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7.5.17

#SampleSunday: Die Piratin


 Seefahrer, Elfen und Drachen ... und Pferde

Erster Roman der Reihe "Drachenwelt"

 Nanja, die Piratin von den Schwimmenden Inseln, stiehlt ein Dutzend Pferde vom nächstgelegenen Kontinent.  Ein Adliger der Dracheninsel will sie gegen die einheimischen Drachen antreten lassen und mit dem Spektakel seine Macht festigen.
Doch erst eine Flaute, dann ein Erdbeben und schließlich ein Angriff von Dämonen drohen Nanjas Geschäft mit dem Adligen zu ruinieren. Es scheint, als sollten die Pferde die Dracheninsel nicht erreichen.
Dann wird Nanjas Auftraggeber selbst  zu ihrem Feind, denn er braucht den einen ihrer Seemänner,, der mit den Pferden umgehen kann. Er bringt Ron in seine Gewalt und nimmt Nanja als Geisel, damit er das Rennen für ihn gewinnt. 
Aber als Ron dann wieder frei ist, ist er keineswegs in Sicherheit ...
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Kapitel 1

Lautes Schnurren in ihrem Nacken weckte Nanja. Schon wieder hatte sich eine der Katzen in die Kajüte geschmuggelt. Ohne die Augen zu öffnen, griff sie hinter sich und schob das Tier aus der Koje.
Eindeutig der rot gefleckte Kater: Es war seine empörte Stimme, die für einen Moment alle anderen Schiffsgeräusche übertönte. Kurz darauf fiel etwas klirrend zu Boden. Nanja rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und schwang die Beine aus der Koje. Der Kater saß auf dem Kartentisch. Wieder einmal. Er maunzte vorwurfsvoll.
Nanja warf ihm einen ebenso vorwurfsvollen Blick zu und hob den Solstein auf, den er heruntergeworfen hatte. Dann öffnete sie das breite Kajütenfenster und beugte sich hinaus. Wie eine Katze flehmte sie nach einer Brise; die aufgehende Sonne ließ sie blinzeln. Die See war noch immer glatt, aber das Plätschern gegen den Schiffsrumpf schien ein wenig lauter als in den letzten Tagen. Vielleicht der erste zaghafte Vorbote von Wind. 
Sie schnürte das lange Hemd zu, in dem sie geschlafen hatte, und entwand dem Kater ein paar Seidenbänder, so grün wie ihre Augen. Das Glas des geöffneten Fensters vor sich als Spiegel, flocht sie die Bänder in die hüftlangen braunen Haare. Dann zog sie einen bunten Leinenrock über den Kopf, schlüpfte in Stiefel und steckte ihren eisernen Dolch in den Gürtel. Den Kater klemmte sie unter den Arm, bevor sie die Kajüte verließ. „Geh, mach deine Arbeit und kümmere dich um die Ratten.“ 
So früh am Morgen waren viele Seeleute noch unter Deck. Solange die Flaute anhielt, konnten sie den Tag gemächlich angehen lassen.
Kethan, der junge Bootsmann von den Schwimmenden Inseln, stand neben dem Achterdeck am Schanzkleid, den grimmigen Blick auf das bewegungslose Toppsegel am Großmast gerichtet. Er sah zu ihr, als sie die Tür hinter sich schloss. „Was will Margoro eigentlich mit diesen Tieren?“
Beim Großmast, vor dem Achterdeck der Brigantine, war ihre kostbare Fracht untergebracht: Pferde, die sagenhaften Renntiere vom Festland. Eine Herde von dreizehn Tieren hatten sie von den Weiden der Sabienne in Thannes Lane an Bord der „Agena“ gebracht: ein  männliches Tier – Stallone nannten es die Sabienne – von beeindruckender Schönheit und zehn Weibchen. Zwei von ihnen hatten Junge, die nun ebenfalls an Bord waren, denn Nanja hatte es nicht übers Herz gebracht, die zutraulichen Tiere sich selbst zu überlassen.
Nanja setzte den Kater ab; er huschte Richtung Kombüse davon. „Seit wann denkt ein Adliger darüber nach, wozu er etwas braucht? Hauptsache, er hat es.“
„Kann uns auch egal sein, solange er uns bezahlt.“ Khetan salutierte mit einem Grinsen und ging zur Ladeluke neben dem Niedergang.
Ron, einer der wenigen Festländer, die mit ihnen segelten, stand im Unterstand zwischen den Tieren. Im letzten Hafen, den sie in Thannes Lane angelaufen hatte, war er an Bord gekommen und hatte wie selbstverständlich die Betreuung der Pferde übernommen. Keiner verstand es wie er, sie ruhig zu halten.
Er  hatte einen der kleineren Wasserbottiche zwischen seinen Füßen stehen und schien sorgsam darauf bedacht, dass alle Pferde gleichermaßen ein paar Schluck Wasser bekamen.
Farwo, ein anderer der Bootsmänner, lehnte am Großmast und verfolgte Rons Tun mit unübersehbarem Missfallen. Zählte er die Tropfen oder was? Wenn die Pferde krank wurden, würde Margoro mit gutem Recht den vereinbarten Preis drücken. Oder sich überhaupt weigern, sie anständig zu bezahlen.
Als Farwo gleich darauf an den Pferden vorbeiging, keilte der Stallone aus und schlug wiehernd mit den Hinterhufen gegen die hölzernen Streben, die den Unterstand begrenzten. Unwillkürlich wich er zurück. Aber das Pferd war noch nicht fertig. Mit einem zornigen Wiehern wandte es sich gegen Farwo und stieg, die Hufe drohend über dem Geländer.
 Ron sprang hinzu, griff dem Stallone in die Mähne und versuchte ihn zu beruhigen. Das Pferd schüttelte wild den Kopf, als ob es Ron loswerden wollte. Aber dann ließ es sich wieder auf seine Vorderbeine fallen; dabei trat es mit einem Huf in den Bottich.
Das Wasser ergoss sich über das Stroh im Unterstand und sofort drängten und schubsten  die Pferde, um etwas von der versickernden Flüssigkeit aufzulecken. 
Aufs Höchste erbost griff Farwo nach einem Enterhaken und schlug Ron quer über die Brust. „Ich ziehe dir das verschwendete Wasser von deiner Ration ab.“ 
Ron krümmte sich vor Schmerz und fiel ächzend auf die Knie.
So behandelte man auf ihrem Schiff niemanden! Nanja kniff zornig die Augen zusammen. Sobald sie ihn allein vor sich hatte, würde sie ihn zur Rede stellen.
„Das nächste Mal passt du besser auf.“ Farwo ließ den Enterhaken fallen und winkte zwei Matrosen herbei, damit sie ihm wieder auf die Beine halfen.
Immer noch kopfschüttelnd stieg Nanja den Steuerbordaufgang zum Achterdeck hoch.  Am liebsten hätte sie Farwo öffentlich zur Rede gestellt, aber das war nicht klug.
Sitaki stand oben am Ruder – breitschultrig, breitbeinig –, wie er schon dort gestanden hatte, als ihr Vater sie als Siebenjährige zum ersten Mal aufs Schiff mitgenommen hatte.
Mit der Pfeife im Mundwinkel quetschte er seinen Kommentar hervor.  „Warum lässt er Ron nicht machen? Man sollte denken, dass die Festländer zusammenhalten, aber Farwo scheint ihn als Rivalen zu sehen.“
Sie knurrte. „Landmenschen!“
„Dieser Ron dürfte inzwischen begriffen haben, worauf es ankommt. Aber  Farwo macht ihm das Einleben schwer. “
Ron zog sich gerade das Hemd über den Kopf. Der Enterhaken hatte einen blutunterlaufenen Abdruck unterhalb seines Brustkorbs hinterlassen. Wohl proportionierte Schultern, aber nicht übermäßig breit – er sah nicht so aus, als ob er schwere Arbeit gewohnt wäre. Ein Landmensch eben. „Er taugt immer noch bloß dazu, die Pferde zu hüten.“
„Was kein anderer sonst kann. Du solltest ihm beistehen, wenn Farwo ihn schikaniert.“ Sitaki blinzelte zum Toppsegel hoch, das immer noch bewegungslos am Großmast hing. „Es wird genauso heiß und windstill wie gestern.“
„Das Wasser wird knapp.” Zu dieser Jahreszeit dauerte die Überquerung des Ozeans normalerweise knapp zwei Wochen und sie hatten großzügig Vorräte für drei mitgenommen. Aber es war immer noch zu wenig. 
Nanja klopfte Sitaki auf die Schulter. „Puste ein bisschen mehr, mein Alter. Ich gehe frühstücken.“
Inzwischen sah Farwo seine Aufgabe als Bootsmann wieder einmal darin, Peire und Samnang, die Schiffsjungen, zu schikanieren. Die beiden saßen neben einem der Landungsboote und spleißten Taue. Farwo rupfte eines wieder auseinander. „Was soll der Mist? Ist euch nicht klar, dass ein Leben davon abhängt?“
Er hatte ja recht; aber so würden sie nie lernen wollen, wie man es richtig machte.
Nanja  trat zu den Pferden ans Gatter. „Guten Morgen, ihr Schönen!“ Sie sprach laut. Pferde schienen im Gegensatz zu den Drachen der Inseln keine Gedanken sehen zu können. So, wie sie es auf einem Markt der Sabienne beobachtet hatte, streckte sie die Hand flach über das Geländer.
Der Stallone warf den Kopf hoch und schnaubte. Dann kam er neugierig heran und schnupperte an ihren Fingern. Sein Maul war viel weicher als das ihres Flugdrachen Tiruman. Sie lachte amüsiert, als er gleich darauf das Maul in der Tasche ihres weit geschnittenen Rocks vergrub: Verfressen – darin glichen sich alle Tiere.
Eines der weiblichen Tiere – eine der Cavalla – reckte den Kopf über das Geländer. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihren Rücken und obwohl das Fell dunkelbraun war, hatte es in diesem frühen Morgenlicht einen Schimmer ähnlich dem der silbernen Schuppen Tirumans.
„Gibt man euch eigentlich auch Namen? Und hört ihr darauf wie unsere Drachen?“ Behutsam strich Nanja über den Hals der Cavalla. Das Pferd legte den Kopf auf ihre Schulter und sie kraulte es hinter den Ohren, wie sie es mit Tiruman tat. Aber die Cavalla schnurrte nicht.
Ron stand neben der Luke zum Laderaum und ließ sich einen Ballen Heu hochreichen. Unvermittelt schleuderte er den Heuballen in Richtung Unterstand und Nanja wurde in eine Staubwolke gehüllt; sie hustete und runzelte die Stirn. Er war wirklich nicht achtsam genug mit dem, was er tat.
„Verzeiht, Kapitänin.“
Immerhin.
Er brachte den Pferden das Futter und sprach leise mit einer der Cavalla, die ihren zierlichen Kopf auf seinen Arm legte.
Nanja lächelte. Das weiße Pferd und der schwarzhaarige Mann ergaben ein Bild wie aus einer Zeichnung ihrer Mutter. „Anmutige Tiere. Fast so schön wie Tiruman.”
Ron sah auf, sichtlich überrascht, dass sie ihn ansprach. „Wer ist das?”
„Der Drache, den ich aufgezogen habe. Ein Flugdrache.” Sie war einen Monat lang nicht zur See gefahren, um das Drachenei zu hüten.
„Auf dem Festland gibt es keine Drachen.” Also hatte er noch nie einen gesehen. Was würde er wohl von ihnen halten? Sie waren monströs im Vergleich zu seinen Pferden.
„Sie haben einen Panzer statt des Fells. Aber die silberfarbenen Schuppen der Flugdrachen schimmern in der Sonne genauso wie das Fell der schwarzen Pferde.” Ihr Blick verlor sich in der Ferne. Selten hatte sie etwas so tief berührt wie der Anblick des verknautschten Wesens, das sich  mühsam durch die harte Schale pickte. Die Elfen hatten sie davon abgehalten, ihm zu helfen; es war seine Aufgabe, nicht ihre. „Selbst für uns Hochseebewohner ist es eine unerhörte Ausnahme, mit einem Flugdrachen zu leben. Ich bin stolz darauf und liebe meinen Drachen mehr als alles sonst auf der Welt.“
In den aufmerksamen Blick, mit dem Ron ihr zuhörte, stahl sich ein amüsiertes Funkeln. Müsste er ihre Liebe für Tiruman nicht verstehen, wo er diese Pferde doch so hätschelte?

Lert, der Schiffskoch, hatte ihr einen einzelnen verschrumpelten Apfel auf den Tisch gelegt − nicht nur das Wasser wurde knapp. Sie schnitt den Apfel in dünne Scheiben, um den bröckeligen Zwieback mit dem halb vertrockneten Obst genießbarer zu machen. Das Wasser roch nach moderndem Holz und schmeckte brackig. Angewidert stellte sie den Holzbecher nach einem Schluck beiseite.
„Dreimaster an Backbord“, kam ein Ruf vom Krähennest.
Sie steckte den letzten Bissen Apfel-Zwieback in den Mund und ging an Deck. 
Bald darauf war das Schiff am südlichen Horizont für alle sichtbar: Eine Fleute, wie sie die Salzhändler aus Sondharrim im Süden der Dracheninsel gern benutzten. Dank des niedrigen Tiefgangs konnten sie mit ihnen weit in die Salzmarschen von Dhaomond hineinfahren.
Der Dreimaster driftete langsam auf sie zu. Zwei der Rahsegel am Großmast hingen in Fetzen und der Fockmast schien auf halber Höhe gekappt worden zu sein. Entweder war das Schiff in schweres Wetter geraten oder in ein Gefecht.
„Setz die Flagge von Kruschar“, befahl Nanja. Farwo zog die Brauen hoch, aber er gab den Befehl kommentarlos weiter: In gewisser Weise segelten sie derzeit im Auftrag von Kruschar. 
Nanja stieg zu Sitaki aufs Achterdeck. „Hoffentlich können wir ihnen noch helfen.“
„Wir kämen allemal zu spät.“ Farwo war ihr gefolgt; er dachte offensichtlich, er hätte etwas zu sagen zu dem, was sie taten.
Sitaki musterte ihn mit offenkundigem Missfallen. „Manchmal wäre es gut, wenn wir Riemen hätten!“
„Rudern? Hast du schon einmal einen freien Mann rudern sehen?“ Farwo verzog angewidert den Mund.
„Menschen nicht, aber Elfen.“ Sitaki grinste. „Du kannst viel von ihnen lernen.“
„Wir werden auch so zu diesem Schiff gelangen.“ Auch als Kaperfahrerin hielt Nanja sich an das Gesetz der See, jedem in Not geratenen Schiff zu helfen. Sie befahl den Bootsmann zurück aufs Deck. „Lass alle Segel setzen! Fangt mir jeden Windhauch ein!“
„Unser Ziel liegt im Osten.“ Farwo rührte sich nicht. „Denen dort nützt es nichts und wir sind bald selber in Not.“
„Eine lohnende Prise ist es allemal.“ Sitaki richtete den Kurs nach Süden aus. „Ich lasse keine Beute in Sichtweite an mir vorbeitreiben.“
Farwo blickte von einem zum anderen, dann stieg er mit einem empörten Schnauben hinunter. 
Sitaki schob seine Pfeife vom rechten Mundwinkel in den linken. „Was für ein Besserwisser.“
 „Ich hätte ihn nicht anheuern sollen.“ Aber nach der Schlacht gegen die Schiffe von Allcress waren so viele verletzt gewesen, dass sie zusätzliche Seeleute vom Festland brauchten, um die Agena zu segeln.

Wer nichts zu tun hatte, stand neugierig am Schanzkleid; gespannt, was sie auf der Fleute finden würden: Sie hofften alle auf eine gute Prise. Selbst Ron interessierte sich einmal für etwas Anderes als seine Pferde.
Bis zum späten Nachmittag gelang es Sitaki, so nahe an die havarierte Fleute heranzukommen, dass sie hinüberrudern konnten. An Deck des fremden Schiffs rührte sich nichts. Bis auf eine kleine Gestalt am Ruder wirkte es aufgegeben.
„Ein Kind“, rief Ron verblüfft. „Ein Wunder, dass es noch lebt.“ Hier muss auch der Aspekt „besonderer Draht“ auftauchen - Verwundderung von Nanja über sein Interesse - sspzeill an dem Kind .. Er kännte von scih aus drum bitten, mit hinüber zu rudern..
Nanja blinzelte gegen die Sonne. Tatsächlich ein Kind. „Ein kleines Mädchen!“ Es reichte nicht einmal bis zur Oberkante des Ruders.
Sie befahl, zwei Boote ins Wasser zu lassen und fuhr selber mit Farwo, Ron und einem weiteren Dutzend Männern hinüber. Mit Kindern kannten die sich nicht aus.
An Deck der Fleute stiegen sie über wirr herumliegendes Tauwerk und mussten erst ein zerfetztes Segel beiseite räumen, ehe sie die Decksluke öffnen konnten. Fauliger Gestank schlug ihnen entgegen. Während die Männer hinunterstiegen, ging Nanja zu dem Mädchen aufs Achterdeck.
Das Ruder war festgezurrt und ließ sich nur wenige Finger breit bewegen. Die Kleine hielt sich mehr daran fest als zu steuern. Sie strich sich die dunklen Haare aus dem salzverkrusteten Gesicht und begrüßte Nanja mit einem müden Lächeln.
„Gut, dass ihr endlich kommt!“, murmelte sie. „Ich warte schon so lange auf euch.“
Nanja ging in die Hocke und legte den Arm um sie. „Wie heißt du? Was ist hier passiert?“
„Ich bin Lastella.“ Ein Elfenname. Lastella begrüßte sie so unaufgeregt, weil sie zuvor in ihre Gedanken geschaut hatte.
„Was ist passiert?“, wiederholte Nanja. „Warum bist du allein hier oben?“
In den Augen der Elfin glitzerten Tränen; sie versuchte, sie wegzublinzeln. „Sie sind alle unter Deck.“ Sie sprach leiser und leiser. „Vater ist gestorben und alle anderen auch.“ Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und blickte aus den Augenwinkeln hastig um sich. „Dämonen haben sie in Besitz genommen.“ Dämonen – trotz der Elfen an Bord; das war beunruhigend.
Nanja schauderte bei der Vorstellung, was sich unter Deck abgespielt haben musste. „Haben sie sich gegenseitig umgebracht?“
„Seitdem warte ich darauf, dass ein anderes Schiff kommt. Wir sind so weit weg von zu Hause. Niemand weiß etwas.“
„Du denkst, niemand hat deine Gedanken wahrgenommen?“
Lastella nickte. „Es ist zu weit. Erst als dein Schiff näher kam, habe ich den Schatten einer Antwort gesehen.“
„Wir bringen dich nach Hause“, versprach Nanja.
„Wer bist du?“
Nanja lächelte. „Ich bin die Piratin.“
„Dann kennen sich unsere Väter.“
„Aber jetzt sind sie beide tot.“
„Deiner auch?“ Lastella  drückte Nanjas Arm. „Das tut mir leid.“
„Warum seid ihr überhaupt mit einem fremden Handelsschiff auf Reisen gegangen?“
Lastella machte ein ratloses Gesicht. Natürlich, sie konnte kaum eine Antwort darauf haben: In Gegenwart ihres Vaters hatte sie sich wohlerzogen aus den Gedanken der anderen herausgehalten.
Farwo kam zu Nanja aufs Achterdeck. „Dort unten liegen zehn tote Männer. Die meisten haben schwere Verletzungen, die nicht versorgt worden sind. Nur zwei Leichen scheinen äußerlich unversehrt.“ Er starrte Lastella nachdenklich an. „Danke Aharon, dass du noch lebst.“
Lastella presste die Mundwinkel verächtlich herab. Eher schrieb sie Aharon zu, dass ihr Vater tot war.
„Der Rest der Besatzung ist wohl über Bord gegangen.“ Das war gewiss, denn mit nur zehn Männern konnte man selbst eine Fleute nicht segeln.
„Lastella spricht von Dämonen.“ Nanja lief erneut ein Schauer über den Rücken. „Und die Ladung?“
Farwo breitete grinsend die Arme aus. „Äxte, Schwerter, Lanzen. Metall, so viel du willst.“
Einer nach dem anderen stiegen die Seefahrer wieder an Deck und brachten die Leichen hoch. Lastella umklammerte Nanjas Arm mit beiden Händen, während sie sie betrachtete. Eine der unversehrten Leichen war ihr Vater. Der Elfenfürst hatte die Augen weit aufgerissen, als habe er im letzten Moment seines Lebens etwas Furchtbares gesehen. Von Lastella kam ein Laut wie ein unterdrückter Schluchzer.
Nanja bückte sich und schloss ihm die Lider. Während die anderen Toten über Bord geworfen wurden, ließ sie den Elf in ein Segeltuch einschlagen und wieder unter Deck bringen.
Dann stieg sie hinunter, um sich die Waffen anzusehen. „Ladet das Zeug um. Ich weiß, wen wir damit glücklich machen können.“ Die Rebellen von Dhaomond zahlten gut.
Sie warteten, dass die „Agena“ nahe genug heran war, dann nahmen sie die Fleute in Schlepp. Drei Männer blieben zurück, um sie zu manövrieren.
Als Nanja mit den anderen wieder in die Boote stieg, bestand Lastella darauf, dass Ron ihr vom Schiff herunterhalf und im Boot drückte sie sich an ihn. Es schien ihm nichts auszumachen. Was für ein seltsamer Mann, der mit Kindern genauso gut umgehen konnte wie mit Pferden.
„Bevor wir wieder auf Kurs nach Kruschar gehen, bringen wir Lastella nach Hause auf die Schwimmenden Inseln.“ Wenn sie nur aus der Flaute herauskamen – Wasser war ein größeres Problem als die Zeit, die bis zum Herbstfest blieb.
Ron strich dem Mädchen übers Haar. „Du bist eine Elfin?“ Ehrfürchtiges Staunen lag in seiner Stimme.
„Weißt du das denn nicht?“  Für einen Moment wirkte Lastella fassungslos. Dabei erkannten selbst Hochseebewohner Elfen nicht immer. „Ich bin Loperos Tochter und wenn ich groß bin, bin ich eine Prinzessin.“
Nanja lachte amüsiert. „Eine Prinzessin bist du schon jetzt.“
Lastella sah an ihren schmutzigen Kleidern herab und rümpfte die Nase.


Überarbeitete Ausgabe des Romans, der 2013 vom Carlsen Verlag unter "impress" herausgegeben worden war. Diese neue Ausgabe entspricht meinen ursprünglichen Intentionen als "klassischer" Fantasy-Roman.

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12.3.17

#SampleSunday - La nieta

Madeline Lagrange, la nieta del presidente del "club de baile Lietzensee", ve el baile de salón únicamente como técnica cultural, que aprende sin gran ambición. Luego se encuentra con los bailarines de square dance de la asociación. Y se enamora completamente; no sólo del baile, sino también del caller del grupo, el americano Chris Rinehart.
Chris queda fascinado por Madeline desde el primer momento. Pero él es el entrenador del grupo, y ella es menor de edad. Así empieza una batalla contra su creciente cariño hacia ella y le niega sus sentimientos.
Mientras Madeline, con la falta de compromiso de los diecisiete años, intenta seducir a Chris, su abuelo hace todo lo posible para hacer que lo expulsen del club y separar a los dos.

  Traducción:  Raquel Madrid López

 
1


—Delante, delante, lado, centro... —La clara voz de Ines Grube ahogaba la música. Nueve parejas se esforzaban por seguir las instrucciones de la profesora.
Madeline Lagrange estiró el brazo contra el busto de su pareja de baile, para conseguir alejarse un poco más. —¡Robert, me aplastas!
Robert Merck apretó los labios, pero aflojó su agarre. —¿Mejor así? —Su voz sonó con burla. —No sabía que fueras tan frágil.
Ella puso los ojos en blanco. Por eso perdió el compás inmediatamente y Robert volvió a agarrarla fuertemente.
Al pasar bailando por delante de la puerta abierta, lanzó una mirada al gran reloj que colgaba sobre el bar. Parecía que se hubiera quedado parado. ¿No tenía que terminar ya la hora?
Abuelo estaba sentado en la barra y parecía mirarla; sus pies marcaban el ritmo. Después de casi veinte años no había perdido práctica. Tal vez debería practicar con él en vez de con este tipo tan nervioso.
Ines apagó la música e indicó un descanso.
—¡Por Dios! —Madeline se secó el sudor de la frente con el dorso de la mano y se miró los pies. —Mis medias nuevas deben estar hechas una ruina.
—Normal, si siempre pones tus pies bajo los míos.
—¡Así que es eso! —¿Acaso lo encontraba gracioso? Dejó a Robert y se acercó al bar.
—¡Mi Madeline! —George Lagrange le ofreció un vaso de agua mineral mientras la miraba con ojos brillantes. —Eres mucho mejor que tu pareja, ¿quién es, por cierto?
Marga Fischer, que se ocupaba tanto de la oficina como del bar, alcanzó el vaso vacío de George mientras sujetaba una botella de vino tinto en la otra mano para rellenarlo. —Tu nieta lleva el ritmo en la sangre. ¿De quién lo habrá heredado? —Con un guiño se lo rellenó.
—De mi hijo seguro que no. Ha vuelto a hacer saltar por los aires medio laboratorio.
Marga clavó su mirada, asustada. —¡No! —Rio nerviosa. —¡Me tomas el pelo!
—Para nada. Apareció ayer en el periódico. —En su frente apareció una arruga de enfado. —Claro que no me ha explicado qué sucedió. —Cogió el vaso de Marga y se lo devolvió a Madeline. —Así que, ¿con quién bailas?
Ella se encogió de hombros. —Robert Merck. Su padre es compañero de Klaus Wächter, por cierto.
—O sea, familia de policías. —La arruga en el entrecejo de George desapareció. Cuando Robert se acercó a la barra al poco rato, le dirigió una amable mirada.
Robert le pidió una cerveza a Marga. —Me la he ganado.
—¿Qué pasa con el coche? —preguntó Madeline mordaz—. Querías llevarme a casa.
Se sonrojó hasta las orejas mientras Madeline ocultaba su diversión tras el vaso en alto.
George se rascó la barbilla de modo pensativo. —¿Bailará de nuevo con nosotros tras el curso de prueba?
Robert dirigió su mirada a Madeline. —El club de baile Lietzensee tiene muy buena fama, me gusta. Claro, si encontrara una pareja para el círculo.
—Por supuesto. —George asintió contento. —Hasta entonces. —Alzó su copa hacia Robert. —Le he estado observando.
—¿Y qué opina? —Robert se puso tenso. —¿Podré aspirar algún día a la perfección?
—Bah... —Madeline bufó. —¿Qué era eso? ¿Intentando cazar cumplidos, Robert? —No se molestó en disimular su desprecio.
—Hoy no aguantas ni una broma, Madeline, y eso que no te he pisado tantas veces.
George siguió la mirada automática de Madeline hacia sus pies. En el derecho tenía una mancha cerca del tobillo. —Bailar en sandalias no es una idea brillante, deberías comprarte unos zapatos de baile apropiados.
—¿Para qué? En cuanto salga a la calle una vez con ellos estarán para tirar.
—¿A qué se dedica, Robert?
—A nada en especial. —Se encogió de hombros. —Trabajo en la sede del ayuntamiento en Reinickendorf. Pero no es para el resto de mi vida. —Hubo un destello en sus ojos. —Hacer carrera como bailarín de competición... eso es lo que realmente quiero.
—En mi época tuve bastante éxito. Cuatro veces entre los tres primeros del campeonato alemán, y dos veces en el campeonato mundial. —Aunque abuelo nunca había ganado, eso se lo ocultó a los jóvenes. —Mi padre ya estuvo en los comienzos de los bailes en formación antes de la Segunda Guerra Mundial. Ahora Madeline continúa la tradición familiar.
¿Qué se creía? —¡Abuelo! —Madeline agitó la cabeza. —Para conseguir una plaza como estudiante de medicina ya sé a qué tengo que dedicar mi tiempo hasta el Abitur.
—¡Eres tan lista, Madeline! No puedo creerme de veras que necesites tanto tiempo para estudiar. —Robert la agarró de la mano. —Esto sigue.
—Aún quiero terminarme el agua. —Se soltó y lo colocó mirando al salón. —Ve yendo.
Robert paseó la mirada vacilante entre Madeline y la sala de baile. La música comenzó a sonar, Ines continuaría pronto. Se puso en marcha, aún dudoso.
—Uf... —Madeline suspiró cuando él estuvo fuera del alcance del oído. —Me-tie-ne-fri-ta.
—¿Cómo así? ¡Es bien simpático! Y ambicioso.
—Pues no es mi tipo.
George sonrió divertido. —¿Y quién es tu tipo?
Madeline miró al techo como ensoñada. —Alto, esbelto, moreno. Adulto.
—Parece que tuvieras a alguien concreto en mente. ¿Estás enamorada de uno de tus profesores?
Madeline rio; no era asunto de abuelo. —Allá voy otra vez.
Pero apenas dio dos pasos. Contuvo la respiración mientras observaba al hombre que se acercaba. Esbelto, hombros anchos; vaqueros y camiseta tan ajustada que se distinguían todos los movimientos de sus músculos. Pelo negro, aunque un poco demasiado corto para su gusto.        —¡Guau! —Espiró lentamente. ¿Acaso lo habría conjurado?
Mirándolo por el rabillo del ojo, se giró a Marga. —¿Quién es?
—Chris Rinehart, nuestro caller.
—¡Oh! —¿Qué significaba aquello?
—¡Madeline! —Robert estaba haciéndole señas, así que, con un suspiro, se puso en camino. 



***

La mirada de Chris se clavó en Madeline, mientras ella andaba a trompicones con evidente disgusto hacia el salón de baile. Su hermoso rostro se había quedado congelado en una sombría mueca. ¿Qué hacía esa chica aquí, si no tenía ganas de bailar?
—Buenas tardes, Chris. —Marga lo sacó de sus pensamientos. —He apalabrado una sustitución. Las instalaciones no se pueden seguir reparando.
George arqueó las cejas. —¿Sustitución, Marga? No contábamos con ello en nuestro presupuesto.
—Tampoco con la reparación. Pero es lo que hay. Ya lo he hablado con Werner.
El rostro de George se relajó un poco. —Siempre estás en todo.
Marga inclinó rápidamente la cabeza sobre el fregadero y empezó a meter los vasos vacíos. George deambuló hasta el salón de baile. Chris se unió a él y se apoyó en el marco de la puerta.
La mayoría de las parejas irradiaban una imagen de compasión. Pero lo que Madeline y su pareja representaban se asemejaba más a una lucha que a un vals inglés. ¿Por qué no le dejaba dirigir a él, como debía ser? Claramente no le correspondía a ella.
Sus miradas se cruzaron; Chris no pudo contener la risa. Ella se sonrojó y apartó rápidamente la mirada. Chris no quería apartar su mirada. Aquel mechón rojizo entre su salvaje melena rubia oscura le daba un aire de osadía que encontraba muy atractivo. Encajaba muy bien con el forcejeo con su pareja. 

(...)

La nieta. Quick, quick, slow - club de baile Lietzensee 
La novela pertenece a una serie sobre el ambiente de baile berlinés, que escribo junto a otras autoras. Hasta ahora he escrito tres de las novelas.

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13.5.15

#SampleSunday:"Flirt mit einem Star"

Ein Tanzroman aus der Reihe  "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee"



Tanja Walters‘ heimliche Liebe ist ihr Square Dance-Partner Micky Hasloff. Doch als die Tänzer für einen Western engagiert werden, flirtet sie mit dem Star des Films, Manolo Rioja. Aus Eifersucht sabotiert Micky den Dreh. Ein Treffen mit Rioja und dessen Ehefrau überzeugt ihn, dass nicht der Star ihm im Weg steht, sondern seine eigene Furcht. Wagt Micky nun, Tanja seine Liebe zu offenbaren?.

1

Tanja Walters schreckte mit ihrer abgefahrenen Fahrradklingel zwei Elstern auf, die sich auf dem Radweg um einen glitzernden Fetzen Stanniolpapier zankten. Das Papier blieb liegen, als die beiden in die Kastanie vor dem Festplatz am Zehlendorfer Hüttenweg flüchteten.
Tanja stieg ab und schloss das Fahrrad an einer Straßenlaterne an. Dann bückte sie sich nach dem Stanniol und warf es in den nächsten Abfallkorb. Das hatten sie nun davon!
An jedem Karussell spielte eine andere Musik; die Betreiber versuchten anscheinend, einander zu übertönen. Dachten sie, wer am lautesten war, lockte die meisten Leute an? Der verführerische Duft nach Gegrilltem kam ihr entgegen. In einer Gasse, in der Barbecue-Buden mit Mais, Grillrippchen, Steaks und amerikanischem Bier standen, drängten sich die Festbesucher. Sie kam zwar gerade vom Mittagessen, aber sie hätte sich trotzdem wenigstens ein Rippchen gekauft, wenn die Schlangen vor den Essensständen nicht so lang gewesen wären.
Für sie als Square Dancerin war das Deutsch-Amerikanische Volksfest geradezu ein Muss. Und sie liebte es. Das echte Amerika konnte sie sich frühestens leisten, wenn sie mit dem Architektur-Studium fertig war.
Am Riesenrad traf sie den ersten aus dem Tanzclub Lietzensee: Norbert Kaminski stieg mit seinem zwölfjährigen Sohn Oliver aus einer Gondel.
„Tanja, Tanja!“ Oliver hüpfte auf sie zu. „Fährst du Geisterbahn mit mir?“
„Wieso ich?“ Sie grinste Norbert an. „Fürchtet sich dein Vater?“
Oliver zog die Mundwinkel nach unten. „Nein. Deswegen macht es mit Papa keinen Spaß. Er tut nur so.“
„Dann musst du noch mal wiederkommen, wenn deine Mutter dabei ist. Ich grusele mich auch nicht.“
„Das geht nicht.“ Plötzlich sah Oliver aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
Norbert zog warnend die Augenbrauen hoch. Da war sie wohl in ein Fettnäpfchen getreten. Und sie hatte gedacht, Norberts Scheidung wäre einvernehmlich gewesen.
Sie legte ihren Arm um Olivers Schultern. „Dann verdonnern wir Chris dazu. Komm, wir gehen ihn suchen.“
Mit den anderen aus ihrer Square Dance-Gruppe waren sie in der „Main Street“ verabredet. Hier hatten sich die Budenbesitzer auf Country Music geeinigt. Sehr vernünftig! Ein wenig leiser war es auch. Tanja sang mit, was sie kannte, während sie nach den Tänzern Ausschau hielten.
Chris Rinehart, der amerikanische Caller der Gruppe, stand neben Tanjas Partner Micky Hassloff an einer Schießbude. Chris war in Zivil gekleidet, während Micky vom Stetson bis zu den hochhackigen Stiefeln wie ein Cowboy aussah. Ein äußerst echt aussehender Cowboy: muskulös und braungebrannt, als würde er tatsächlich das ganze Jahr über Rinderherden hüten. Selbst die sandblonden Haare wirkten wie von zu viel Sonne gebleicht. Dabei saß er Tag und Nacht in der TU vor den dämlichen Computern.
Chris erklärte ihm die Bedienung eines Luftgewehrs und der Schießbudenmann verfolgte das Tun der beiden mit offensichtlichem Unwillen. Aber dann wurde er von einem älteren Mann mit Sombrero und befranstem Trapperhemd abgelenkt und wandte sich von ihnen ab.
Sie ging näher und wies dann auf den Inhaber. „Der hat wohl Angst, dass Micky ihm die Bude abräumt.“
Micky drehte sich um. Das Blau seiner Augen wurde intensiver, als er sie ansah. Dunkel wie ein See, in dem sie versinken könnte. Was für ein alberner Gedanke! Ertrinken würde sie; sie konnte überhaupt nicht schwimmen.
Sie stützte sich mit einem Ellenbogen neben ihm auf den Tresen und hoffte, dass sie cool wirkte.
„Tanja, was soll ich dir schießen?“
„Mir? Tja ... Kein Stofftier jedenfalls. Ich habe schon hundert Stück. Mindestens.“ Sie blickte vom Laufband mit den vorbeirollenden Zahlen zu den ausgestellten Gewinnen hoch und wieder zurück zum Laufband. „Kannst du überhaupt vorher wissen, was du erwischst?“
Chris lachte. „Irgendwas wird er schon treffen.“
„Irgendwas ...“ Es war alles Schnickschnack, was da aufgereiht war. „Können die einen nicht was Nützliches gewinnen lassen?“ Vielleicht sollte sie Micky besser gleich sagen, dass sie an nichts davon interessiert war. Aber er hatte seine Schüsse wohl schon bezahlt. Er sollte auch nicht denken, dass sie nichts von ihm haben mochte.
„Das ist hier das Deutsch-amerikanische Volksfest!“ Micky schwenkte das Luftgewehr. „Hier geht es nicht um Nutzen, sondern um Völkerfrieden. Oder so ähnlich.“
„Völkerfrieden? Micky, du bist aus der Zeit gefallen: Die DDR gibt es nicht mehr.“ Wie immer, wenn ihm keine Entgegnung einfiel, bekam er rote Ohren. Es war so leicht, ihn aufzuziehen.
„Du meinst unsere Lebensart.“ Chris wies mit einer ähnlich großspurigen Geste wie Micky zur Gasse mit den Barbecues.
„Eure Lebensart? Pah!“ Sie grinste frech. „Ihr habt uns einfach unsere Quadrille abgeguckt.“
„Aber du musst zugeben, unser Square Dance ist viel lustiger als eure Quadrille. Deswegen ist die längst aus der Mode gekommen.“ Chris legte Micky eine Hand auf die Schulter. „Je länger du zögerst, desto unsicherer wirst du.“


Mickys Blick ging vom Laufband zu Tanja zurück. „Kann nicht sein! Mehr unsicher geht nicht.“ Insbesondere, wenn sie so dicht neben ihm stand, dass ihr Parfüm ihn benebelte. Als ob nicht ihr Anblick allein reichte, ihm den Atem zu nehmen. Ihre dunkelblonden Haare waren gerade wieder halblang gewachsen und mit jedem Windstoß streichelten sie ihr Gesicht. Dort, auf ihrer Wange, hätte er gerne selber seine Finger. Doch da war wohl nichts zu machen. Seit über drei Jahren tanzten sie nun zusammen, aber Tanja kam nicht einmal dann zu ihm, wenn sie mit ihrem Computer nicht klarkam.
Mit zusammengekniffenem Auge legte er das Gewehr an die Schulter, entschied sich für ein Ziel und schoss. Daneben. Was hatte er sich auch von Chris bequatschen lassen! Er repetierte und schoss ein zweites Mal, ohne erst lange zu zielen. Dieses Mal traf er. Er richtete sich auf und wischte sich die klammen Finger an der Hose ab. „Zufall.“ Wenigstens stand er jetzt nicht wie ein kompletter Idiot da.
Aber er hatte noch zwei Schüsse übrig, um sich zu blamieren. Er legte wieder an; beide Male traf er eine Zahl auf dem Laufband. Erleichtert grinsend legte er das Gewehr auf den Tresen und sah den Inhaber erwartungsvoll an. „Jetzt bin ich mal gespannt.“ Dessen finsterem Gesicht nach zu urteilen waren das ordentliche Gewinne, die er sich gerade erschossen hatte.
Tanja packte ihn am Arm und zog ihn zu sich herum. „Drei von vier Mal getroffen. Micky, du bist ein Naturtalent.“
Darauf wusste er nichts zu sagen. Verlegen wandte er den Blick zum Budenbesitzer zurück.
Und Chris setzte noch eins drauf. „Ich habe es doch gleich gesagt. Du schaffst, was du dir vornimmst.“
Sein Nacken wurde heiß; bestimmt errötete er jetzt. Er hielt den Blick stur auf den Inhaber gerichtet, der Gewinne hin und her räumte. „Der scheint nicht recht zu wissen, was er mir geben soll.“ Und lauter. „Junger Mann, darf ich mir etwas aussuchen oder wie ist das jetzt?“
„Einen Augenblick“, kam die mufflige Antwort. Plötzlich hatte der Mann keinen amerikanischen Akzent mehr, sondern einen Tonfall, der sehr hessisch klang.
„Trotz des Huts und der Klamotten: Das ist kein Amerikaner.“ Tanja feixte unverhohlen. „Amerikaner sind eindeutig großzügiger.“
Lachend klopfte Chris ihr auf die Schulter. „Ich fühle mich geehrt, Ma‘am.“
Der Inhaber der Schießbude bequemte sich schließlich, die Gewinne auszuhändigen. Natürlich war ein überdimensionales Stofftier dabei – eine rosa Ausgabe von Bugs Bunny.
Micky versuchte, es Oliver aufzuhalsen, aber der lehnte empört ab. „Rosa ist für Mädchen!“
Chris nahm ihm den Hasen schließlich ab; damit konnte Madeline ihre Großmutter beglücken. Der zweite Gewinn waren Seifenblasen; Oliver nahm sie gnädig entgegen. Der dritte Preis dagegen hatte einen gewissen Nutzen: ein Dampfbügeleisen. Aber wie konnte er so etwas Tanja schenken?
Sie packte es aus und betrachtete es von allen Seiten. „Für meine Mutter!“
„Meinst du, sie bügelt zum Dank meine Hemden?“
„Meine Mutter bügelt nie!“ Hochmütig reckte sie das Kinn.
Er starrte sie an. Dachte sie etwa, er hätte seine Frage ernst gemeint?
Lachfältchen kringelten sich um ihre Augen, als sie das Bügeleisen schwenkte. „Vielleicht fängt sie jetzt damit an.“ Sie zog ihn auf! Und er war wieder einmal auf sie reingefallen. Wie machte sie das bloß immer?
(...)
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25.6.13

#SampleSunday - Die Enkelin ... Erstes Kapitel





1
„Vor – vor – seit – ran ...“ Die helle Stimme von Ines Grube übertönte die Musik. Neun Paare mühten sich, den Anweisungen der Trainerin zu folgen.
Madeline Lagrange stemmte ihren Arm gegen die Brust ihres Tanzpartners, um mehr Abstand zu schaffen. „Robert, du zerquetscht mich gleich!“
Robert Merck schürzte die Lippen, aber er lockerte seinen Griff. „Recht so?“ Spott klang in seiner Stimme. „Ich wusste nicht, dass du so zerbrechlich bist.“
Sie verdrehte die Augen. Dabei kam sie prompt aus dem Takt; Robert griff wieder fester zu.
Als sie an der geöffneten Tür vorbeitanzten, warf sie einen Blick auf die große Uhr über der Bar. Sah aus, als wäre sie zwischendurch stehen geblieben. Müsste die Stunde nicht gleich zu Ende sein?
Großpapa saß am Tresen und schien sie zu beobachten; seine Füße bewegten sich im Takt. Auch nach fast zwanzig Jahren hatte er noch nichts verlernt. Vielleicht sollte sie mit ihm üben statt mit diesem nervigen Typen.
Ines stellte die Musik aus und verordnete ihnen eine kurze Pause.
„Meine Güte!“ Madeline wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann blickte sie auf ihre Füße. „Meine neuen Nylons dürften ruiniert sein.“
„Wenn du deine Füße aber auch immer unter die meinen stellst.“
„Ach so ist das!“ Fand er das etwa witzig? Sie ließ Robert stehen und ging an die Bar.
„Meine Madeline!“ George Lagrange hielt ihr mit strahlenden Augen ein Glas Mineralwasser entgegen. „Du bist weitaus besser als dein Partner. Wer ist das überhaupt?“
Marga Fischer, die neben dem Büro auch den Tresen betreute, langte nach Georges leerem Glas, in der anderen Hand die Rotweinflasche, um nachzuschenken. „Deiner Enkelin liegt der Rhythmus im Blut. Vom wem mag sie das wohl geerbt haben?“ Mit einem Augenzwinkern schenkte sie ihm nach.
„Von meinem Sohn bestimmt nicht. Der hat schon wieder das halbe Labor in die Luft gejagt.“
Marga starrte ihn erschrocken an. „Nein!“ Sie lachte nervös. „Du ziehst mich schon wieder auf!“
„Keineswegs. Es stand gestern in der Zeitung.“ Auf seiner Stirn erschien eine Ärgerfalte. „Erzählt hat er es mir natürlich nicht.“ Er nahm Marga sein Glas ab und wandte sich wieder Madeline zu. .„Also, wer ist das, mit dem du tanzt?“
Sie zuckte die Achseln. „Robert Merck. Sein Vater ist wohl ein Kollege von Klaus Wächter.“
„Polizisten-Familie also.“ Die Falte auf Georges Stirn verschwand. Als Robert gleich darauf an den Tresen kam, blickte er dem jungen Mann freundlich entgegen.
Robert ließ sich von Marga ein Bier geben. „Das habe ich mir jetzt verdient.“
„Was ist mit fahren?“, fragte Madeline spitz. „Du wolltest mich nach Hause bringen.“
Er errötete bis zu den Haarspitzen. Madeline verbarg ihre Erheiterung hinter ihrem erhobenen Glas.
George kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Werden Sie nach dem Schnupperkurs weiter bei uns tanzen?“
Roberts Blick ging zu Madeline. „Der Tanzclub Lietzensee hat einen bemerkenswerten Ruf; das gefällt mir gut. Ich denke schon – wenn sich eine Partnerin für den Tanzkreis findet?“
„Gewiss doch.“ George nickte zufrieden. „Dann auf eine gute Zeit.“ Er hob sein Glas Robert entgegen. „Ich habe Sie eben beobachtet.“
„Und? Was denken Sie?“ Robert spannte sich an. „Kann ich hoffen, dass ich eines Tages perfekt bin?“
„Bah!“ Madeline schnaubte. „Was soll das? Fishing for compliments, Robert?“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Verachtung zu verbergen.
„Du verstehst heute wieder mal keinen Spaß, Madeline! So oft habe ich dir doch gar nicht auf den Fuß getreten!“
George folgte Madelines unwillkürlichem Blick nach unten. Am rechten Fuß hatte sie einen Schmutzfleck neben dem Knöchel. „In Sandalen zu tanzen ist nicht sonderlich schlau. Leg dir richtige Tanzschuhe zu.“
„Wozu? Wenn ich mit denen einmal über die Straße gegangen bin, kann ich sie wegschmeißen.“
„Was machen Sie beruflich, Robert?“
„Nichts Besonderes.“ Er zuckte die Achseln. „Bezirksamt Reinickendorf. Aber gewiss nicht bis zum Ende meines Lebens.“ In seine Augen kam ein Glitzern. „Eine Karriere als Turniertänzer ... Da kommt man schon ins Nachdenken.“
„Ich war zu meiner Zeit recht erfolgreich. Vier Mal unter den ersten drei der deutschen Meisterschaft; ebenso zwei Mal bei den Weltmeisterschaften.“ Aber gewonnen hatte Großpapa nie; das verschwieg er den jungen Leuten stets. „Mein Vater war schon bei den Anfängen des Formationstanzes vor dem Zweiten Weltkrieg dabei. Madeline setzt die Tradition der Familie fort.“
Was fiel ihm ein? „Großpapa!“ Madeline schüttelte den Kopf. „Um einen Studienplatz in Medizin zu kriegen, weiß ich schon jetzt, womit meine Tage bis zum Abitur ausgefüllt sein werden.“
„Du bist doch so klug, Madeline. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du so viel Zeit zum Lernen brauchst.“ Robert griff nach ihrer Hand. „Es geht weiter.“
„Ich trinke noch mein Wasser aus.“ Madeline entzog sich ihm und wedelte ihn in Richtung Tanzsaal. „Geh schon mal.“
Robert blickte zögerlich zwischen Madeline und dem Tanzsaal hin und her. Dann begann leise die Musik; gleich würde Ines weitermachen. Er setzte sich, immer noch zögerlich, in Bewegung.
„Puh!“ Madeline seufzte, als er außer Hörweite war. „Er. Geht. Mir. Auf. Den. Geist.“
„Wieso denn? Er ist doch nett! Und so ehrgeizig.“
„Er ist halt nicht mein Typ.“
George schmunzelte. „Und wer ist dein Typ?“
Sie blickte verträumt zur Decke. „Groß, schlank, schwarzhaarig. Erwachsen.“
„Das klingt, als hättest du jemand Bestimmtes im Sinn. Bist du in einen deiner Lehrer verschossen?“
Madeline lachte; das ging Großpapa nichts an. „Ich geh dann mal wieder.“
Nach zwei Schritten blieb sie jedoch stehen. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf den Mann, der gerade hereinkam. Schlank und breitschultrig; Jeans und T-Shirt so eng, dass sich die Bewegungen seiner Muskeln darunter abzeichneten. Und schwarze Haare, wenn auch ein wenig zu kurz für ihren Geschmack. „Wow!“ Sie atmete langsam aus. Hatte sie den etwa gerade herbeibeschworen?
Aus den Augenwinkeln immer noch den Mann im Blick, drehte sie sich zu Marga um. „Wer ist das denn?“
„Chris Rinehart, unser Caller!“
„Oh?“ Was sollte das denn heißen?
„Madeline!“ Robert winkte ihr heftig und sie setzte sich mit einem Seufzer wieder in Bewegung.
 
***

Chris’ Blick hing an Madeline fest, die mit offensichtlicher Unlust zum Tanzsaal stöckelte. Ihr hübsches Gesicht war zu einer finsteren Grimasse erstarrt. Was tat das Mädchen hier, wenn es keinen Bock aufs Tanzen hatte?
„Guten Abend, Chris!“ Marga riss ihn aus seinen Betrachtungen. „Ich habe für Ersatz gesorgt. Die Anlage war nicht mehr zu reparieren.“
George zog die Brauen hoch. „Ersatz, Marga? Das ist in unserem Etat nicht eingeplant.“
„Eine Reparatur auch nicht. Aber das geht schon. Ich habe mit Werner geredet.“
Georges Stirn glättete sich ein wenig. „Du denkst auch immer an alles.“
Marga senkte schnell ihren Kopf über die Spüle und stellte die leeren Gläser hinein. George schlenderte zum Tanzsaal. Chris gesellte sich zu ihm und lehnte sich in den Türrahmen.
Die meisten Paare boten noch immer ein Bild des Erbarmens. Und was Madeline mit ihrem Partner veranstaltete, sah mehr nach einem Ringkampf als nach einem langsamen Walzer aus. Warum überließ sie ihm nicht die Führung, wie es sich gehörte? Offensichtlich war dies hier nicht ihr Ding.
Ihre Blicke kreuzten sich; unwillkürlich lächelte Chris ihr zu. Sie errötete und blickte schnell weg. Chris mochte nicht wegsehen. Die weinrote Strähne in ihren zerzausten dunkelblonden Haaren gab ihr etwas Verwegenes, das ihn anzog. Es passte zu der Rangelei mit ihrem Partner.
„Der Kurs könnte an einem Abend gerne mal verlängern und ich zeige denen ein paar Square Dance-Schritte“, sagte er zu George.
George versteifte sich. „Das ist ein Schnupperkurs für Gesellschaftstanz!“ Er räusperte sich und danach klang seine Stimme weniger schroff. „Es ist schon problematisch genug, als Verein überhaupt einen Kurs durchzuführen.“
Marga verdrehte die Augen; daraufhin verzichtete Chris auf eine Erwiderung.
 (...)



Die Enkelin. Aus der Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee". Liebesroman.
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24.3.13

#SampleSunday - Composition "The Dragon and the Princess"


Modern flute music score – original text in French; translations to English, German, Italian attached.
The composition  translates the fairy tale "Il drago e la principessa" into music.
....(page 2-4)

Flute Music Score for: The Dragon and the Princess.
E-Book. In addition to epub and mobi you find it also as an PDF at Smashwords, XinXii and Beam e-books.
You find the music sheet also at Kobo, iTunes, Barnes&Noble, Google Play, Amazon (all Kindle Stores worldwide)


12.2.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... Sechzehntes Kapitel ...

25. Dezember 1647
„Je weniger Leute davon wissen, desto mehr Spielraum bleibt“, hatte der Comte de Modène gesagt, als er Enzo die Genehmigung für Mirellas Besuch in Torrione übergab. Darum fuhr Enzo jetzt die Kutsche selbst.
Neben Mirella saß Rita. Sie hatte darauf bestanden mitzukommen und brachte Mirella jetzt an den Rand des Wahnsinns mit ihrem Gejammer.
„Mamma, so hör Sie endlich auf! Ich kann ja gar nicht nachdenken!“
„Wie sprichst du mit mir?“ Rita blitzte sie zornig an. „Du hast die ganze Zeit mit Dario unter einer Decke gesteckt!“
Mirella schloss die Augen. „Mamma! Bitte!“
Rita schwieg schließlich. Erst als Enzo in Torrione Mirella aus der Kutsche half, öffnete sie wieder den Mund. Aber jetzt war es an Enzo, ihr einen Blick zuzuwerfen, der sie schweigen hieß.
Mirella folgte Enzo zum Tor; mit jedem Schritt wuchs ihre Angst. Was erwartete sie dort?
Er ließ den schweren Türklopfer anschlagen; dann drehte er sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. „Wir warten hier auf dich.“ Er zitterte mehr als sie selbst, als er sie an sich drückte. „Meine tapfere Kleine. Pass auf, was du sprichst. Vielleicht hängt alles davon ab.“
Ein Riegel quietschte, als er zurückgezogen wurde. Dann drehte sich knarrend ein Schlüssel.
Mirella zitterten die Knie; sie befreite sich aus Enzos Armen und reckte den Kopf.
Ein Milizionär stand neben dem Tor, dahinter ein schwarz gekleideter Mann. Ein Tintenfleck neben dem Mund verriet ihn als Schreiber.
Die Wache trat zur Seite.
„Signore, Er wünscht?“
Enzo zog den Passierschein aus der Manteltasche und hielt dem Schreiber das Siegel vors Gesicht. „Meine Tochter hat die Erlaubnis des Dogen, ihren Bruder zu sprechen.“
Der Schreiber nahm Enzo das Papier ab, zog einen Zwicker hervor und setzte ihn auf. Er studierte das Papier und murmelte dabei die Worte mehrmals hintereinander, als wolle er sie auswendig lernen. „Das hatten wir noch nie!“ Er musterte Mirella von unten bis oben. „Sie wird ihre feinen Kleider schmutzig machen! Eine Dame wie Sie hatten wir noch nie.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sieht ihm nicht sehr ähnlich. Ist Sie wirklich die Schwester?“
Enzo begann rot anzulaufen, ein sicheres Zeichen, das er gleich aus der Haut fahren würde.
Mirella erschrak; schnell trat sie vor ihn und reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. „Wird Er dem Befehl des Dogen nun folgen und mich einlassen?“
Fast hätte sie gegrinst, als der Schreiber einen halben Schritt vor ihr zurückwich und sich ein wenig verneigte. „Selbstverständlich, Signorina. Bitte hier, Signorina.“ Noch nie hatte sie so mit jemandem gesprochen. Es stimmte also, dass Arroganz sich auszahlte.
Doch gleich darauf stieg wieder Angst in ihr hoch. Der Schreiber führte sie durch einen dunklen Korridor zu einer langen Treppe, auf deren steinernen Stufen ihre Schritte laut widerhallten. Der Keller war dagegen aus gestampfter Erde; ein lehmiger Boden, auf dem an vielen Stellen das Wasser stand. Der Gang wurde von einzelnen qualmenden Fackeln spärlich erleuchtet und ging um mehrere Ecken. Zuweilen entschwand der Schreiber ihrem Blick und sie hörte nur noch das Klirren seiner Schlüssel. Sie beeilte sich, Schritt zu halten, denn er nahm keine Rücksicht. Die Wände rückten immer dichter an sie heran, je weiter sie kamen. Darum hatte er gesagt, sie würde sich ihre Kleider schmutzig machen. Sie wickelte ihre Röcke enger um sich, aber es mochte wenig nützen. Von Zeit zu Zeit traf sie ein Tropfen ins Gesicht. Ihre Schuhe sogen sich mit Wasser voll und ihre Füße wurden eiskalt. Dann ging es eine Schräge hinab, die im Fackellicht schmierig-feucht schimmerte. Unwillkürlich streckte sie die Hand nach einem Geländer aus, um nicht darauf auszurutschen; aber es gab natürlich keines.
Sie blickte zurück und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wenn dieser Mann es nicht wollte, würde sie nie wieder den Weg zurück finden.
Endlich blieb er vor einem hohen Eisengitter stehen und hängte die Fackel an die Wand daneben. Er löste den Schlüsselbund von seinem Gürtel und benutzte beide Hände, um das schwergängige Schloss zu öffnen. Solche Mühe, einen Schlüssel zu drehen, hatte man eigentlich nur bei einer selten benutzten Tür. Wo führte er sie hin? Dann nahm er die Fackel wieder aus der Halterung und ging er weiter. Mirella raffte ihre Röcke höher und machte größere Schritte, um ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, während er um die nächsten Ecken ging. Am liebsten hätte sie gefragt, ob es noch weit sei; aber das hätte nicht zu einer arroganten Haltung gepasst.
Irgendwo plätscherte es leise und dann quiekte es vor ihren Füßen. Eine Ecke weiter sah sie im Schein der Fackel eine fette Ratte davonspringen. Der Ekel schüttelte sie.
Endlich wurde der Gang wieder breiter; hinter einer weiteren Ecke kam ihnen Lichtschein entgegen. Dann standen sie vor einem anderen Gitter. Zwei Wächter saßen dort und spielten Tarock. Im Schein ihrer Kerzen schimmerten die neuen Münzen der Republik auf dem Tisch. Einer sah auf und spielte dann die nächste Karte aus.
„Heh, ihr da! Öffnen!“
Der andere Wächter legte seine Karte ab; dann nahm er den Stich an sich. „Das Spiel gewinne ich, mein Freund.“ Er beugte sich zur Seite und stand mit einem Schlüssel in der Hand auf. „Was haben wir denn da?“ Er bedachte Mirella mit einem schmierigen Grinsen, bevor er aufschloss.
„Lass sie zu dem Gefangenen. Befehl des Dogen.“
Zu Mirellas Entsetzen blieb der Schreiber hinter dem Gitter zurück, während der Wächter sie an der Hüfte packte und vor sich her in die Dunkelheit schob. Als er sie losließ, blieb sie stehen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen.
Arroganz! Sie reckte den Kopf. „Wo ist mein Bruder?“ Leider klang ihre Stimme jetzt gar nicht mehr arrogant, sondern rau.
Der Wächter tauchte mit einer flackernden Kerze neben ihr auf, deren Docht fast im Wachs ersoff. Sie holte tief Luft und folgte ihm.
Vor einer schweren Tür mit einer eisernen Klappe blieb er stehen. Er öffnete die Klappe und blickte hinein. „Er ist noch da“, brummte er; dann schloss er auf.
Der Gestank von moderndem Stroh schlug ihr entgegen. Es war stockfinster. Ein schabendes Geräusch, dann klirrte eine Kette.
Mirella blieb an der Tür stehen. „Dario?“ Ihre Stimme war ein fast unverständliches Krächzen.
Ein Stöhnen war die Antwort; die Kette rasselte lauter. „Mirella! Um Gottes willen!“ Das flackernde Licht zeigte ihr nur seine Konturen.
Der Wächter drückte ihr die Kerze in die Hand. Heißes Wachs floss über ihre Finger; sie hielt die Luft an, bis der Schmerz nachließ. Dann hob sie das Licht und ging tapfer einen Schritt vorwärts. Hinter ihr fiel die Tür zu.
Die dunkle Gestalt, die Dario war, richtete sich halb auf und lehnte sich an die Wand. „Was tust du hier?“ Seine Stimme war heiser, geborsten vor Schmerz.
Entsetzt starrte sie auf sein zerschundenes Gesicht. Sie streckte die freie Hand aus und berührte vorsichtig eine Stelle, die nicht blutverkrustet oder dunkel angelaufen war. „Oh, Dario, was haben sie mit dir gemacht?“ Sie schluchzte auf und legte einen Arm auf seine Schulter, um ihn an sich zu drücken.
Er quittierte es mit einem Stöhnen und sie ließ ihn erschrocken los.
„Wie kommst du hierher?“
„De Guise hat mir einen Passierschein ausgestellt.“
„So!“
Sie starrte ihn an. „Was hast du ihnen gesagt?“
Dario kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Nichts. Ich haben ihnen nichts gesagt.“
Sie atmete erleichtert auf. „Das ist gut.“ Behutsam  legte sie ihre Finger auf seine zerschundenen Lippen. Dann fiel ihr eine dringende Frage ein. Sie flüsterte: „Was wollten sie von dir wissen? Was werfen sie dir überhaupt vor?“
„Dass ich die Spanier mit Informationen versorge.“
„Die Spanier.“ Sie vergaß, dass sie leise sprechen wollte, falls der Wächter hinter der Tür lauschte. „Die Spanier, du noch nie ausstehen konntest.“ Ihr wurde leicht ums Herz; ein Vorwurf, der so offensichtlich falsch war. Sie konnten ihm nichts anhaben. „Wie kommen sie nur darauf? Das ist doch absurd.“
Er blickte irgendwo hinter ihr in die Luft; sie wandte den Blick. Licht schimmerte durch die Klappe. So stand tatsächlich einer dahinter und lauschte.
Darum hob sie die Stimme erst recht, damit er es nur hören konnte. „Werfen sie dir meine Verlobung vor?“
Er hob die Schultern in einer unendlich müden Bewegung. „Kaum.“ Sein Gesicht verzerrte sich; das sollte wohl ein Grinsen sein. „Dass ich Felipe verabscheue, dürfte sich herumgesprochen haben.“
„Alexandre sagt ...“
„Alexandre?“ In seinen Augen flackerte etwas, das Zorn bedeuten mochte.
„Der Marquis de Montmorency ... Er hält es für eine Verschwörung gegen Vater.“ Das war nun ihre sehr freie Auslegung, aber es mochte so falsch nicht sein.
Dario schluckte schwer. „Das ...“
„Man wird dir den Prozess machen.“
„Ich weiß. De Guise will ein Urteil.“
„Damit hat er dir das Leben gerettet! Er hat sich geweigert, Anneses Todesurteil gegen dich zu unterschreiben.“
„Und wo ist der Unterschied?“ Er knurrte aufgebracht.
Sie senkte ihre Stimme. „Sie haben doch nichts in der Hand gegen dich. Oder?“
Er schwieg und blickte zu Boden. Sie hob sein Kinn. Konnten sie ihm doch etwas beweisen? Sie traute sich nicht zu fragen. Sie hatten ihn schon länger im Auge gehabt, hatte Alexandre gesagt. „Wenn du dir ein Geständnis abpressen lässt, kann auch de Guise dich nicht retten.“
Verachtung stand in seinem Blick; er glaubte ihr nicht. „Ich weiß“, ächzte er.
Sie legte ihm sacht die Hand auf die Schulter. „Du musst durchhalten; versprich es mir“, flüsterte sie in sein Ohr.
„Wenn das wahr ist, dass sie es auf Vater abgesehen haben“, er stöhnte wieder, „dann seid ihr alle in Gefahr.“
So weit hatte sie noch nicht gedacht. Es stimmte ja. Das Gericht würde den gesamten Besitz der Familie beschlagnahmen, sollte auch Enzo angeklagt und verurteilt werden. Der Vater – würde er durchhalten, wenn man ihn folterte? „Was können wir für dich tun?“
Dario schüttelte den Kopf. „Beten?“ Er nahm ihre Hand in die seinen. „Was ist mit Stefania?“
„Ich glaube nicht, dass sie in Gefahr ist.“
„Was – hat sie gesagt?“
„Ihre Eltern sind mit eurer Ehe einverstanden. So wie die unseren.“ Sie strich ihm durchs Haar. „Sie weiß es nicht. Es ist besser, wenn niemand von deiner Verhaftung weiß.“
„Wer sagt das? Damit man mich möglichst unauffällig beseitigen kann“, zischte er.
„Alexandre ... der Marquis de Montmorency ...“
„Du scheinst inzwischen sehr vertraut mit ihm zu sein, dass ihr euch mit Vornamen nennt.“
„Nein, gar nicht!“ Er war eifersüchtig, selbst jetzt noch. Selbst hier. „Mit Albert sind wir doch auch per Du.“ In ihren Gedanken nannte sie ihn Alexandre; aber im Gegensatz zu Albert schien es ihr undenkbar, dass sie ihn duzte. „Er steht auf unserer Seite. Er hat mir die Genehmigung verschafft, dich zu besuchen.“
„Was glaubst du, warum?“
Sie starrte ihn ratlos an.
„Um mich unter Druck zu setzen. Um euch einzuschüchtern.“ Er fluchte heftig. „Sie haben nichts aus mir herausbekommen, als sie mich folterten. Nun versuchen sie es mit Erpressung – oder einem Handel.“
Mirella keuchte vor Entsetzen. „Das glaube ich nicht! So etwas würde er nie tun; er weiß doch selber ...“
„Denk nach, Mirella. Anneses Miliz hat mich festgenommen. Aber es ist de Guise, der mir den Prozess machen lässt.“
„Aber – damit rettet er dich.“
„Du bist reingefallen auf das, was Montmorency dir erzählt hat. Falls Annese glaubte, dass ich mit den Spaniern paktiere. würde er mir nichts tun. Wenn sie ihm mehr nützten als de Guise – du würdest dich wundern, wie schnell er wieder unter ihre Fittiche kröche.“
Annese als der wahre Verräter; das hatte auch Alexandre gesagt. Wer sagte hier noch die Wahrheit? Sie wurde immer durcheinanderer im Kopf. Dario, log er auch? Als er sagte, dass er für die Barone arbeite? Als er gegen die Spanier lästerte? Verwirrt schloss sie die Augen; sie müsste nachdenken. „Sag mir genau: Wann und wo haben sie dich verhaftet? Wie haben sie es begründet?“
Dario ließ sich an der Wand entlang aufs Stroh rutschen. „Ich war in Aversa; in der Osteria.“
„Das liegt nicht auf dem Heimweg!“ Sie blickte zur Tür, das Licht, das durch die Ritzen an der Klappe schimmerte, war genauso hell wie zuvor. „Dort“, sie zeigte mit einer Kopfbewegung hin und suchte nach einer unverfänglichen Formulierung, „wartet jemand vor der Tür. Aber unsere Zeit ist wohl nicht begrenzt.“
„Sie ist begrenzt, glaub mir.“
Nicht weinen jetzt; sie schluckte. Gleich musste sie wieder arrogant auftreten. Sie hockte sich neben Dario. Aus dem Stroh stieg ihr der scharfe Geruch von Urin in die Nase. „Wolltest du zu den Oliveto? Aber Stefania ist die ganze Zeit in Neapel gewesen.“ War das die Rettung? Wenn er sich als heimlicher Liebender präsentierte?
Dario schüttelte den Kopf. „Halte Stefania raus. Bitte.“ Er drückte ihre Hand, „Und du auch! Bring dich nicht in Gefahr.“
„Warum sagst du ihnen nicht, wozu du den Umweg gemacht hast?“
„Glaubst du denn, das interessiert jemanden?“
„Mit wem hast du dich in Aversa getroffen?“
„Mit niemandem; ich war tatsächlich nur auf der Durchreise.“ Er sprach leise; mit unterdrückter Stimme, aber sie war plötzlich sicher, dass man das draußen hören konnte. Sie hatte von Bauwerken gelesen, in denen man an den unmöglichsten Orten hören konnte, was in bestimmten Räumen gesprochen wurde. Hier auch? Sie hielt die Kerze höher und blickte nach oben; aber die Decke war irgendwo weit weg in der Dunkelheit. Ungewöhnlich hoch für einen Keller. Sie musste mit Enzo darüber reden.
Dario hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. „Sei lieb, Schwesterchen, und geh jetzt. Du kannst nichts für mich tun.“
Sie schluchzte. „Vielleicht sehe ich dich niemals wieder.“
„Doch.“ Seine Stimme barst vor Grimm. „Die Hinrichtung wird gewiss öffentlich sein. Die neuen Herren müssen ihre Macht demonstrieren.“
Die Kerze ersoff mit einem letzten Aufflackern. Mirella hatte zu spät nach dem Docht gegriffen.
„Das würde de Guise niemals ...“ Aber Alexandre hatte gesagt, dass es dem Dogen genau darum ginge: seine Macht demonstrieren. Bislang jedoch mit dem Ergebnis, dass man Dario nicht geköpft hatte. „Weißt du, wann sie dich vor Gericht stellen wollen?“
Die Tür klappte und Licht strömte zu ihnen. „Signorina, warum hat Sie die Kerze ausgemacht?“
„Ich ...“ Mirella bremste sich im letzten Moment. Nichts erklären; Arroganz. „Es zieht in diesem Loch! Und es stinkt! Schämt Er sich nicht? Er behandelt ihn wie einen Verbrecher; aber er ist zu Unrecht hier.“
„Das sagen alle.“ Der Wärter trat ein und streckte seine Hand nach ihr aus. Schnell stand sie auf, damit er sie nicht berührte.
„Ich werde mich beschweren!“
Der Wärter wedelte sie hinaus. Wollte sie vermeiden, dass er sie anfasste, musste sie das Verlies verlassen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Dario war ein Schatten in der Dunkelheit.
Der Schreiber erwartete sie am Gitter; er hatte mit dem anderen Wärter das Kartenspiel fortgesetzt und ein Dutzend schimmernder Münzen vor sich aufgehäuft. „Da ist Sie endlich. Ich dachte schon, Ihr gefiele unser gastliches Haus so, dass sie bliebe.“
Er geleitete sie hinaus und deutete gleich darauf zu einer Treppe. „Dort entlang.“
Die Treppe führte in eine düstere Halle. Dahinter aber lag gleich der Kreuzgang. Genau so hatte sie sich das gedacht: Es gab einen kürzeren Weg. Er hatte sie einschüchtern wollen, als er sie durch die unterirdischen Gänge geführt hatte.
Er brachte sie zu einer kleinen Pforte; sie war nicht bewacht. „Den Rest des Weges findet Sie allein.“
Krachend schlug die Tür hinter ihr zu. Warum wollte er nicht, dass man sie gehen sah?
Sie lehnte sich gegen das Holz, müde, schmutzig, hilflos. Sie war nur ein Mädchen. Was konnte sie gegen diese Festung ausrichten?
Sie drehte sich zur Seite und schlug schluchzend gegen die Festungsmauer; sie riss sich die Haut an den Steinkanten auf. „Ich krieg dich hier raus, Dario. Ganz gleich, was ich dafür tun muss.“ Sie wischte das Blut an ihrem hellen Mantel ab und betrachtete die Flecken. Wenn er nur durchhielt.
Die Kutsche musste in südlicher Richtung stehen. Sie brauchte nur an der Mauer entlang zu gehen.

Auf dem Heimweg stieg sie trotz der schneidenden Kälte zu Enzo auf den Kutschbock. Sie konnte das Gejammer jetzt nicht ertragen, mit dem Rita sie empfangen hatte.
Enzo blickte sie immer wieder von der Seite an, aber er sagte nichts und fragte nichts. Seine Schweigsamkeit tat ihr gut. Sie drückte ihr Gesicht an seine Schulter, um sich vor dem Wind zu schützen, und dachte nach.
Als sie die Stadtmauer erreichten, richtete sie sich auf. „Wir werden ihn dort herausholen.“
„Erzähl mir alles; ganz genau.“ Er nickte. „Vielleicht finden wir einen Weg.“
„Wir müssen, Vater.“ Sie klammerte sich an seinen Arm.
Er nahm die Zügel in eine Hand und schob ihr mit der anderen die Locken unter die Kapuze zurück, die ihr in die Stirn hingen.
„Ich komme mit Ihm ins Kontor.“
Überrascht zügelte er das Pferd. „Warum?“
„Weil ...“ Sie vermochte es ihm nicht zu erklären, es war nur eine Eingebung gewesen. „Wir werden in den Büchern etwas finden, um zu beweisen, dass er in Geschäften unterwegs war.“
„Aber natürlich war er das.“
„Auch in Aversa?“
Enzo knurrte und schlug übertrieben heftig mit der Peitsche auf das stetig dahintrottende Pferd ein.

Der neue Kontor roch nach Beize und Terpentinöl. Unter dem breiten Fenster stand der alte Schreibtisch von Enzos Großvater, den er aus dem Keller in der via Saliniera geholt hatte. Eine beschlagene Truhe stand auf dem Boden neben einer Öffnung, wo sie eingemauert werden sollte.
Enzo schob Mirella einen Schemel hin, kniete sich vor die Truhe und holte die beiden obersten Bücher heraus. „Wonach sollen wir suchen?“
Er vertraute ihr die Führung an und sie bekam Angst. Wenn sie es nun verdarb? „Ach Vater, es war eine Eingebung. Vielleicht wissen wir, was wir suchen müssen, wenn wir es sehen?“
Enzo strich ihr über die Wange. „Mein kleines Mädchen ist über Nacht erwachsen geworden.“ Er sagte es ohne Lächeln. Kein Kompliment, sondern eine eher überraschte Feststellung.
Eines der Bücher legte er ihr aufgeschlagen auf die Knie. „Hier stehen alle Aufträge der letzten beiden Monate. Ich habe hier die Lieferungen. Aber Dario war auf dem Rückweg. Irgendwie.“
„Wo sind die Stoffe geblieben, die er in Florenz geholt hat?“
Enzo knurrte. „Wo wohl?“
Also hatte man sie obendrein bestohlen. Das konnte doch nicht Anneses Werk gewesen sein. Nein, dieser Mann war ehrlich; trotz allem. „Er muss es reklamieren.“
„Sobald Dario frei ist.“ Das hieß, falls er freikäme.
Mirella blätterte schnell die beschriebenen Seiten durch. Es waren nicht viele; ohne den Auftrag des Dogen wäre Enzos Handel zusammengebrochen.
Sie begann von vorne, las jeden Eintrag. „Vater, hat Er eine Landkarte hier?“
Enzo öffnete eine Schublade und reichte ihr eine Rolle. Sie legte sie vor sich auf den Boden und beschwerte die Ecken mit Mauersteinen. Jetzt sah sie, welche Aufträge in der Nähe von Aversa erteilt worden waren. Einen davon mussten sie als Vorwand für Darios Umweg heranziehen.
Ein Sägewerk. „Was ist mit dem Bauholz für das neue Lager?“
„Alles geliefert und alles bezahlt.“ Enzo winkte ab. „Kein Grund, dort vorbeizufahren.“
Das Landhaus der Oliveto: Sie hatte Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen. Aber falls es seine einzige Chance war, würde sie sich darüber hinwegsetzen; keine Frage. Wenn er sie dafür verhauen würde, lebte er wenigstens. Sie las weiter. Eine Schneiderei. „Was ist das für ein Schneider?“
Enzo sah auf. „Roccone, Caivano. Das ist auch lange erledigt. Mein Geburtstagsgeschenk für deine Mutter.“
Rita hatte fast geweint vor Freude und Überraschung, als sie es auspackte. Ein Kleid, perfekt nach der neuesten französischen Mode. Nach Mirellas Meinung das schönste Kleid, das ihre Mutter je besessen hatte – und das hatte Enzo inmitten der Wirren zu Stande gebracht. Er musste sie unendlich lieben.
Mirella las weiter. In der Umgebung von Aversa fand sie noch einen Tischler, einen Winzer und einen Schuhmacher. Für jeden konnte Dario einen neuen Auftrag gehabt haben. Nirgendwo dort war er tatsächlich gewesen; aber niemand würde widerlegen können, dass er die Absicht gehabt hatte. Dennoch wäre es nicht überzeugend: Es gab schließlich keinen plausiblen Grund, warum er es nicht hätte angeben sollen, als sie ihn verhörten. „Es darf niemand sein, der mit den Baronen in Verbindung steht.“
Enzo fuhr mit der Hand über die aufgeschlagene Seite seines eigenen Buchs, deutete auf zwei Einträge. „Von diesen weiß ich, dass sie zur Partei der Feudalherren gehören. Ihre Schneider haben für einen Ball in der Burg von Nocera gearbeitet.“ Er seufzte. „Man kann sich die Kunden nicht aussuchen. In dieser Zeit erst recht nicht.“
„Und diese?“ Sie hielt Enzo ihr Buch hin. „Die Lieferanten?“
„Mich interessiert die Qualität ihrer Waren, nicht ihrer Gesinnung.“ Er nahm ihr das Buch ab und legte es auf den Schreibtisch. „Ich weiß es von kaum einen.“
„Aber worüber unterhält Er sich denn, wenn Er mit ihnen in einer Locanda sitzt?“ Mirella wurde ungeduldig. „Man muss doch nur ein wenig zuhören!“
Er blätterte zurück und deutete auf den Namen des Schneiders. „Roccone ist vermutlich ein Anhänger der Franzosen; er verabscheut die Mode der Spanierinnen!“
Mirella lachte. „Welch ein Grund!“ Ein Schneider, was sollte Dario bei einem Damenschneider wollen? „Ich habe Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen.“
„Das hast du Recht getan; die arme Kleine. Auch wenn Dario freigelassen wird ...“
„Er glaubt, ein Makel bleibt doch?“
„Das tut es immer!“ Wieder strich er ihr über die Wange; so viel Zärtlichkeit war ihm bisher nicht zu eigen gewesen. Ob er sich genauso hilflos fühlte wie sie? „Ich sehe nichts, was uns weiterhilft.“
Mirella senkte den Kopf. Ihr Blick fiel auf die Landkarte und sie nahm sie auf. „Es sind keine Straßen eingezeichnet.“
„Hier geht die Straße von Florenz entlang.“ Dario hatte tatsächlich einen beträchtlichen Umweg genommen. „Von Aversa hierher gibt es zwei Wege.“ Er zeigte sie ihr. Einer führte über Caivano.
„Kann Er sich irgendeinen Grund ausdenken, was Dario bei Roccone wollen konnte?“
Enzo blätterte das Lieferantenbuch weiter durch. Er presste die Lippen zusammen, dann sah er sie mit gerunzelter Stirn an. „Wenn wir nicht von Stefania sprechen wollen ... Überdies wäre es Sache ihrer Eltern ...“
Mirella brauchte nur eine Sekunde, um zu verstehen. „Ein Hochzeitskleid.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist es.“ 




Sechzehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 
Als Taschenbuch auf allen europäischen und der amerikanischen Seite  von Amazon erhältlich, bei Mondadori in Italien, sowie auf der amerikanischen Plattform von Barnes&Noble
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 Weitere Ausschnitte auf den  Blog-Seiten anderer Sonntage.

Zum historischen Hintergrund des Romans gibt es Beiträge auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.



5.2.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... zehntes Kapitel ...

 Gennaro Annese, der zum Führer des Aufstands geworden ist, hat Neapel zur unabhängigen Republik erklärt und den Papst und Frankreich um  Hilfe gebeten. ...
 

Samstag, 16. November 1647


Mirella erwachte frierend. Das Feuer im Kamin war zu einem glimmenden Aschehaufen zusammengesunken; sie kroch tiefer unter ihr schweres Plumeau und rollte sich zusammen.
Von draußenkam die trällernde Stimme eines jungen Mannes; was fiel ihm ein so früh am Morgen?
Die Franzosen waren gekommen! Mirella sprang mit einem Satz aus dem Bett: Der Junge da draußen hatte guten Grund zu singen.
Sie riss die Tür auf. „Gina, hilf mir beim Anziehen!“
Die Treppe knarrte, während Mirella ein Kleid nach dem anderen aus dem Schrank nahm und aufs Bett warf. Mit einem dunkelgrünen Cretonnekleid stellte sie sich vor den Spiegel. „Nein.“ Sie hielt sich das rote Samtkmit dem schwarzen Pelzbesatz an den Ärmeln an. „Das ist gut!“
Gina trat mit dem dampfenden Wasserkrug ein und musterte sie mit missbilligend gekrauster Stirn. „Willst du damit in die Kirche gehen? In einem Kleid, rot wie die Sünde?“
Mirella drehte sich lachend um. „Aber es ist kalt. Ich werde meinen Umhang darüber tragen.“
„Und warum willst dich so fein machen, wenn es doch niemand sieht?“
„Wer weiß!“ Sie zog sich das Batisthemd über den Kopf.
 „Bestimmt werden die französischen Demoisellen zum Gottesdienst erscheinen. Sollen wir ihnen nicht zeigen, dass eine Neapolitanerin ihnen in nichts nachsteht?“
„Für deine Hoffart wirst du in die Hölle kommen.“
„Dort ist es wenigstens warm.“
Gina goss das Wasser in die Waschschüssel. Eine Dampfwolke beschlug den Spiegel und das Fenster, während Mirella sich zu waschen begann. Sie fuhr mit der Hand über den Spiegel, aber er war gleich wieder blind.
„Es gibt keine französischen Demoisellen. Der Herzog ist zum Krieg gekommen, nicht zum Ball.“
„Zum Kriegführen?“ Empört fuhr Mirella herum. Während sie sich umwandte, fegte sie mit dem Ellenbogen die Schüssel zu Boden. Unbeeindruckt blitzte sie Gina an. „Wir haben ihn gerufen, damit endlich Frieden herrscht. Man kann sich ja gar nicht mehr auf die Straße trauen.“
„Ach Kind!“
„Ich bin kein Kind mehr!“ Mirella langte nach einem Handtuch.
Gina legte die Scherben auf die Kommode und nahm ein zweites Handtuch. „Lass mich das machen.“
„Ich bin kein Kind mehr! Wisch auf!“
Kaum war die Magd draußen, legte Mirella das Handtuch fort, schlüpfte in die Unterkleider und streifte vorsichtig das rote Kleid über den Kopf. Wenn sie es erst anhatte, würde Gina sich geschlagen geben.
Als Gina mit dem Wischlappen zurückkam, saß Mirella auf dem Bett und rollte den ersten Seidenstrumpf auf.
„Das ist kein Wetter für Seidenstrümpfe.“ Gina ging auf die Knie und nahm das vergossene Wasser auf, dass noch nicht zwischen die Dielen gesickert war.
Mirella seufzte. War die Anarchie jetzt schon bis zu ihnen in den Palazzo vorgedrungen, dass Gina so respektlos war?
Nachdem Mirella den zweiten Strumpf angezogen hatte, trocknete Gina sich ihre Hände ab, schnürte mit viel Gebrumme und Gemurre Mirella das Mieder und schloss die Haken am Kleid.
Mirella hob den Rock an und drehte sich vor dem Spiegel. „Jetzt wird es bald wieder Bälle geben.“ Sie ließ sich aufs Bett zurückfallen. „Das war das Ärgste!“
Gina murrte wieder. „Das Ärgste ist, dass es kaum noch Fleisch gibt in der Stadt. Die Spanier werden sich nicht beeindrucken lassen.“
Mirella stellte sich vor den Spiegel und blies die Backen auf. „Ja, vernünftig essen stünde mir auch gut zu Gesicht.“
Enzo öffnete die Tür und schaute zu ihr herein. „Warum bist du noch nicht fertig! Es wird voll werden. Alle wollen dabei sein, wenn wieder ein Anjou den Schutz unserer Stadt übernimmt.“
Mirella sprang die Treppe hinunter. Sie nahm den schwarzen Wollumhang aus dem Flurschrank und zog sich die Kapuze übers Haar. Dann lief sie nach draußen zu Dario.
Karossen und Fuhrwerke zuckelten in einer langen Reihe die Straße entlang und stauten sich an der Kreuzung zum Hafen. Die Menschen, die an ihr vorbeieilten, hatten ein Lachen im Gesicht. Fabrizio stand neben dem Schlag und pfiff ein Spottlied auf die Spanier.
Varese trat gegenüber aus der Tür, begleitet von seinen beiden Töchtern. „Guten Morgen, Enzo! Hat Er gesehen?“ Er deutete mit seinem Spazierstock zum Himmel. „Die Sonne drängt sich durch den Nebel. Wenn das kein gutes Omen ist.“
Dario knurrte. „Vor allem wird es bedeuten, dass die Spanier wieder sehen können, wohin sie schießen.“ Wieso schien er die allgemeine Freude nicht zu teilen?
Es brauchte eine Stunde, bis sie in dem dichten Verkehr zur Kathedrale gelangten. Die letzten Meter gingen sie zu Fuß zu einem der Seiteneingänge nahe ihrer Kirchenbank.
Die Menschen unterhielten sich quer durch das Kirchenschiff, als seien sie auf dem Marktplatz. Im hinteren Teil standen sie dicht gedrängt; auf den Bänken saßen sie zusammengequetscht wie Thunfische in einer zu vollen Kiste. Die kleineren Kinder quengelten auf den Schößen ihrer Eltern. Dies würde keine geordnete feierliche Messe werden.
Sie drängten sich durch die Besucher, die im Seitenschiff standen. Die Oliveto saßen schon in ihrer Bank. Die Marchesa hatte ein weißes Spitzentuch zwischen den Fingern und betupfte sich die Augen. Weinte sie etwa?
Stefanie drehte sich um, als Mirella sich hinter ihr hinkniete, und zwinkerte ihr zu.
Mirella faltete ihre Hände dicht vor dem Gesicht und flüsterte. „Hast du sie schon gesehen?“
„Nein.“ Stefania grinste. „Suchst du immer noch einen Bräutigam für mich?“
Sie glucksten vor Vergnügen, bis die Marchesa Stefania mit ihrem Fächer auf den Arm schlug.
Mirella setzte sich hin. Nicht einmal zur Ostermesse hatte sie die Kirche jemals so voll gesehen. Sogar einige der spanischen Familien waren gekommen; dabei war nicht einmal Sonntag. Don Rodrigo saß auf seinem angestammten Platz. Also war er ein viel noblerer Verlierer als Dario ihm zugetraut hatte. Ihr künftiger angeheirateter Onkel; sie nickte ihm zu, als sich ihre Blicke trafen. Er erwiderte den Gruß mit einer Kopfbewegung, doch auf diese Entfernung konnte sie im Halbdunkel der Kirche seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.
Dann flutete Tageslicht durch das Hauptportal. Mirella richtete sich halb auf, sodass sie an Enzo vorbei bis zum Eingang sah.
Jeweils zwei Männer von Pastinas Miliz stellten sich rechts und links der Kirchentüren auf. Einer mit gezogenem Schwert, der andere mit einer Standarte: Zwei aufrecht stehende Löwen, ein Wappenschild in den Pfoten, zierten das Banner des Herzogs. Diese Löwen waren der einzige Unterschied zur Fahne Neapels, die das Kreuz des Königs von Jerusalem und einen Turnierkragen mit drei Brückenpfeilern trug. Und die goldenen Lilien des Hauses Anjou, auf dessen Nachfahren die Neapolitaner nun all ihre Hoffnungen setzten.
Kardinal Filomarino trat aus der Sakristei, begleitet von zwei Messdienern, die Kreuz und Weihrauch trugen. Sie gingen an den nun leiser tuschelnden Menschen vorbei zum Portal.
Mirella reckte sich noch höher.
Da stand Enzo mit einem Lächeln auf. „Setz dich an den Rand, Naseweis.“
Von draußen erklangen Rufe der Begeisterung; die ersten in der Kirche schlossen sich an. Filomarino brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Dies war das Haus Gottes.
Henri, Duc de Guise, betrat die Kathedrale.
Er war unglaublich jung; Mitte Dreißig vielleicht – wie hatte er in seinem kurzen Leben all die Dinge untergebracht, von denen sie gehört hatte? Erzbischof in Reims, zwei Ehen, eine Verschwörung gegen den König von Frankreich, eine Aussöhnung und eine erneute Verschwörung. Und nun hier für die Interessen Frankreichs. Oder für seine eigenen?
Der Herzog küsste den Bischofsring, wie es sich gehörte; anschließend schüttelten die beiden Männer sich die Hand. De Guise zog sein Schwert und gab es einem der Milizionäre. Dann schritt er an Filomarino vorbei zum Altar.
Seine Soldaten, die hinter ihm die Kirche betreten hatten, folgten ihm einer nach dem anderen. Filomarino begrüßte jeden einzelnen von ihnen mit Handschlag, nachdem sie gleichfalls seinen Ring geküsst hatten.
„Verräter!“, zischte Dario.
Mirella wandte sich überrascht zu ihm um.
„Sie scheinen sich gut zu kennen.“
Enzo legte ihm die Hand auf den Arm. „Filomarino hat ihn sicher gestern schon empfangen.“
Einer der jungen Soldaten ging so dicht an Mirella vorbei, dass er sie mit seinem angewinkelten Ellenbogen streifte. Dieser hatte sein Schwert nicht abgelegt, sondern umklammerte den Griff, als sei er bereit, es jeden Moment zu ziehen. Also trauten sie den Neapolitanern nicht. Dario hinter ihr knurrte aufgebracht. Sie drehte sich zu ihm um, kreuzte seinen finsteren Blick . Vielleicht hatten sie so unrecht nicht.
Der junge Soldat ging die Stufen zum Altar hoch und stellte sich neben den Herzog. Immer noch die Hand am Schwert.
Die anderen Männer des Gefolges setzten sich auf die vorderen Kirchenbänke, die der Küster freigehalten hatte. Filomarino begann die Messe zu lesen.
Mirella kniete sich zum Schuldbekenntnis. Da lehnte sich Stefanie zurück. „Adrett sieht er aus, der Herzog.“
„Nicht nur der“, flüsterte Mirella, die Augen auf den Mann neben dem Herzog gerichtet.
Stefania folgte ihrem Blick. „Der gefällt dir? Der ist höchstens zwanzig; bestimmt ein Grünschnabel. Ein Milchbart.“
„Er hat doch gar keinen!“ Mirella unterdrückte das Glucksen in ihrer Kehle. „Der Herzog ist schon verheiratet.“
„Seine Ehe ist gerade annulliert worden.“
Mirella prustete los, was ihr von Enzo einen heftigen Stoß in den Rücken einbrachte und von der Marchesa d’Oliveto einen zornigen Blick. Aber im weiteren Verlauf der Messe hörte sie dennoch kaum zu; sie hätte hinterher nicht zu sagen vermocht, worüber der Kardinal gepredigt hatte. Den Augenblick zur Kommunion hätte sie auch verpasst, wenn Enzo sie nicht aus der Kirchenbank geschoben hätte.
Mirella konzentrierte sich und sprach das vorgeschriebene Amen. Dann ging ihr Blick wieder zu dem jungen Soldaten an der Seite des Herzogs. Er hatte den Blick auf die Menge gerichtet, seine Augen schienen wachsam hin und her zu gehen. Dass sein spärlicher Bart kaum den unteren Teil seiner Wangen bedeckte, ließ ihn tatsächlich sehr jung erscheinen; höchstens Mitte Zwanzig. Nein; er war gewiss jünger als Dario. Aber er trug zwei Ordenssterne. Und schien die persönliche Wache des Herzogs zu sein.
Dann war die Messe zu Ende.
De Guise stand auf und trat an den Rand des Altarraums. Er schien den Blick jedes einzelnen einfangen zu wollen, so lange stand er regungslos da.
Einer der Messdiener brachte eine schwere Bibel aus der Sakristei, deren lederner Einband mit Gold beschlagen war. Kardinal Filomarino nahm sie ihm ab und ging zum Herzog.
De Guise legte die Hand auf die Bibel und sprach den Schwur der Dogen Neapels. Seine schöne volle Stimme füllte ohne Mühe das ganze Kirchenschiff. Er sprach das Neapolitanisch mit einem schweren Akzent, aber er kam keinen Augenblick ins Stocken; vermutlich hatte er die Worte auswendig gelernt.. Dann kniete er sich vor dem Kardinal auf eine mit rotem Samt beschlagene Bank.
Filomarino nahm aus der Hand eines zweiten Priesters die Königskrone von Neapel und setzte sie dem Herzog auf. Dann trat er einen Schritt zurück und hob die Hände, um ihn zu segnen. Aber bevor er dazu kam, stand de Guise auf und wandte sich wieder der Menge zu.
„Ich danke Euch für die Ehre, mir den Schutz Eurer jungen Republik anzuvertrauen. Ich gelobe, sie bis zum letzten Atemzug zu verteidigen und die Rechte eines jeden Bürgers zu achten und zu bewahren.“
„So sieht er aus!“ Dario stieß ein unwilliges Grunzen aus und erhob sich halb von seinem Platz. „Geck!“
„Du hast Vorurteile!“ Enzo hielt ihn fest. „Warte es doch erst einmal ab.“
„Dafür ist keine Zeit.“ Dario hatte seine Stimme erhoben und mehrere Leute drehten sich zu ihnen um.
„Still!“, zischte der Marchese d’Oliveto von vorne.
Dario schnaufte noch einmal voller Empörung; dann setzte er sich wieder hin.
Gennaro Annese stieg die Stufen zum Altar hoch, auf einem schwarzen Samtkissen eine überdimensionale Kopie des Stadtschlüssels.
Er ließ sich vor de Guise auf ein Knie nieder. „Seigneur, im Namen des Rats überreiche ich Euch den Schlüssel der Stadt, die der Mittelpunkt des Königreichs Neapel ist.“ Aber er stand wieder auf, bevor er ihm den Schlüssel hinhielt. Filomarinos Bewegung, mit der er Annese auf den Knien halten wollte, kam zu spät.
Dann verließen die französischen Soldaten ihre Plätze und stellten sich zu beiden Seiten des Gangs auf, bevor de Guise, immer noch die Krone auf dem Kopf, die Kathedrale verließ.
Die Soldaten hielten die Kirchenbesucher zurück, die ihre Bänke verlassen wollten, während der neue Doge noch auf den Stufen vor der Kathedrale stand. Er sprach zu den Menschen, die draußen geblieben waren. Seine Worte mussten ihnen gefallen, denn er wurde immer wieder von Beifall unterbrochen.
„Sie werden sich noch wundern“, fauchte Dario.
„Mäßige dich!“ Enzo klang zornig. Wie oft hatte er an diesem Morgen schon eingegriffen, um Dario im Zaum zu halten?
Mirella drehte sich zu den beiden um. „Dario, du bist ein Miesepeter. Was soll er denn anstellen können mit seinen paar Männern?“
Die Soldaten verließen endlich die Kathedrale und die Kirchenbesucher folgten ihnen nach draußen.
Auch Mirella wandte sich zum Hauptportal, aber Enzo hielt sie auf. „Fabrizio wartet in der Nebenstraße.“
„Dort sehe ich aber nichts mehr.“
Enzo schob sie zum Seiteneingang. „Wenn dir so viel daran liegt, dann nehme ich dich mit, wenn ich in den Palazzo Reale fahre.“
Die Kutsche des Kardinals rollte an ihnen vorbei; neben Filomarino saß de Guise mit angespanntem Gesicht. Sie wurden von Reitern der Stadtmiliz flankiert. Anschließend folgte der neue Prinz von Massa, danach die Männer des Herzogs.
„Wo haben sie eigentlich die Pferde her? Ich dachte, sie sind mit einer Schaluppe gekommen.“
„Rate, wessen Pferde das sind.“ Dario schnaubte verächtlich.
Mirellas Blick traf sich mit dem des jungen Soldaten. Ihr wurde warm, bestimmt errötete sie.
Stefania tauchte mit ihren Eltern hinter ihr auf. „Vater sagt, Filomarino hat für heute Abend eingeladen, damit der neue Doge die Adligen und Patrizier der Stadt kennen lernt. Kommt ihr auch?“
„Nein!“, sagte Dario.
„Ich hoffe es.“ Mirella sah ihren Vater an. „Haben wir denn eine Einladung?“
„Sicher. Und wir werden hingehen. Auch du, Dario.“
„Es wird todlangweilig“, sagte die Marchesa. „Man wird über Krieg und Geschäfte reden und wir Frauen dürfen die Tafel zieren. Und vielleicht uns endlich wieder satt essen.“ Sie fächelte schwungvoll vor ihrem Gesicht herum. „Aber das sind die neuen Herren.“
„Sie schützen uns vor den Spaniern, meine Liebe.“
„Pah!“ Die Marchesa rauschte davon.  

 
Zehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 
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 Leseproben aus den vorhergehenden Kapiteln als Sonntags-Sample der vorangegangen Wochen.

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