessen Pferde das sind.“ Dario schnaubte verächtlich.
Mirellas Blick traf sich mit dem des jungen Soldaten. Ihr wurde warm, bestimmt errötete sie.
Stefania tauchte mit ihren Eltern hinter ihr auf. „Vater sagt, Filomarino hat für heute Abend eingeladen, damit der neue Doge die Adligen und Patrizier der Stadt kennen lernt. Kommt ihr auch?“
„Nein!“, sagte Dario.
„Ich hoffe es.“ Mirella sah ihren Vater an. „Haben wir denn eine Einladung?“
„Sicher. Und wir werden hingehen. Auch du, Dario.“
„Es wird todlangweilig“, sagte die Marchesa. „Man wird über Krieg und Geschäfte reden und wir Frauen dürfen die Tafel zieren. Und vielleicht uns endlich wieder satt essen.“ Sie fächelte schwungvoll vor ihrem Gesicht herum. „Aber das sind die neuen Herren.“
„Sie schützen uns vor den Spaniern, meine Liebe.“
„Pah!“ Die Marchesa rauschte davon.
Zehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
Als Taschenbuch auf allen europäischen und der amerikanischen Seite von Amazon erhältlich, bei Mondadori in Italien, sowie auf der amerikanischen Plattform von Barnes&Noble
Als E-Book u.a. bei Weltbild, Hugendubel, Thalia, Amazon, Kobo, iTunes, GooglePlay,, Beam e-books, Smashwords, Barnes&Noble, XinXii, Mondadori, Feltrinelli, Hoepli, Baker-Taylor’sBlio , und vielen anderen Plattformen
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29.1.12
#SampleSunday - Königliche Republik ... Drittes Kapitel ...
12. August 1647
Am nächsten Morgen ließ Mirella sich von Fabrizio erneut nach Pizzofalcone bringen.
Es waren ungewöhnlich viele Menschen auf den Straßen, die in Gruppen beieinander standen und in aufgeregte Gespräche verwickelt waren. Nachdem auch Salerno sich erhoben hatte, konnte selbst die Predigt eines Kardinals niemanden mehr mäßigen.
Bald darauf ertönten zwei Schüsse. Erschrocken ließ Mirella Fabrizio anhalten; aber da keine weiteren folgten, war es wohl ungefährlich weiterzufahren. Er bog dennoch von ihrem Weg ab und machte einen großen Bogen um die Piazza del Mercato.
Auf dem Pizzofalcone dagegen herrschte der Alltag. Zwei Mal musste Fabrizio einen Umweg fahren, weil Fuhrwerke mit Sand und Tuffstein in den engen Gassen ausgeladen wurden und ihnen den Weg versperrten. Selbst in diesem abgelegenen Viertel wurden mangels freier Flächen Häuser aufgestockt.
Vor dem „Gallo bianco“ stieg Mirella aus. Die Sonne spiegelte sich in den Scheiben des Wirtshauses und verwehrte ihr den Blick hinein. Sie drückte langsam die Klinke hinunter. Aber die Tür war verschlossen.
Gegenüber klapperte ein Fensterladen. Kurzentschlossen ging sie über die Straße und klopfte dort.
Nach einer Weile wurde das Fenster geöffnet und eine zahnlose alte Frau blickte zu ihr herunter. „Was ist?“
„Sie verzeihe mir, aber ... Wann hat der ‚Gallo bianco’ auf?“
„Was will Sie dort?“ Die Alte strich ihre dünnen Haare zurück. Sie kniff die Augen zusammen und deutete auf Fabrizio. „War Sie nicht gestern schon hier?“
Mirella fühlte sich ertappt. Sie versteifte sich; aber dann wurde ihr klar, dass sie die Gelegenheit nutzen konnte. „Aber ich habe etwas vergessen und darum ....“ Wie absichtslos hörte sie auf zu sprechen und sah scheinbar verlegen zu Boden. „Ich bin manchmal ein bisschen schusselig.“
Die alte Frau klang plötzlich sehr viel freundlicher. „Aber das macht doch nichts, Kindchen. Der Wirt wohnt links daneben. Geh Sie nur und klopfe.“ Sie reckte sich weiter aus dem Fenster. „Um diese Zeit ist er meist schon wach. Ich denke doch, dass er an einem Tag wie diesem ...“
Also gehörten der „Gallo bianco“ und das Nachbarhaus tatsächlich zusammen. Bestimmt gab es eine Tür, die beide Häuser miteinander verband. Mirella verabschiedete sich schnell mit einem höflichen Knicks, bevor die Alte sie mit ihrem Redefluss überschwemmen konnte. Sie raffte ihre Röcke und lief mit einem Tanzschritt los.
„Fabrizio, wem hast du gestern Darios Brief gegeben?“
Fabrizio sah irritiert aus. „Habe ich etwas falsch gemacht? Der Signore sagte, es sei schon in Ordnung; er würde ihn weitergeben.“
„Aber du warst doch im Haus.“
Er nickte. „Sicher. Sollte ich den Brief etwa dem Kind geben, das mir geöffnet hatte?“
„Nein; es war alles ganz richtig.“
„Was tun wir dann hier?“
„Dario erwartet eine Antwort“, fiel ihr ein zu sagen. „Aber wir wollen uns doch nicht lange aufhalten lassen. Wenn du also wüsstest, nach wem ich fragen soll?“
Fabrizio wiegte bedauernd den Kopf. „Frag Sie, ob der Edelmann eine Nachricht hinterlassen hat.“
„Der Edelmann?“ Sie hatte gedacht, er wüsste besser Bescheid.
Fabrizio wurde ganz Eifer. „Hat Sie ihn nicht selber gesehen?“ Der Ziegenbock!
Mirella ging zum Haus des Wirts und zog an der Glocke. Es war so still hier – ob alle auf die Piazza gegangen waren? Am Ende gab es dort Wichtigeres zu erfahren.
Schließlich wurde die Tür geöffnet. Eine Frau in einem verblichenen Kleid aus grobem Hanfleinen musterte sie mit griesgrämigem Gesicht. „Die Signorina will zu uns?“
„Mein Bruder hat gestern einen Brief abgeben lassen und ich soll fragen, ob es eine Antwort gibt.“
„Ich weiß von keinem Brief.“ Sie drehte sich um und rief in den Flur: „Giacomo! Giacomo, hast du gestern einen Brief bekommen?“
Irgendwo scharrte ein Möbelstück über Steinboden. Dann quietschte etwas und ein Vogel zeterte. Am Ende des Flurs trat ein Mann mit Bartstoppeln auf den Wangen und einem Ziegenbart unterm Kinn aus einer Tür.
Hier wimmelt es von Ziegen, kam Mirella in den Sinn. Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verbergen.
„Ich habe keinen Brief bekommen!“ Er gähnte ungeniert, während er den Flur entlang schlurfte. Seine Zähne waren von dunklen Flecken übersät; ein Eckzahn fehlte.
„Scandore. – Unser Kutscher hat hier gestern einen Brief ausgehändigt. Dem Edelmann, der bei Ihm zu Gast war.“
„Davon weiß ich nichts.“
Mirella versuchte, ihre Ungeduld mit einem verbindlichen Lächeln zu verbergen. „Ist er wieder da?“
„Wer?“
„Der Edelmann. Er ging kurz darauf weg.“
Der Wirt kam näher und schnürte sich im Gehen die Hose zu. „Wann soll das gewesen sein?“
„Am Nachmittag.“ Mirella trat von einem Fuß auf den anderen. War der Mann so dämlich oder wollte er nicht mit der Sprache herausrücken? „Bitte, es ist wichtig. Mein Bruder erwartet eine Antwort.“
„Am Nachmittag war ich in meinem Wirtshaus.“
„Eben.“ Sie holte tief Luft. „Und der Duca de Maddaloni war am Nachmittag bei Ihm.“
Er riss die Augen auf, als sie den Namen nannte. Aber nur eine Sekunde; dann wirkte er wieder so verschlafen wie zuvor. „Der Herzog hat meine bescheidene Osteria beehrt wie immer, wenn er sich mit seinen Leuten trifft.“ Das klang schon freundlicher. „Aber von einem Brief weiß ich trotzdem nichts.“ Er zog die Hose ein Stück höher. „Ist Sie sicher, dass der Herzog den Brief in Empfang genommen hat?“
„Wer sonst, wenn nicht er?“
„Ich werde ihn fragen, wenn er wiederkommt.“ Wenigstens hatte er jetzt mit seinen Gegenfragen aufgehört; vielleicht würde er ihr doch etwas erzählen. Das, was Dario ihr verschwieg.
„Wann?“
Giacomo musterte sie von oben bis unten, während er nachdachte; so lange, bis seine Frau ihn in die Seite stieß. Hoffentlich hielt die Alte sie für ein harmloses Kind; sonst würde sie ihm nach ihrem Weggehen den Kopf waschen und es wäre vorbei mit seiner Hilfsbereitschaft. Solche Männer standen immer unter der Fuchtel; entweder der ihrer Frauen selber oder der Schwiegermütter.
„Käme Sie morgen Abend wieder; dann könnte ich Ihr die Antwort des Herzogs geben. So er eine für Ihren Bruder hat.“ Er bohrte sich in der Nase und betrachtete dann den Popel zwischen seinen Fingern. „Aber ein junges Ding wie Sie sollte abends zu Hause bleiben. Warum kommt er nicht selber?“
Sie reckte den Kopf. „Er hielt es für zu verfänglich.“
Die Andeutung eines Lächelns ging über sein Gesicht. „Vorsichtiger Mann, Ihr Bruder.“ Er trat noch einen Schritt näher und blickte hinaus. „Aber dann sollte Sie auch vorsichtiger sein und nicht mit einer Kutsche kommen, die einer wiedererkennen könnte.“
Mirella nickte. „Er hat wohl Recht. Ich werde morgen Abend das letzte Stück zu Fuß kommen. In dieser Gasse wohnen gewiss nur ehrbare Leute.“ Wie Er, verkniff sie sich zuzufügen.
Auf dem Rückweg wurde die Kutsche kurz vor der Piazza del Mercato von einem Mann mit einer Hellebarde aufgehalten. „Sie kann hier nicht weiterfahren, Signorina!“
„Aber warum denn?“
„Auf der Piazza findet ein Tribunal statt. Kehrt um.“
In diesen Tagen mochte alles wichtig sein, was in der Stadt passierte. Die Glocken der Santa Maria del Carmine hatten eben die elfte Stunde geschlagen. Zeit genug, rechtzeitig zum Mittag nach Hause zu kommen.
Mirella stieg in der Gasse neben der Kirche des Sant'Eligio Maggiore aus. Sie tippte einem älteren Mann auf die Schulter. „Was geschieht hier?“
„Die Seidenweber fordern den Erlass der Steuern.“
„Und? Bekommen sie ihren Willen?“
„Dem einen erlässt der Vizekönig die Steuern und dafür setzt er sie den anderen hoch. Oder erfindet neue.“ Er schüttelte den Kopf. „So geht das doch nicht.“
Er drängte sich in Richtung Piazza durch die Menge. Mirella folgte ihm geschwind, ehe sich der Weg wieder schloss. Sie erntete manchen misstrauischen Blick; in ihrem feinen Brokat fiel sie auf. In dem Gedränge auf der Piazza verlor sie ihren Führer und niemand mochte ihr Platz machen. Aber die Nachdrängenden schoben sie mit Ellenbogen und Fußtritten weiter; einer packte sie gar um die Taille, als ob sie dadurch dünner würde. Nun konnte sie nicht mehr zurück; sie musste darauf setzen, dass vielen ihr Essen wichtiger wäre als das Spektakel.
Auf einem Podest neben dem Delphin-Brunnen, das dort seit den Tagen Masaniellos stand, krächzte der alte Genoino mit ausgebreiteten Armen zur Menge hinunter. Doch gegen deren Geschrei kam er mit seiner heiseren Stimme nicht mehr an.
Ein junger Mann, der die rote Mütze der Fischer trug, sprang zu ihm hoch. Er packte Genoino am Arm und versuchte, ihn herunterzuzerren.
„Nach Hause. Geh nach Hause!“, brüllten einige um Mirella herum.
Sie zuckte zusammen, aber natürlich galt es nicht ihr, sondern denen auf dem Podest. Oder einem der beiden.
Ein dritter Mann sprang hoch. Er stellte sich an den Rand und zog eine Pistole aus seiner Schärpe. Ein Schuss in die Luft; die Menge verstummte.
„Wir lassen uns nicht länger betrügen.“ Er hielt den Menschen seine Hände hin. „Wir arbeiten sieben Tage in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; und doch reicht es nicht, um unsere Familien zu ernähren. Schluss damit!“
Sie brüllten Zustimmung; viele schwenkten Knüppel, Hellebarden und manch einer auch eine Schusswaffe.
Als es wieder leiser wurde, fuhr der Mann fort: „Aber es wäre kaum besser ohne die gabelle! Wir müssen verhindern, dass die Preise weiter sinken.“
„Wie willst du das erreichen?“ Genoino hinter ihm hatte seine Stimme wiedergefunden.
Der Mann drehte sich zu ihm um. „Du wirst es sehen.“ Er schwenkte beide Arme und wies zum Hafen. „Kommt mit!“ Dann sprang er herunter und verschwand in der Menge.
Mehr und mehr Menschen verließen die Piazza. Mirella wurde beiseite gedrängt. Die meisten schienen ausgerechnet an ihr vorbei zu wollen. Sie erreichte das Portal der Basilika und blickte den aufgebrachten Menschen hinterher.
Dann tauchte der Mann vor ihr auf, der die Menge zum Mitkommen aufgefordert hatte. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke; er grinste sie herausfordernd an. Kannte er sie?
Mirella betrat die Kirche und ging durch einen Seiteneingang hinaus zur Kutsche. Fabrizio hielt die Pferde am Kopfzeug und sprach beruhigend auf sie ein.
Sein Blick leuchtete auf. „Ich war in Sorge, Signorina. Lasst uns fort von hier, bevor man Sie erkennt.“ Er riss den Schlag auf und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie lächelte. „Einer hat mich wohl erkannt.“
Fabrizio sah sie erschrocken an.
„Was ist schlimm daran?“
„Sie ist die Tochter Scandores.“ Natürlich war sie aufgefallen; aber man tat doch einem jungen Mädchen nichts.
Nachdem sie eingestiegen war, sah er sich wachsam um. „Hat Sie nicht begriffen, was sie vorhaben?“
„Doch. Sie wollen mehr Geld für ihre Familien.“
Er schüttelte den Kopf. „Sie wollen sich die Konkurrenz vom Hals schaffen.“ Bevor sie nachfragen konnte, was er damit sagen wollte, sprang er auf den Bock.
Nachdem sie das Gewühl hinter sich gelassen hatten, jagte er die Kutsche in einem Tempo durch die Gassen, wie Mirella es noch nie erlebt hatte. Vor dem Haus bremste er so abrupt, dass die Pferde zornig wieherten. Er sprang ab und rannte die Stufen zum Eingang hinauf. Dort warf er sich regelrecht gegen die Tür statt anständig zu klopfen.
Als er im Haus verschwand, raffte Mirella ihre Röcke und kletterte allein aus der Kutsche.
Dario stürmte an ihr vorbei, gefolgt von Fabrizio. Dann kam auch Enzo.
„Bleib Er zu Hause, Vater. Ich mach das schon.“ Dario stieg in die Kutsche und Fabrizio jagte davon, bevor Enzo alle Stufen hinuntergegangen war.
„Vater!“
Er drehte sich zu ihr um. „Sag Gina, sie soll nicht mit dem Essen auf uns warten!
„Was ist denn los?“
„Tu, was ich dir sage.“
Gleich darauf stand Enzo im Hof und rief die Dienstboten zusammen. Die beiden Gärtner, die Stallburschen und der alte Hausdiener griffen sich jeder einen Eimer und rannten hinaus. Enzo sattelte selbst sein Pferd und folgte ihnen.
Gina beobachtete sie durch die offene Küchentür und zerrte an dem Handtuch, das sie zwischen den Fingern hielt. „Sie werden nichts ausrichten. Sie kommen zu spät!“
„Aber was ist denn los?“
Gina starrte sie fassungslos an. „Du warst doch selber dort! Hast du es denn nicht begriffen?“
„Aber ...“ Mirella sah den Mann von der Piazza vor sich und jetzt fiel es ihr ein: Sie hatte ihn im Kontor gesehen; er war einer von Enzos Lieferanten.
Gina hackte mit solch grimmigen Gesicht auf die Zwiebeln ein, als wolle sie sie totschlagen. In ihren Augen standen Tränen. Sie wischte sich die Hand an der Schürze ab und dann mit der Schürze übers Gesicht. „Madonna, sind die Zwiebeln scharf!“
Argwöhnisch sah Mirella ihr zu. „Lass mich das machen.“
„Das gehört sich nicht.“
Mirella nahm ihr das Messer weg.
Gina schluchzte auf, während Mirella das Hackbrett zu sich heranzog. „Du ruinierst dir das Kleid.“
Unwillkürlich blickte Mirella an sich herab. „Es ist doch bloß ...“ Florentiner Stoff. Das hatte Fabrizio mit der Konkurrenz gemeint!
Entsetzt sah sie Gina an. „Die Seidenweber brennen unser Lager ab!“ Sie sprang auf. „Wir müssen den Männern beim Löschen helfen.“
Gina schluchzte lauter. „Bleib hier! Es ist gefährlich!“
„Eben!“ Mirella griff nach dem Eimer, der unter dem Waschtisch stand. Einen Moment zögerte sie; dann nahm sie den Ausgang über den Hof, um Rita nicht zu begegnen. Die Mutter würde sie womöglich aufhalten wollen.
Mit dem Eimer in der Hand lief sie auf die Straße. Der Glashändler von gegenüber, Antonio Varese, ließ gerade seine Kutsche auf die Straße rollen.
Während der Kutscher ihm die Tür aufhielt, wollte Mirella an ihnen vorbeirennen.
„Langsam!“ Varese erwischte sie an einer Schleife ihres Kleides.
Mirella packte seine Hand. „Lasst mich!“
„Steig Sie ein, wir haben den gleichen Weg!“ Er griff nach ihrem Eimer.
In der Kutsche saßen drei von Vareses Dienstboten, Eimer auf dem Schoß oder zwischen den Füßen. Mirella stieg ein und der Nachbar zwängte sich neben sie.
„Ich fürchte allerdings, wir werden zu spät kommen. Warum hat uns Ihr Vater nicht gleich zu Hilfe geholt?“
Die Straßen im Zentrum waren immer noch voller Menschen. Erst eine ganze Weile später erreichten sie den Kai, an dem die Fähre nach Capri lag. Kurz darauf stieg Mirella der Geruch von Rauch in die Nase. Die Gesichter der Männer wurden grimmig, verbissen.
Varese schob den Vorhang beiseite und warf einen Blick nach draußen. „Sie bleibt hier, Signorina!“
„Aber ...“
„Keine Widerrede. Ihr Bruder bringt mich um, wenn Ihr etwas passiert.“
Nicht weit entfernt klirrte Metall auf Metall. Männer brüllten; dann gab es einen lang gezogenen Schrei, der ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunterjagte.
Varese stieg aus, noch ehe die Kutsche ganz angehalten hatte, und winkte seinem Kutscher. „Cesare, sorg dafür, dass die Signorina hier bleibt.“ Die anderen Männer folgten ihm.
Mirella stand auf.
„Signorina, bitte.“
Sie schenkte Cesare ein Lächeln. Er war kaum älter als sie; sie sollte ihn bezaubern können. „Er kann mich doch aussteigen lassen. Ich möchte sehen, was dort passiert.“
Cesares Miene blieb starr. „So schau Sie aus dem Fenster.“ Er legte die Hand auf den Türgriff.
„Wollte Er nicht auch helfen?“
Er nickte. „Das hat Sie vereitelt.“
Mirella schlug einen Moment wie beschämt die Augen nieder und senkte ihre Stimme. „Das tut mir leid.“ Sie blickte wieder auf. „Aber geh Er nur. Nimm deinen Eimer und hilf. Mir wird schon nichts passieren.“
Er nahm tatsächlich seinen Eimer hoch; aber dann krallte er beide Hände um den Henkel und drückte die Arme steif an den Körper. Er sah sie nicht an, als er antwortete. „Ich gehorche dem padrone.“
Mirella stemmte die Ellenbogen auf den Fensterrahmen und streckte den Kopf hinaus.
Vor den Lagerhäusern am Ende des Piers blitzten im Feuerschein Messer und Säbel auf. Wo waren Dario und der Vater?
Sie fasste nach dem Türgriff, aber Cesare hielt ihn von außen fest. Blitzschnell beugte sie sich heraus und biss ihn in die Finger. Seine Hand fuhr zurück; sie riss die Tür auf und schlug sie ihm an den Kopf. Er taumelte zurück und sie sprang hinaus.
Aber als sie sich aufrichtete, war er neben ihr und packte sie. „Sie bleibt hier!“ Er presste sie fest an sich, umklammerte sie mit beiden Armen. Sie trat nach ihm und strampelte, aber es half nichts. Er war stärker, hob sie hoch und zwang sie in die Kutsche zurück.
Ihre Köpfe stießen aneinander. In seinen Augen blitzte es auf – und dann küsste er sie. Zuerst lag sein Mund hart auf dem ihren, dann wurden seine Lippen sanft und so weich, als wären sie aus Samt.
Er ließ sie abrupt los. „Vergeb Sie mir, Signorina, wenn Sie kann. Ich habe mich vergessen.“
Sie starrte ihn mit halb geöffnetem Mund an. Jetzt musste sie ihn ohrfeigen. Langsam hob sie die Hand. Dann legte sie die Fingerspitzen auf ihre Lippen und starrte weiter.
In Cesares Augen glomm immer noch ein Licht; und es war nicht der Widerschein des Feuers.
Mirella atmete durch. „Es geschehen viele Dinge in diesen Tagen, die nicht schicklich sind.“
Ihr Blick ging hinüber zu den Lagerhäusern. Die Männer schienen zur Vernunft gekommen und hatten ihre Zweikämpfe beendet. Sie formierten Ketten und begannen, Eimer zum Löschen weiterzureichen. Aber sie kämpften nicht mehr um das Lagerhaus der Scandore, sondern versuchten, ein Übergreifen des Feuers auf die angrenzenden Gebäude zu verhindern.
„Wir sollten beide helfen. Sie schlagen sich nicht mehr.“
Cesare drehte sich nach dem Feuer um. Dann nickte er. „Wir stellen uns ans Ende der Wasserkette.“
Erleichtert ließ Mirella sich von ihm aus der Kutsche helfen. Wieder waren sie sich ganz nahe. Aus seinem Haar strömte ein süßlicher Duft und überdeckte für einen Moment den Geruch des Rauchs, der zu ihnen herüber wehte. Ob Felipe sie auch so küssen würde?
Sie packten ihre Eimer und liefen zu den Helfern an die Kaimauer.
Immer wieder blickte Mirella sich suchend um, während sie Eimer um Eimer weiterreichte, die Cesare und ein zweiter Mann aus dem Meer hochzogen. Aber sie sah weder Varese noch Dario oder Enzo.
Dann gab es einen dumpfen Schlag wie bei einer Explosion. Cesare riss Mirella zu Boden und warf sich über sie. Die brennende Fassade des Lagerhauses stürzte nach vorn; laut prasselte eine Stichflamme hoch. Eine Hitzewelle fegte über sie hinweg.
Als Cesare sich zur Seite rollte und ihr auf die Beine half, brannten ihre Knie; aber sie scheute sich, ihre Röcke zu heben und nachzusehen.
„Es ist gefährlicher als ich dachte. Ich bringe Sie zur Kutsche zurück.“
Nun hatte sie nichts dagegen einzuwenden; es war eh alles verloren. Sie gab ihm ihre Hand und bemühte sich, nicht zu hinken, als sie neben ihm her ging. Er sollte sich keine Vorwürfe machen. Aber als sie dann das Knie beugte, um in die Kutsche zu steigen, entfuhr ihr doch ein Stöhnen; er schien es jedoch nicht zu bemerken.
Cesare lehnte sich an die Kutsche, den Blick zum Brandherd.
Vorsichtig lupfte sie den Rock, damit der Stoff nicht an den aufgeschundenen Knien festklebte. Ihre Schultern schmerzten von der ungewohnten Last der unzähligen Eimer. Und sie war müde; sie wünschte sich nur noch, auf der Stelle in ihr Bett kriechen zu können.
Es war Nacht, als die Männer schließlich ihre Eimer absetzten. Der Mond beschien einen rauchenden Trümmerhaufen, aus dem das Skelett einzelner Balken in den Himmel ragte.
„Ob sie etwas von den Waren retten konnten?“
Cesare drehte sich zu Mirella um. „Kaum. Was nicht verbrannt ist, wird das Wasser ruiniert haben.“
Kurz darauf kam Varese mit seinen Männern zurück. Er musterte erst Cesare, dann Mirella und zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. Aber er sagte nichts, als er einstieg.
„Hat Er Dario gesehen? Und Vater?“
Er nickte. „Sie räumen auf, um Brandnester zu finden.“
Mirella schluckte; dann wagte sie die Frage, die ihr auf dem Herzen brannte. „Was ist übrig geblieben?“
Varese strich mit dem Zeigefinger ihre Wange entlang. „Wo kommt die Rußspur her?“
„Er hat meine Frage nicht beantwortet.“
„Nichts, Kind.“
Drittes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman.
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Zum historischen Hintergrund Beiträge auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.
Am nächsten Morgen ließ Mirella sich von Fabrizio erneut nach Pizzofalcone bringen.
Es waren ungewöhnlich viele Menschen auf den Straßen, die in Gruppen beieinander standen und in aufgeregte Gespräche verwickelt waren. Nachdem auch Salerno sich erhoben hatte, konnte selbst die Predigt eines Kardinals niemanden mehr mäßigen.
Bald darauf ertönten zwei Schüsse. Erschrocken ließ Mirella Fabrizio anhalten; aber da keine weiteren folgten, war es wohl ungefährlich weiterzufahren. Er bog dennoch von ihrem Weg ab und machte einen großen Bogen um die Piazza del Mercato.
Auf dem Pizzofalcone dagegen herrschte der Alltag. Zwei Mal musste Fabrizio einen Umweg fahren, weil Fuhrwerke mit Sand und Tuffstein in den engen Gassen ausgeladen wurden und ihnen den Weg versperrten. Selbst in diesem abgelegenen Viertel wurden mangels freier Flächen Häuser aufgestockt.
Vor dem „Gallo bianco“ stieg Mirella aus. Die Sonne spiegelte sich in den Scheiben des Wirtshauses und verwehrte ihr den Blick hinein. Sie drückte langsam die Klinke hinunter. Aber die Tür war verschlossen.
Gegenüber klapperte ein Fensterladen. Kurzentschlossen ging sie über die Straße und klopfte dort.
Nach einer Weile wurde das Fenster geöffnet und eine zahnlose alte Frau blickte zu ihr herunter. „Was ist?“
„Sie verzeihe mir, aber ... Wann hat der ‚Gallo bianco’ auf?“
„Was will Sie dort?“ Die Alte strich ihre dünnen Haare zurück. Sie kniff die Augen zusammen und deutete auf Fabrizio. „War Sie nicht gestern schon hier?“
Mirella fühlte sich ertappt. Sie versteifte sich; aber dann wurde ihr klar, dass sie die Gelegenheit nutzen konnte. „Aber ich habe etwas vergessen und darum ....“ Wie absichtslos hörte sie auf zu sprechen und sah scheinbar verlegen zu Boden. „Ich bin manchmal ein bisschen schusselig.“
Die alte Frau klang plötzlich sehr viel freundlicher. „Aber das macht doch nichts, Kindchen. Der Wirt wohnt links daneben. Geh Sie nur und klopfe.“ Sie reckte sich weiter aus dem Fenster. „Um diese Zeit ist er meist schon wach. Ich denke doch, dass er an einem Tag wie diesem ...“
Also gehörten der „Gallo bianco“ und das Nachbarhaus tatsächlich zusammen. Bestimmt gab es eine Tür, die beide Häuser miteinander verband. Mirella verabschiedete sich schnell mit einem höflichen Knicks, bevor die Alte sie mit ihrem Redefluss überschwemmen konnte. Sie raffte ihre Röcke und lief mit einem Tanzschritt los.
„Fabrizio, wem hast du gestern Darios Brief gegeben?“
Fabrizio sah irritiert aus. „Habe ich etwas falsch gemacht? Der Signore sagte, es sei schon in Ordnung; er würde ihn weitergeben.“
„Aber du warst doch im Haus.“
Er nickte. „Sicher. Sollte ich den Brief etwa dem Kind geben, das mir geöffnet hatte?“
„Nein; es war alles ganz richtig.“
„Was tun wir dann hier?“
„Dario erwartet eine Antwort“, fiel ihr ein zu sagen. „Aber wir wollen uns doch nicht lange aufhalten lassen. Wenn du also wüsstest, nach wem ich fragen soll?“
Fabrizio wiegte bedauernd den Kopf. „Frag Sie, ob der Edelmann eine Nachricht hinterlassen hat.“
„Der Edelmann?“ Sie hatte gedacht, er wüsste besser Bescheid.
Fabrizio wurde ganz Eifer. „Hat Sie ihn nicht selber gesehen?“ Der Ziegenbock!
Mirella ging zum Haus des Wirts und zog an der Glocke. Es war so still hier – ob alle auf die Piazza gegangen waren? Am Ende gab es dort Wichtigeres zu erfahren.
Schließlich wurde die Tür geöffnet. Eine Frau in einem verblichenen Kleid aus grobem Hanfleinen musterte sie mit griesgrämigem Gesicht. „Die Signorina will zu uns?“
„Mein Bruder hat gestern einen Brief abgeben lassen und ich soll fragen, ob es eine Antwort gibt.“
„Ich weiß von keinem Brief.“ Sie drehte sich um und rief in den Flur: „Giacomo! Giacomo, hast du gestern einen Brief bekommen?“
Irgendwo scharrte ein Möbelstück über Steinboden. Dann quietschte etwas und ein Vogel zeterte. Am Ende des Flurs trat ein Mann mit Bartstoppeln auf den Wangen und einem Ziegenbart unterm Kinn aus einer Tür.
Hier wimmelt es von Ziegen, kam Mirella in den Sinn. Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verbergen.
„Ich habe keinen Brief bekommen!“ Er gähnte ungeniert, während er den Flur entlang schlurfte. Seine Zähne waren von dunklen Flecken übersät; ein Eckzahn fehlte.
„Scandore. – Unser Kutscher hat hier gestern einen Brief ausgehändigt. Dem Edelmann, der bei Ihm zu Gast war.“
„Davon weiß ich nichts.“
Mirella versuchte, ihre Ungeduld mit einem verbindlichen Lächeln zu verbergen. „Ist er wieder da?“
„Wer?“
„Der Edelmann. Er ging kurz darauf weg.“
Der Wirt kam näher und schnürte sich im Gehen die Hose zu. „Wann soll das gewesen sein?“
„Am Nachmittag.“ Mirella trat von einem Fuß auf den anderen. War der Mann so dämlich oder wollte er nicht mit der Sprache herausrücken? „Bitte, es ist wichtig. Mein Bruder erwartet eine Antwort.“
„Am Nachmittag war ich in meinem Wirtshaus.“
„Eben.“ Sie holte tief Luft. „Und der Duca de Maddaloni war am Nachmittag bei Ihm.“
Er riss die Augen auf, als sie den Namen nannte. Aber nur eine Sekunde; dann wirkte er wieder so verschlafen wie zuvor. „Der Herzog hat meine bescheidene Osteria beehrt wie immer, wenn er sich mit seinen Leuten trifft.“ Das klang schon freundlicher. „Aber von einem Brief weiß ich trotzdem nichts.“ Er zog die Hose ein Stück höher. „Ist Sie sicher, dass der Herzog den Brief in Empfang genommen hat?“
„Wer sonst, wenn nicht er?“
„Ich werde ihn fragen, wenn er wiederkommt.“ Wenigstens hatte er jetzt mit seinen Gegenfragen aufgehört; vielleicht würde er ihr doch etwas erzählen. Das, was Dario ihr verschwieg.
„Wann?“
Giacomo musterte sie von oben bis unten, während er nachdachte; so lange, bis seine Frau ihn in die Seite stieß. Hoffentlich hielt die Alte sie für ein harmloses Kind; sonst würde sie ihm nach ihrem Weggehen den Kopf waschen und es wäre vorbei mit seiner Hilfsbereitschaft. Solche Männer standen immer unter der Fuchtel; entweder der ihrer Frauen selber oder der Schwiegermütter.
„Käme Sie morgen Abend wieder; dann könnte ich Ihr die Antwort des Herzogs geben. So er eine für Ihren Bruder hat.“ Er bohrte sich in der Nase und betrachtete dann den Popel zwischen seinen Fingern. „Aber ein junges Ding wie Sie sollte abends zu Hause bleiben. Warum kommt er nicht selber?“
Sie reckte den Kopf. „Er hielt es für zu verfänglich.“
Die Andeutung eines Lächelns ging über sein Gesicht. „Vorsichtiger Mann, Ihr Bruder.“ Er trat noch einen Schritt näher und blickte hinaus. „Aber dann sollte Sie auch vorsichtiger sein und nicht mit einer Kutsche kommen, die einer wiedererkennen könnte.“
Mirella nickte. „Er hat wohl Recht. Ich werde morgen Abend das letzte Stück zu Fuß kommen. In dieser Gasse wohnen gewiss nur ehrbare Leute.“ Wie Er, verkniff sie sich zuzufügen.
Auf dem Rückweg wurde die Kutsche kurz vor der Piazza del Mercato von einem Mann mit einer Hellebarde aufgehalten. „Sie kann hier nicht weiterfahren, Signorina!“
„Aber warum denn?“
„Auf der Piazza findet ein Tribunal statt. Kehrt um.“
In diesen Tagen mochte alles wichtig sein, was in der Stadt passierte. Die Glocken der Santa Maria del Carmine hatten eben die elfte Stunde geschlagen. Zeit genug, rechtzeitig zum Mittag nach Hause zu kommen.
Mirella stieg in der Gasse neben der Kirche des Sant'Eligio Maggiore aus. Sie tippte einem älteren Mann auf die Schulter. „Was geschieht hier?“
„Die Seidenweber fordern den Erlass der Steuern.“
„Und? Bekommen sie ihren Willen?“
„Dem einen erlässt der Vizekönig die Steuern und dafür setzt er sie den anderen hoch. Oder erfindet neue.“ Er schüttelte den Kopf. „So geht das doch nicht.“
Er drängte sich in Richtung Piazza durch die Menge. Mirella folgte ihm geschwind, ehe sich der Weg wieder schloss. Sie erntete manchen misstrauischen Blick; in ihrem feinen Brokat fiel sie auf. In dem Gedränge auf der Piazza verlor sie ihren Führer und niemand mochte ihr Platz machen. Aber die Nachdrängenden schoben sie mit Ellenbogen und Fußtritten weiter; einer packte sie gar um die Taille, als ob sie dadurch dünner würde. Nun konnte sie nicht mehr zurück; sie musste darauf setzen, dass vielen ihr Essen wichtiger wäre als das Spektakel.
Auf einem Podest neben dem Delphin-Brunnen, das dort seit den Tagen Masaniellos stand, krächzte der alte Genoino mit ausgebreiteten Armen zur Menge hinunter. Doch gegen deren Geschrei kam er mit seiner heiseren Stimme nicht mehr an.
Ein junger Mann, der die rote Mütze der Fischer trug, sprang zu ihm hoch. Er packte Genoino am Arm und versuchte, ihn herunterzuzerren.
„Nach Hause. Geh nach Hause!“, brüllten einige um Mirella herum.
Sie zuckte zusammen, aber natürlich galt es nicht ihr, sondern denen auf dem Podest. Oder einem der beiden.
Ein dritter Mann sprang hoch. Er stellte sich an den Rand und zog eine Pistole aus seiner Schärpe. Ein Schuss in die Luft; die Menge verstummte.
„Wir lassen uns nicht länger betrügen.“ Er hielt den Menschen seine Hände hin. „Wir arbeiten sieben Tage in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; und doch reicht es nicht, um unsere Familien zu ernähren. Schluss damit!“
Sie brüllten Zustimmung; viele schwenkten Knüppel, Hellebarden und manch einer auch eine Schusswaffe.
Als es wieder leiser wurde, fuhr der Mann fort: „Aber es wäre kaum besser ohne die gabelle! Wir müssen verhindern, dass die Preise weiter sinken.“
„Wie willst du das erreichen?“ Genoino hinter ihm hatte seine Stimme wiedergefunden.
Der Mann drehte sich zu ihm um. „Du wirst es sehen.“ Er schwenkte beide Arme und wies zum Hafen. „Kommt mit!“ Dann sprang er herunter und verschwand in der Menge.
Mehr und mehr Menschen verließen die Piazza. Mirella wurde beiseite gedrängt. Die meisten schienen ausgerechnet an ihr vorbei zu wollen. Sie erreichte das Portal der Basilika und blickte den aufgebrachten Menschen hinterher.
Dann tauchte der Mann vor ihr auf, der die Menge zum Mitkommen aufgefordert hatte. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke; er grinste sie herausfordernd an. Kannte er sie?
Mirella betrat die Kirche und ging durch einen Seiteneingang hinaus zur Kutsche. Fabrizio hielt die Pferde am Kopfzeug und sprach beruhigend auf sie ein.
Sein Blick leuchtete auf. „Ich war in Sorge, Signorina. Lasst uns fort von hier, bevor man Sie erkennt.“ Er riss den Schlag auf und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie lächelte. „Einer hat mich wohl erkannt.“
Fabrizio sah sie erschrocken an.
„Was ist schlimm daran?“
„Sie ist die Tochter Scandores.“ Natürlich war sie aufgefallen; aber man tat doch einem jungen Mädchen nichts.
Nachdem sie eingestiegen war, sah er sich wachsam um. „Hat Sie nicht begriffen, was sie vorhaben?“
„Doch. Sie wollen mehr Geld für ihre Familien.“
Er schüttelte den Kopf. „Sie wollen sich die Konkurrenz vom Hals schaffen.“ Bevor sie nachfragen konnte, was er damit sagen wollte, sprang er auf den Bock.
Nachdem sie das Gewühl hinter sich gelassen hatten, jagte er die Kutsche in einem Tempo durch die Gassen, wie Mirella es noch nie erlebt hatte. Vor dem Haus bremste er so abrupt, dass die Pferde zornig wieherten. Er sprang ab und rannte die Stufen zum Eingang hinauf. Dort warf er sich regelrecht gegen die Tür statt anständig zu klopfen.
Als er im Haus verschwand, raffte Mirella ihre Röcke und kletterte allein aus der Kutsche.
Dario stürmte an ihr vorbei, gefolgt von Fabrizio. Dann kam auch Enzo.
„Bleib Er zu Hause, Vater. Ich mach das schon.“ Dario stieg in die Kutsche und Fabrizio jagte davon, bevor Enzo alle Stufen hinuntergegangen war.
„Vater!“
Er drehte sich zu ihr um. „Sag Gina, sie soll nicht mit dem Essen auf uns warten!
„Was ist denn los?“
„Tu, was ich dir sage.“
Gleich darauf stand Enzo im Hof und rief die Dienstboten zusammen. Die beiden Gärtner, die Stallburschen und der alte Hausdiener griffen sich jeder einen Eimer und rannten hinaus. Enzo sattelte selbst sein Pferd und folgte ihnen.
Gina beobachtete sie durch die offene Küchentür und zerrte an dem Handtuch, das sie zwischen den Fingern hielt. „Sie werden nichts ausrichten. Sie kommen zu spät!“
„Aber was ist denn los?“
Gina starrte sie fassungslos an. „Du warst doch selber dort! Hast du es denn nicht begriffen?“
„Aber ...“ Mirella sah den Mann von der Piazza vor sich und jetzt fiel es ihr ein: Sie hatte ihn im Kontor gesehen; er war einer von Enzos Lieferanten.
Gina hackte mit solch grimmigen Gesicht auf die Zwiebeln ein, als wolle sie sie totschlagen. In ihren Augen standen Tränen. Sie wischte sich die Hand an der Schürze ab und dann mit der Schürze übers Gesicht. „Madonna, sind die Zwiebeln scharf!“
Argwöhnisch sah Mirella ihr zu. „Lass mich das machen.“
„Das gehört sich nicht.“
Mirella nahm ihr das Messer weg.
Gina schluchzte auf, während Mirella das Hackbrett zu sich heranzog. „Du ruinierst dir das Kleid.“
Unwillkürlich blickte Mirella an sich herab. „Es ist doch bloß ...“ Florentiner Stoff. Das hatte Fabrizio mit der Konkurrenz gemeint!
Entsetzt sah sie Gina an. „Die Seidenweber brennen unser Lager ab!“ Sie sprang auf. „Wir müssen den Männern beim Löschen helfen.“
Gina schluchzte lauter. „Bleib hier! Es ist gefährlich!“
„Eben!“ Mirella griff nach dem Eimer, der unter dem Waschtisch stand. Einen Moment zögerte sie; dann nahm sie den Ausgang über den Hof, um Rita nicht zu begegnen. Die Mutter würde sie womöglich aufhalten wollen.
Mit dem Eimer in der Hand lief sie auf die Straße. Der Glashändler von gegenüber, Antonio Varese, ließ gerade seine Kutsche auf die Straße rollen.
Während der Kutscher ihm die Tür aufhielt, wollte Mirella an ihnen vorbeirennen.
„Langsam!“ Varese erwischte sie an einer Schleife ihres Kleides.
Mirella packte seine Hand. „Lasst mich!“
„Steig Sie ein, wir haben den gleichen Weg!“ Er griff nach ihrem Eimer.
In der Kutsche saßen drei von Vareses Dienstboten, Eimer auf dem Schoß oder zwischen den Füßen. Mirella stieg ein und der Nachbar zwängte sich neben sie.
„Ich fürchte allerdings, wir werden zu spät kommen. Warum hat uns Ihr Vater nicht gleich zu Hilfe geholt?“
Die Straßen im Zentrum waren immer noch voller Menschen. Erst eine ganze Weile später erreichten sie den Kai, an dem die Fähre nach Capri lag. Kurz darauf stieg Mirella der Geruch von Rauch in die Nase. Die Gesichter der Männer wurden grimmig, verbissen.
Varese schob den Vorhang beiseite und warf einen Blick nach draußen. „Sie bleibt hier, Signorina!“
„Aber ...“
„Keine Widerrede. Ihr Bruder bringt mich um, wenn Ihr etwas passiert.“
Nicht weit entfernt klirrte Metall auf Metall. Männer brüllten; dann gab es einen lang gezogenen Schrei, der ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunterjagte.
Varese stieg aus, noch ehe die Kutsche ganz angehalten hatte, und winkte seinem Kutscher. „Cesare, sorg dafür, dass die Signorina hier bleibt.“ Die anderen Männer folgten ihm.
Mirella stand auf.
„Signorina, bitte.“
Sie schenkte Cesare ein Lächeln. Er war kaum älter als sie; sie sollte ihn bezaubern können. „Er kann mich doch aussteigen lassen. Ich möchte sehen, was dort passiert.“
Cesares Miene blieb starr. „So schau Sie aus dem Fenster.“ Er legte die Hand auf den Türgriff.
„Wollte Er nicht auch helfen?“
Er nickte. „Das hat Sie vereitelt.“
Mirella schlug einen Moment wie beschämt die Augen nieder und senkte ihre Stimme. „Das tut mir leid.“ Sie blickte wieder auf. „Aber geh Er nur. Nimm deinen Eimer und hilf. Mir wird schon nichts passieren.“
Er nahm tatsächlich seinen Eimer hoch; aber dann krallte er beide Hände um den Henkel und drückte die Arme steif an den Körper. Er sah sie nicht an, als er antwortete. „Ich gehorche dem padrone.“
Mirella stemmte die Ellenbogen auf den Fensterrahmen und streckte den Kopf hinaus.
Vor den Lagerhäusern am Ende des Piers blitzten im Feuerschein Messer und Säbel auf. Wo waren Dario und der Vater?
Sie fasste nach dem Türgriff, aber Cesare hielt ihn von außen fest. Blitzschnell beugte sie sich heraus und biss ihn in die Finger. Seine Hand fuhr zurück; sie riss die Tür auf und schlug sie ihm an den Kopf. Er taumelte zurück und sie sprang hinaus.
Aber als sie sich aufrichtete, war er neben ihr und packte sie. „Sie bleibt hier!“ Er presste sie fest an sich, umklammerte sie mit beiden Armen. Sie trat nach ihm und strampelte, aber es half nichts. Er war stärker, hob sie hoch und zwang sie in die Kutsche zurück.
Ihre Köpfe stießen aneinander. In seinen Augen blitzte es auf – und dann küsste er sie. Zuerst lag sein Mund hart auf dem ihren, dann wurden seine Lippen sanft und so weich, als wären sie aus Samt.
Er ließ sie abrupt los. „Vergeb Sie mir, Signorina, wenn Sie kann. Ich habe mich vergessen.“
Sie starrte ihn mit halb geöffnetem Mund an. Jetzt musste sie ihn ohrfeigen. Langsam hob sie die Hand. Dann legte sie die Fingerspitzen auf ihre Lippen und starrte weiter.
In Cesares Augen glomm immer noch ein Licht; und es war nicht der Widerschein des Feuers.
Mirella atmete durch. „Es geschehen viele Dinge in diesen Tagen, die nicht schicklich sind.“
Ihr Blick ging hinüber zu den Lagerhäusern. Die Männer schienen zur Vernunft gekommen und hatten ihre Zweikämpfe beendet. Sie formierten Ketten und begannen, Eimer zum Löschen weiterzureichen. Aber sie kämpften nicht mehr um das Lagerhaus der Scandore, sondern versuchten, ein Übergreifen des Feuers auf die angrenzenden Gebäude zu verhindern.
„Wir sollten beide helfen. Sie schlagen sich nicht mehr.“
Cesare drehte sich nach dem Feuer um. Dann nickte er. „Wir stellen uns ans Ende der Wasserkette.“
Erleichtert ließ Mirella sich von ihm aus der Kutsche helfen. Wieder waren sie sich ganz nahe. Aus seinem Haar strömte ein süßlicher Duft und überdeckte für einen Moment den Geruch des Rauchs, der zu ihnen herüber wehte. Ob Felipe sie auch so küssen würde?
Sie packten ihre Eimer und liefen zu den Helfern an die Kaimauer.
Immer wieder blickte Mirella sich suchend um, während sie Eimer um Eimer weiterreichte, die Cesare und ein zweiter Mann aus dem Meer hochzogen. Aber sie sah weder Varese noch Dario oder Enzo.
Dann gab es einen dumpfen Schlag wie bei einer Explosion. Cesare riss Mirella zu Boden und warf sich über sie. Die brennende Fassade des Lagerhauses stürzte nach vorn; laut prasselte eine Stichflamme hoch. Eine Hitzewelle fegte über sie hinweg.
Als Cesare sich zur Seite rollte und ihr auf die Beine half, brannten ihre Knie; aber sie scheute sich, ihre Röcke zu heben und nachzusehen.
„Es ist gefährlicher als ich dachte. Ich bringe Sie zur Kutsche zurück.“
Nun hatte sie nichts dagegen einzuwenden; es war eh alles verloren. Sie gab ihm ihre Hand und bemühte sich, nicht zu hinken, als sie neben ihm her ging. Er sollte sich keine Vorwürfe machen. Aber als sie dann das Knie beugte, um in die Kutsche zu steigen, entfuhr ihr doch ein Stöhnen; er schien es jedoch nicht zu bemerken.
Cesare lehnte sich an die Kutsche, den Blick zum Brandherd.
Vorsichtig lupfte sie den Rock, damit der Stoff nicht an den aufgeschundenen Knien festklebte. Ihre Schultern schmerzten von der ungewohnten Last der unzähligen Eimer. Und sie war müde; sie wünschte sich nur noch, auf der Stelle in ihr Bett kriechen zu können.
Es war Nacht, als die Männer schließlich ihre Eimer absetzten. Der Mond beschien einen rauchenden Trümmerhaufen, aus dem das Skelett einzelner Balken in den Himmel ragte.
„Ob sie etwas von den Waren retten konnten?“
Cesare drehte sich zu Mirella um. „Kaum. Was nicht verbrannt ist, wird das Wasser ruiniert haben.“
Kurz darauf kam Varese mit seinen Männern zurück. Er musterte erst Cesare, dann Mirella und zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. Aber er sagte nichts, als er einstieg.
„Hat Er Dario gesehen? Und Vater?“
Er nickte. „Sie räumen auf, um Brandnester zu finden.“
Mirella schluckte; dann wagte sie die Frage, die ihr auf dem Herzen brannte. „Was ist übrig geblieben?“
Varese strich mit dem Zeigefinger ihre Wange entlang. „Wo kommt die Rußspur her?“
„Er hat meine Frage nicht beantwortet.“
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