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4.3.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... Zwölftes Kapitel ...

Albert führte sie im ersten Stock in einen Raum mit einem breiten Kamin, in dem ein mächtiges Feuer seine Wärme verbreitete. Im Halbkreis davor standen drei wuchtige Stühle mit gepolsterten Lehnen; auf einem niedrigen Tisch daneben Obst und Teegeschirr.
Er nahm sich einen Apfel und rieb ihn an seinem Ärmel ab. „Ich überlasse Euch der Gesellschaft des Marquis de Montmorency.“
Mirella streckte die kalten Hände dem Feuer entgegen. „Ist das der, der alles weiß?“
Hinter ihr erklang ein leises Lachen. Sie fuhr herum. Der Marquis de Montmorency war durch eine andere Tür hereingekommen und schloss diese soeben. Wie peinlich, dass er ihre vorwitzige Bemerkung gehört hatte.
„Ihr habt eine interessante Meinung von mir, Signorina. Aber Ihr irrt Euch.“ Er wechselte ins Italienische, um Matteo zu begrüßen, und bewies gleich darauf, dass sie doch recht hatte. „Er ist der Schneider. Der Herzog ist begierig auf Seine Entwürfe. – Und wir Soldaten auch.“
Kurz darauf hallte ein schneller Schritt auf dem Marmor des Flurs. Die Wache öffnete die Tür. Im Eintreten löste de Guise die Schärpe um seine Taille, die das Schwert hielt. Der Marquis nahm beides entgegen und legte es auf eine Kommode.
De Guise rollte die Schultern. „Keine Förmlichkeiten bitte. Alexandre, leiste der Signorina Gesellschaft, während wir unseren Geschäften nachgehen.“ Er lächelte. „Bevor ich mich  entscheide, lasse ich dich die Entwürfe sehen.“ Er bat die Männer mit einer Handbewegung, ihm zu folgen, und ging zu der Tür, durch die zuvor Alexandre hereingekommen war.
Enzo ging an der Seite des Herzogs, der ihn um Haupteslänge überragte. Matteo stolperte vor Aufregung schier über seine eigenen Füße, als er ihnen folgte. Kaum durch die Tür zog er schon die Entwürfe aus seiner Tasche und ließ tatsächlich einen Teil fallen.
Mirella schmunzelte über den Alten. „Er ist einer der besten Schneider von Neapel. Aber dies wird vermutlich der größte Auftrag seines Lebens.“
„So hat er keine Manufaktur. Er wird viele Leute brauchen, um die Arbeit zu schaffen.“
Mirella suchte nach einer Entgegnung, die nicht zu dämlich klänge. Am besten eine Frage. „Woher kommen die Soldaten des Herzogs?“
„Wir werben sie an. Der Comte der Modène hat mehrere tausend Mann auszurüsten.“
„Die Neapolitaner kämpfen mit allem, was sie haben. Man braucht sie nicht anzuwerben.“
Alexandre nickte. „Sie kämpfen für ihre Freiheit. Aber Sold brauchen sie trotzdem.“
„Und Ihr?“ Das war schon wieder vorwitzig. Aber nun hatte sie es angefangen; nun konnte sie den Satz auch zu Ende bringen. „Warum seid Ihr bereit, für Neapel Euer Leben zu wagen?“
Alexandres graue Augen wurden dunkler. „Die Neapolitaner sind ein tapferes Volk. Ihr habt verdient, diesen Kampf zu gewinnen.“
Das beantwortete ihre Frage mitnichten, aber sie zu wiederholen, scheute sie sich nun doch. Hatte sie an etwas gerührt, was sie besser nicht angesprochen hätte? Jemand müsste ihn trösten können; er war so viel jünger als Dario.
Befangen starrte sie ins Feuer. „Man sollte bald nachlegen lassen. Die Nächte können bitterkalt werden zu dieser Zeit.“
„Sicher nicht so kalt wie bei uns. Schneit es hier jemals?“
„Kaum. Manchmal.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wo ist das, bei Euch?“ Nun hatte sie endlich ein harmloses Thema gefunden.
„Eigentlich der Languedoc. Aber ich bin in der Champagne aufgewachsen. Kennt Ihr Euch aus in der Geografie von Mitteleuropa?“
Unwillkürlich reckte sie das Kinn. „Natürlich. Ich kann lesen und schreiben und bin in einer Klosterschule erzogen worden.“
Noch während sie sprach, zog er die Augenbrauen hoch. „Es war nicht meine Absicht, Euch zu beleidigen.“
„Aber nicht doch.“ Sie geriet in Eifer. „Wie könntet Ihr wissen, was in den Klöstern Neapels gelehrt wird.“ Als ihr auffiel, dass sie ihn gerade vor sich selber verteidigte, wurde sie sofort wieder verlegen. Wieso brachte er sie so aus der Fassung? Sie wusste doch sonst mit jedem Mann umzugehen. „Die Champagne, das ist Grenzland, nicht wahr?“
„Sie ist gesäumt von Burgen und in zahllose kleine Domänen aufgeteilt.“
„Sind sie sich genauso uneins wie die unseren?“ Sie wagte wieder, ihn anzuschauen.
Er schmunzelte und in seinem rechten Mundwinkel stand ein Grübchen. „Ihr versteht etwas von Politik? Ich bin ehrlich beeindruckt. Es gibt wenige Frauen, die sich dafür interessieren.“ Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. „Zuweilen nicht einmal die, die es müssten.“
„Mamma verbietet selbst Vater, beim Essen über Politik zu reden. Und Dario verachtet Politik.“
„Woher kommt dann Euer Wissen?“
Sie hob die Schultern. „Trotz aller Verachtung – vielleicht deshalb sogar – hat Dario mir immer alles erklärt.“
„Euer Vater macht auch Politik.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür, hinter der die Männer verschwunden waren. „Sonst wäre er diesen Handel nicht eingegangen.“
„O nein! Er ist Kaufmann. Dieser Vertrag hilft der Familie, neu anzufangen.“ Sie blinzelte, um zu vermeiden, dass ihr die Tränen kamen, aber vergeblich. Sie wischte mit den Handrücken über die Augen. „Der Kamin qualmt.“
Alexandre zog kaum merklich die linke Augenbraue hoch. Das war grob unhöflich, ihr so offen seinen Unglauben zu zeigen.
Sie bemühte sich dennoch, freundlich zu antworten. „Während der Revolte ist unser Lagerhaus abgebrannt worden.“
„Obwohl er auf Seiten der Aufständischen stand?“ Das wusste er auch? Vielleicht hatte Enzo deshalb von de Guise den Auftrag bekommen.
„Der Aufstand hat sich gegen die Steuern gerichtet. Der Brand hatte nichts damit zu tun.“
Alexandre nickte. „Jemand hat die Unruhen ausgenutzt.“
Was sollte sie darauf antworten? Der Chevalier de Grignoire hatte gesagt, der Herzog wolle wissen, was die Neapolitaner bewegt. „Die gabelle waren nicht die einzigen Probleme. Aber nur sie wären gelöst worden mit der Anerkennung der alten Privilegien.“
Wieder nickte er. „Ihr versteht tatsächlich etwas davon.“
Mirella schluckte nervös. „Ich bin nur ein Mädchen.“ So sehr sie gewohnt war, bewundert zu werden – Anerkennung dieser Art war ihr fremd. Alexandre schüchterte sie ein.
„Ihr seid zu bescheiden. In Frankreich gibt es viele Frauen, die durch klaren Verstand bestechen.“ Ein Schatten ging über sein Gesicht. „Hierzulande scheint man es weniger zu schätzen.“
„Ich weiß nicht.“ Sie dachte an Dario. „Mein Bruder nimmt mich schon ernst.“
„Ihr habt mit ihm die Tammuriata getanzt. Ihr habt sehr schön ausgesehen.“
Gott sei Dank, das war die Art von Kompliment, mit der sie sich auskannte. Sie neigte den Kopf, damit der Schein des Feuers ihre feine Nase deutlicher modellierte, und hob einen Moment später ihren Fächer vors Gesicht. „Jede Frau sieht schön aus, wenn sie die Tammuriata tanzt.“ Er war bei de Guise aufgewachsen, also sollte er das Spiel der Höflinge wohl beherrschen.
Doch er enttäuschte sie. „Mag sein“, war seine lakonische Antwort. Wieder verdüsterte sich sein Blick; das hatte sie nicht gewollt.
Hielt er sie jetzt für kokett oder gar leichtfertig? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob sie ihn langweile. „Wo habt Ihr Italienisch gelernt?“
„Ihr seid neugierig!“
Damit hatte er ihren Trotz herausgefordert. Sie senkte den Fächer und sah ihm unverfroren und ohne jedes Lächeln ins Gesicht.
Er schmunzelte. „So gefallt Ihr mir mehr.“
Sie biss sich auf die Lippen, um nicht kokett „Als?“ zu fragen.
Alexandre stand auf und legte Holz aus einem großen Korb nach, der neben dem Kamin stand. So sinnvoll es auch sein mochte, er tat es jetzt gewiss, weil er nicht wusste, was er sonst tun oder sagen sollte. Er hatte entschieden nichts von einem Höfling an sich.
Das Holz knisterte, als es Feuer fing.
„Möchtet Ihr etwas trinken?“ Alexandre deutete zum Tisch.
Er schenkte selber ein, als sei er ein Ordonnanz-Offizier, und brachte ihr die Tasse. Seine Hand streifte die ihre, als er sie ihr reichte. Unwillkürlich blieb ihr Blick darauf haften.
„Seid Ihr ein guter Cembalospieler?“
„Wie kommt Ihr darauf?“
„Eure Finger ....“ Seit wann machte eine Frau einem Mann Komplimente? Was war sie doch für ein Kind.
Seine Hand umfasste das Schwert. Er lachte verhalten; das gleiche warme Lachen wie zuvor, als er eingetreten war. Eine merkwürdige Wärme breitete sich in ihr aus. „Ich bin Soldat.“
„Aber es ist doch nicht immer Krieg.“
Wieder der Schatten in seinen Augen; nun hatte sie ihn gewiss wieder traurig gemacht. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine Zeit ohne Krieg gegeben hätte.“
„Dann müsstet Ihr hier leben.“ Erleichtert atmete sie auf; nun war sie wieder auf vertrautem Terrain. „Bis jetzt ... Bis zu diesem Sommer war hier Frieden. Die alten Zerstörungen, die Ihr in Neapel seht, stammen von dem großen Erdbeben. Und außerhalb der Stadt vom Vesuv.“
„Das ist gefährlicher als ein Krieg. Vor den Gewalten der Natur kann man sich nicht verteidigen.“
„Der Berg meldet sich rechtzeitig. Meine Eltern und Dario sind vor den Aschewolken geflohen; hinunter ans Meer nach Pozzuoli. Es ist sechzehn Jahre her, dass der Vesuv das letzte Mal erwachte. Seither sieht der Berg so abgesägt aus.“ Sie blickte sich nach einem Platz für ihre Tasse um. Als sie Anstalten machte, sie auf die Erde zu stellen, nahm er sie ihr ab. Sie war sicher, dass er sie dieses Mal absichtlich berührte.
Während er die Tasse auf den Tisch stellte, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Der Oberrock rutschte höher und eine Schuhspitze ragte darunter hervor. Sie dachte nicht daran, sie zurückzuziehen. „Werdet Ihr mit dem Herzog in Neapel bleiben?“
„Ihr seid wirklich neugierig.“ Er schmunzelte. Dieses Mal klang es nicht nach einer Abfuhr und sie verzieh ihm.
Er läutete nach einem Diener.
Auch dieser Lakai hatte schon im Dienst des Vizekönigs gestanden. Edoardo zündete die Kandelaber an, die an den Wänden hingen und auf den Kommoden standen.
Alexandre beobachtete ihn dabei, genauso wie sie es selber tat. Müsste er nicht gelernt haben, in jeder Situation gewandt aufzutreten? Felipe würde nicht schweigend herumsitzen. Jedenfalls hatte er das in ihrer Gesellschaft nie getan; er hatte immer eine Anekdote zu erzählen gehabt oder einen Scherz gewusst. Während sie Alexandre anblickte, konnte sie sich plötzlich nicht mehr richtig an Felipes Gesicht erinnern.
„Soll Edoardo Ihr etwas bringen?“ Erstaunlich, wie umstandslos er wieder ins Italienische wechselte.
„Signor Marquis, Seine Exzellenz hat soeben Abendessen für seine Gäste befohlen. Sie werden wohl noch lange ... Wenn Er der Signorina die Zeit vertreiben will ... Signorina Scandore ist eine vorzügliche Billard-Spielerin.“ Edoardo senkte den Blick. „Verzeih Sie mir, Signorina, wenn ich etwas Falsches gesagt habe.“
„Wo kann man in diesem Schloss Billard spielen?“
Mirella sprang auf. „Ich zeige es Ihm, wenn Er möchte.“
Alexandre lachte sein warmes Lachen. Es veränderte ihn völlig. Wie er als Junge gewesen sein mochte? Vor der Hinrichtung seines Vaters?
Er nahm einen der großen Kandelaber und wandte sich an Edoardo. „Er sage uns Bescheid, wenn gegessen wird.“
Edoardo öffnete ihnen die Tür und Mirella deutete zur Treppe. Aber nach zwei Schritten blieb sie zögernd stehen. „Ich fürchte, man hat dort nicht geheizt.“ Eben war sie auch schon mit ihm allein gewesen; aber das Vorzimmer des Dogen war kein abgelegener Billard-Saal in einem halb verwaisten Schloss.


Zwölftes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 

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  Leseproben aus den vorhergehenden Kapiteln als Sonntags-Sample der vorangegangen Wochen.

Zum historischen Hintergrund gibt es  Informationen auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.

19.2.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... Zwanzigstes Kapitel ...

Die Kaverne öffnete sich zu einem großen ovalen Raum. die Seitenwand rechts von ihr schwang sich in zwei großen Absätzen hinauf zur Decke. An der zweiten Stufe hatte Cesare sie angehalten. Hier hing die Decke noch eine Hand breit über ihrem Kopf, aber drei Schritte weiter reichte sie bis in ihren Nacken hinunter. Direkt an der Wand standen Pulverfässer in zwei Reihen hintereinander.
Mirella bückte sich und ging näher, um zu zählen.
„Zwölf!“
Sie wandte sich nach Cesare um und hob dabei prompt zu sehr den  Kopf. Sand rieselte ihr in die Haare und ins Gesicht.
Vorsichtiger geworden trat sie weiter zurück und sah sich um, so weit das Licht es zuließ. „Es gibt nichts als diese Fässer.“
„Sie werden die Zündschnüre mitbringen, damit sie gewiss trocken sind.“
„Wir wissen nicht sicher, dass in den Fässern Pulver ist.“
Ungeduldig hieb er mit der Fackel durch die Luft; sodass der Zug sie fast zum Erlöschen brachte. „Was wird einer hier lagern? Gesalzenen Fisch?“
„Du hast Recht! Ich will es immer noch nicht wahr haben.“
Langsam kam er ihr entgegen. „Sie muss den Dogen warnen. Allerdings ...“
„Ich werde den Weg nicht finden. Du musst die Franzosen hierher führen.“
„Ich zeige Ihr, wie man von hier in die Krypta gelangt; Sie muss sich nur diesen Zugang merken.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie ans andere Ende des Raums.
In einer Nische hing eine schmale Strickleiter. „Sieht Sie jetzt, warum die Fässer über den langen Weg gekommen sind. Und warum dieser Ort perfekt ist?“
Sie reckte den Hals, aber sie konnte das Ende der Strickleiter im Dunkel der Höhe nicht erkennen. „Müssen wir dort hoch?“ Sie schluckte nervös.
„Ich halte die Leiter fest, bis sie oben angekommen ist.“
„Was ist dort oben?“ Ein eisiger Schauer überlief sie.
„Wir befinden uns unter der Krypta.“
Mirella zögerte. „Gibt es keinen anderen Weg?“
„Doch. Selbstverständlich.“
„Dann .... Wenn dort oben jemand ist ..“
Cesare rieb sich über die Stirn. „Freilich ... Aber ich bezweifle, dass sie von einer anderen Stelle aus die Soldaten führen kann.“
„Dann muss er das tun.“ Sie würde keinesfalls diese Strickleiter hoch steigen. „Er kann mir diesen Zugang morgen von außen zeigen. Oder den Franzosen.“
Cesare blickte nach oben, dann sah er sie wieder an. „Über diese Leiter wären wir sehr viel schneller draußen. Sie wird sich erkälten, wenn wir noch lange hier unten bleiben.“
Automatisch blickte sie an sich herab. Ihre Zehen fühlte sie fast nicht mehr und ihre Waden waren eisig. Cesare hatte gewiss recht. „Dann sollten wir nicht länger hier stehen bleiben.“
Cesare langte nach der Strickleiter und straffte sie. „Bitte, Signorina.”
Miralla stampfte mit dem Fuß auf. „Doch nicht hier!“
Seufzend ließ Cesare die Leiter los und griff nach ihrer Hand. Aber er führte sie nicht fort. „Wir können nicht an jeder beliebigen Stelle nach oben. Weiß Sie, zu wem die jeweiligen Bewohner halten?“
„Er wird es gewiss wissen.“ Ihr war maulig zumute, sie hatte zunehmend Lust, mit ihm zu streiten.
Da führte er sie endlich zurück an den Eingang der Kaverne. „Ein paar Schritte von hier führt ein Gang in den Hof eines Fischhändlers. Von dort kommen wir leicht ins Freie, selbst wenn man uns entdeckt.“
Erleichtert schlug sie neben ihm den angezeigten Weg ein. „Was fürchtest du?“
„Ich bin mir nicht sicher ... Wenn die Verräter zu früh davon erfahren, dass ihr Plan aufgedeckt ist, könnten sie ihn ändern. Aufgeben werden sie ihn gewiss nicht.“
„Also dürfen sie keine Zeit mehr haben, ihn zu ändern. Ich gehe gleich in der Früh zum Chevalier de Grignoire. Er wird Rat wissen.“ Lieber ginge sie zu Alexandre – aber sie würde nicht verbergen können, was sie trieb.
Sie gähnte; dies ließ sich an wie eine weitere Nacht, in der sie nicht zum Schlafen käme.
Sie betraten die Abzweigung. Von irgendwo kam ein plötzlicher Luftzug, der sie erschauern ließ. Se wickelte den Umhang fester um sich.
Gleich darauf drückte Cesare sie plötzlich an die Wand und löschte die Fackel. „Ganz still!“
Leise raschelte es in ihrer Nähe; das musste eine Ratte oder ein anderes kleines Tier sein. Sand knirschte unter Mirellas Fuß, als sie sich bequemer hinstellte. Es kam ihr vor, als warteten sie endlos – worauf eigentlich?
„Was ist?“, hauchte sie schließlich in Cesares Ohr. Er legte ihr die Hand auf den Mund.
Ergeben seufzte sie. Nun spürte sie ihre Zehen überhaupt nicht mehr und die von Nässe vollgesogenen Schuhe hingen schwer an ihren Füßen. Aber ihre Augen gewöhnten sich wieder an die Finsternis und sie konnte die hellere Wand, an der sie lehnte, von dem finsteren Loch des Tunnels selbst unterschieden. Nur zur Decke reichte ihr Blick noch nicht.
Schließlich tippte Cesare ihr auf die Schulter. „Vorsichtig!“
Cesare blieb nach jedem Schritt stehen und setzte die Füße nahezu geräuschlos. Mirella versuchte, es ihm gleich zu tun, obwohl sie ihn am liebsten ungeduldig vorwärts gedrängt hätte. Außer ihnen und den Tieren gab es hier doch niemanden. Mirella klapperte anfallsweise mit den Zähnen. Der Versuch, es zu unterdrücken, ließ ihre Kinngelenke schmerzen. Um sich abzulenken, begann sie ihre Schritte zu zählen.
Als sie bei fünfhundertvierundsechzig angekommen war, blieb Cesare erneut stehen. Er drehte sich um und tastete nach ihrer Hand. „Stufen. Zehn hinab, dann ein paar Schritte nach links; dann geht es nach oben. Sei Sie um Himmels Willen leise.“
Die freie Hand gegen die Wand gestützt, tastete sich Mirella von Stufe zu Stufe. Die unteren waren feucht und schmierig. Auf einer rutschte sie aus, aber Cesare hielt sie sicher und fing ihren Sturz auf. Einen Moment hielt er sie in seinen Armen und drückte sein Gesicht gegen ihre Stirn. „Wir haben es gleich geschafft.“
Eine Stufe tiefer trat sie in Wasser. Es war erst die achte. Bei der nächsten würde es ihr wieder in die Schuhe laufen. „Können wir nicht schneller gehen?“
Cesare zog sie dichter an sich heran, sodass sie gezwungen war, sich seinem Tempo zu fügen. „Wenn Sie stürzt, sind nicht nur die Füße nass.“ Aber als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, lief er schneller.
Das Wasser reichte ihr bis zur Wade; zu spät hatte sie den Saum der Röcke in den Gürtel gesteckt. Nun schlug der nasse Stoff um ihre Beine.
Die Treppe nach oben war bedeutend länger als die andere. Anfangs zählte sie die Stufen. Aber bei der elften oder zwölften verzählte sie sich; und dann stützte sie sich nur noch schwer auf Cesares Arm und wartete darauf, am Ausstieg anzukommen.
Auch Cesare musste die Stufen gezählt haben, denn er stoppte sie, als ihr Kopf nur Zentimeter unter einer Decke war. Wieder drückte er sie an die Wand und legte ihr die Hand auf den Mund.
Sie streckte einen Arm aus nach dieser Decke über sich. Es war ein wärmeres Material als die Wände – eine Falltür wohl. Und wenn dort etwas darauf stünde?
Gedämpft drang das Bellen eines Hundes zu ihnen; dann war es wieder still.
Cesare wartete wieder eine Weile; dann drückte er vorsichtig gegen die Falltür. Geräuschlos öffnete sie sich einen Spalt und das graue Licht der Nacht wirkte geradezu hell nach der Dunkelheit der Kaverne.
Cesare wartete regungslos und Mirella reckte lauschend den Kopf. Er trat eine Stufe höher und schob die Falltür zur Hälfte auf. Vorsichtig blickte er über die Kante, dann streckte er die Hand nach ihr aus.
Mirella stieß sich von der Wand ab und stieg hoch, während Cesare die Falltür festhielt.
Sie befanden sich in einem umfriedeten Hof; der Ausstieg direkt neben einem Schuppen. Bis zum Haus waren es an die zwanzig Schritte. Dort brannte kein Licht; aber der Karren in der Mitte des Hofs würde sie sowieso den Blicken der Bewohner entziehen.
Eine Katze kam maunzend auf sie zu. Reflexhaft streckte Mirella ihre Hand aus, um sie zu streicheln. Da sprang die Katze sie mit einem wütenden Fauchen an. Entsetzt wich Mirella einen Schritt zurück und stürzte gegen Cesare.
Er ließ die Tür los, um Mirella aufzufangen. Mit einem lauten Knall schlug sie zu. Cesare gelang es, sich an der Wand abzufangen und den Sturz zu bremsen.
Der Hund begann zu kläffen.
„Verdammt!“
„Die Katze!“ Mirella schluchzte. „Sie hat mich angefallen.“
„Weg hier.“ Cesare schlug die Falltür auf, ohne sich weiter um den Lärm zu kümmern, den sie dabei machten.
Im Haus leuchtete eine Lampe auf; das Licht bewegte sich.
Er zeigte zur Mauer neben dem Schuppen. „Dorthin!“
Mirella raffte ihre nassen Röcke und lief los.
„Wer ist da?“ Der Männerstimme folgten Schritte von der Haustreppe; die Schritte mehrerer Menschen.
Mirella erreichte die Mauer. Die Kante war fast eine Kopflänge über ihr. Sie griff mit beiden Händen danach und versuchte, sich mit einem Klimmzug hochzuziehen. Doch sie konnte sich nicht halten; sie war viel zu müde und steif gefroren. Ihre Knie schürften sich an der Mauer auf, als sie abrutschte. Sie müsste es mit einem Anlauf versuchen, aber dazu hatte sie nicht mehr die Kraft.
Sie blickte zurück. Cesare war dicht hinter ihr; drei Männer liefen brüllend und mit Messern fuchtelnd auf sie zu.
Cesare erreichte sie und hielt ihr halb gebückt die gefalteten Hände für eine Räuberleiter hin. „Schnell!“
Sie stieg mit einem Fuß auf seine Hände und klammerte sich an der Mauerkrone fest. Er schob sie hoch und half ihr, ganz auf die Mauer zu steigen.
Sie sprang hinunter in die dunkle Gasse.
Cesares Gesicht erschien über der Mauer.
„Bleib hier, Bursche!“
Cesare schien nach jemandem zu treten; dann stöhnte er auf. Mirella griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Sie zog und Cesare kam auf der Mauer zu liegen.
Eine Hand streckte er abwehrend in Richtung Hof; dann krümmte er sich stöhnend und ließ sich zu Mirella hinunterfallen.
Hinter der Mauer fluchte ein Mann.
Mirella starrte schreckensstarr auf ihn; dann bückte sie sich. „Bist du verletzt?“
Es war zu dunkel, um ihn genauer anzuschauen. Und keine Zeit. Sie half ihm auf die Beine.
Cesare keuchte. „Weg hier!“ Er taumelte vorwärts und presste eine Hand in die rechte Seite. „Da entlang!“
Mirella packte ihn unter einer Achsel, um ihn zu stützen, und er legte seinen Arm über ihre Schulter.
„Wo sind wir?“
Vicolo dei fasoi.“ Er lenkte sie in eine noch schmalere Gasse, in der sie kaum nebeneinander Platz zum Gehen hatten.
Am Ende der Gasse blieb Mirella stehen. „Wie kommen wir nach Hause?“
„Zu Fuß.“ Cesare stieß die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Wir müssen etwas mit deiner Wunde machen.“
„Es war bloß ein Messer; es wird schon gehen.“
Mirella zog seine Hand von der Hüfte. Was da dunkel auf ihren Fingern schimmerte, war Blut. Sie zerrte an seinem Hemd; aber bevor sie es aus der Hose gezogen hatte, hielt er sie fest.
„Das hat Zeit!“
Sie bezweifelte es, aber es war sicher gut, den langen Weg in Etappen zurückzulegen.
Von Santa Carmine schlug es zwei, als sie auf die Piazza dell’Egidio heraustraten. Hier war die Nacht weniger dunkel und Mirella blieb stehen.
„Jetzt sind wir weit genug, dass ich deine Wunde verbinde.“ Sie streifte einen ihrer Unterröcke ab. Das nasse Ende wrang sie aus und dann wickelte sie den trockenen Teil als Druckverband fest um Cesares Taille und verknotete ihn.
Er knurrte, aber ließ es sich gefallen.
Eine halbe Stunde später ließ sie sich erschöpft auf die Stufen zur Basilica del San Piero fallen. „Mir ist kalt und ich bin müde. So kommen wir nie nach Hause.“
„Mir wäre eine Patrouille sehr gelegen, auch wenn sie uns einsperren täten.“
Sie legte den Kopf auf ihre Knie. „Was erzählen wir ihnen? Wir müssten beide dasselbe aussagen.“
„Dass wir von Verrätern angegriffen wurden, als wir sie entdeckt haben.“
„Was für Verräter?“ Sie seufzte.
„Das kommt darauf an, ob es eine Patrouille Anneses ist oder des Dogen.“
„Cesare, wie alt bist du eigentlich?“
Cesare räusperte sich. „Im April werde ich siebzehn. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie unser Doge.“
Eine Uhr schlug Drei. „Lass uns weitergehen. Es dauert mindestens noch eine Stunde, bis die ersten Fischer unterwegs sind.“
„Niemand geht mehr fischen in diesen Tagen.“ Mirella seufzte.
„Und woher kommen die Fische auf dem Markt? Ein paar Männer haben ihre Boote in den Häfen von Marechiaro und Torre del Greco liegen; die machen sich um diese Zeit auf den Weg.“
Mirella schmunzelte unwillkürlich. „Cesare, mir scheint, auch du nimmst es mit der Ausgangssperre nicht so genau.“
Sie strich den Überrock glatt und erhob sich. „Gehen wir ein Stück weiter.“
Cesare zog sich mit ihrer Hilfe hoch; dann hakte sie ihn wieder unter und sie gingen langsam an den Häusern entlang ans gegenüber liegende Ende der Piazza.
Als sie eben die Straße überqueren wollten, klang hinter ihnen das Rattern von Rädern. Sie drückten sich in den Schatten eines Hauseingangs.
Ein kleiner Karren ohne Lampe, vor den ein Esel gespannt war, rollte langsam über die Piazza auf sie zu. Eine schmale Gestalt mit breitkrempigem Hut zeichnete sich gegen den Himmel ab; sie schien direkt auf dem Karren zu sitzen.
„Der ist bestimmt harmlos.“ Sie ließ Cesare los und trat ein paar Schritte auf die Piazza. „Signore!“ Sie griff nach ihren Röcken und hielt sie so weit ausgebreitet, dass ihre Silhouette sie unzweideutig als Frau zeigte.
Der Karren rollte weiter.
„Signore.“ Mirella winkte und lief ihm entgegen. „Bitte; er helfe uns.“
Der Karren hielt, kurz bevor Mirella ihn erreichte. Die Gestalt zog den Hut vom Kopf und helles langes Haar fiel auf ihre Schultern. Ein junges Gesicht blickte ihr entgegen, wohl noch jünger als sie selbst.
Mirella trat an den Esel und griff nach dem Leinenzeug. „Signorina, wir sind in einen Hinterhalt geraten. Mein Lakai konnte mich verteidigen; aber nun wird er sterben, wenn er nicht bald in die Hände eines Arztes kommt.“
Das Mädchen musterte sie von oben bis unten. „Wie kommt es, dass Sie zu Fuß unterwegs ist?“
„Das Kutschpferd ist tot.“ Sie würde sich nicht wundern, wenn das Mädchen ihr nicht glaubte. Sie täte es auch nicht; aber was sonst sollte sie sagen? „Es soll nicht Ihr Nachteil sein, wenn Sie uns nach Hause bringt.“
„Sehe ich aus, als ließe ich mich bezahlen?“
Mirella senkte den Blick. „Ich wollte Sie nicht kränken!“
„Und wo hat Sie Ihren Diener gelassen?“
Eingeschüchtert wies sie zur Straßeneinmündung.
„So bring Sie ihn hinaus auf die Piazza. Ich will sehen, dass es keine Falle ist.“


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12.2.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... Sechzehntes Kapitel ...

25. Dezember 1647
„Je weniger Leute davon wissen, desto mehr Spielraum bleibt“, hatte der Comte de Modène gesagt, als er Enzo die Genehmigung für Mirellas Besuch in Torrione übergab. Darum fuhr Enzo jetzt die Kutsche selbst.
Neben Mirella saß Rita. Sie hatte darauf bestanden mitzukommen und brachte Mirella jetzt an den Rand des Wahnsinns mit ihrem Gejammer.
„Mamma, so hör Sie endlich auf! Ich kann ja gar nicht nachdenken!“
„Wie sprichst du mit mir?“ Rita blitzte sie zornig an. „Du hast die ganze Zeit mit Dario unter einer Decke gesteckt!“
Mirella schloss die Augen. „Mamma! Bitte!“
Rita schwieg schließlich. Erst als Enzo in Torrione Mirella aus der Kutsche half, öffnete sie wieder den Mund. Aber jetzt war es an Enzo, ihr einen Blick zuzuwerfen, der sie schweigen hieß.
Mirella folgte Enzo zum Tor; mit jedem Schritt wuchs ihre Angst. Was erwartete sie dort?
Er ließ den schweren Türklopfer anschlagen; dann drehte er sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. „Wir warten hier auf dich.“ Er zitterte mehr als sie selbst, als er sie an sich drückte. „Meine tapfere Kleine. Pass auf, was du sprichst. Vielleicht hängt alles davon ab.“
Ein Riegel quietschte, als er zurückgezogen wurde. Dann drehte sich knarrend ein Schlüssel.
Mirella zitterten die Knie; sie befreite sich aus Enzos Armen und reckte den Kopf.
Ein Milizionär stand neben dem Tor, dahinter ein schwarz gekleideter Mann. Ein Tintenfleck neben dem Mund verriet ihn als Schreiber.
Die Wache trat zur Seite.
„Signore, Er wünscht?“
Enzo zog den Passierschein aus der Manteltasche und hielt dem Schreiber das Siegel vors Gesicht. „Meine Tochter hat die Erlaubnis des Dogen, ihren Bruder zu sprechen.“
Der Schreiber nahm Enzo das Papier ab, zog einen Zwicker hervor und setzte ihn auf. Er studierte das Papier und murmelte dabei die Worte mehrmals hintereinander, als wolle er sie auswendig lernen. „Das hatten wir noch nie!“ Er musterte Mirella von unten bis oben. „Sie wird ihre feinen Kleider schmutzig machen! Eine Dame wie Sie hatten wir noch nie.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sieht ihm nicht sehr ähnlich. Ist Sie wirklich die Schwester?“
Enzo begann rot anzulaufen, ein sicheres Zeichen, das er gleich aus der Haut fahren würde.
Mirella erschrak; schnell trat sie vor ihn und reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. „Wird Er dem Befehl des Dogen nun folgen und mich einlassen?“
Fast hätte sie gegrinst, als der Schreiber einen halben Schritt vor ihr zurückwich und sich ein wenig verneigte. „Selbstverständlich, Signorina. Bitte hier, Signorina.“ Noch nie hatte sie so mit jemandem gesprochen. Es stimmte also, dass Arroganz sich auszahlte.
Doch gleich darauf stieg wieder Angst in ihr hoch. Der Schreiber führte sie durch einen dunklen Korridor zu einer langen Treppe, auf deren steinernen Stufen ihre Schritte laut widerhallten. Der Keller war dagegen aus gestampfter Erde; ein lehmiger Boden, auf dem an vielen Stellen das Wasser stand. Der Gang wurde von einzelnen qualmenden Fackeln spärlich erleuchtet und ging um mehrere Ecken. Zuweilen entschwand der Schreiber ihrem Blick und sie hörte nur noch das Klirren seiner Schlüssel. Sie beeilte sich, Schritt zu halten, denn er nahm keine Rücksicht. Die Wände rückten immer dichter an sie heran, je weiter sie kamen. Darum hatte er gesagt, sie würde sich ihre Kleider schmutzig machen. Sie wickelte ihre Röcke enger um sich, aber es mochte wenig nützen. Von Zeit zu Zeit traf sie ein Tropfen ins Gesicht. Ihre Schuhe sogen sich mit Wasser voll und ihre Füße wurden eiskalt. Dann ging es eine Schräge hinab, die im Fackellicht schmierig-feucht schimmerte. Unwillkürlich streckte sie die Hand nach einem Geländer aus, um nicht darauf auszurutschen; aber es gab natürlich keines.
Sie blickte zurück und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wenn dieser Mann es nicht wollte, würde sie nie wieder den Weg zurück finden.
Endlich blieb er vor einem hohen Eisengitter stehen und hängte die Fackel an die Wand daneben. Er löste den Schlüsselbund von seinem Gürtel und benutzte beide Hände, um das schwergängige Schloss zu öffnen. Solche Mühe, einen Schlüssel zu drehen, hatte man eigentlich nur bei einer selten benutzten Tür. Wo führte er sie hin? Dann nahm er die Fackel wieder aus der Halterung und ging er weiter. Mirella raffte ihre Röcke höher und machte größere Schritte, um ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, während er um die nächsten Ecken ging. Am liebsten hätte sie gefragt, ob es noch weit sei; aber das hätte nicht zu einer arroganten Haltung gepasst.
Irgendwo plätscherte es leise und dann quiekte es vor ihren Füßen. Eine Ecke weiter sah sie im Schein der Fackel eine fette Ratte davonspringen. Der Ekel schüttelte sie.
Endlich wurde der Gang wieder breiter; hinter einer weiteren Ecke kam ihnen Lichtschein entgegen. Dann standen sie vor einem anderen Gitter. Zwei Wächter saßen dort und spielten Tarock. Im Schein ihrer Kerzen schimmerten die neuen Münzen der Republik auf dem Tisch. Einer sah auf und spielte dann die nächste Karte aus.
„Heh, ihr da! Öffnen!“
Der andere Wächter legte seine Karte ab; dann nahm er den Stich an sich. „Das Spiel gewinne ich, mein Freund.“ Er beugte sich zur Seite und stand mit einem Schlüssel in der Hand auf. „Was haben wir denn da?“ Er bedachte Mirella mit einem schmierigen Grinsen, bevor er aufschloss.
„Lass sie zu dem Gefangenen. Befehl des Dogen.“
Zu Mirellas Entsetzen blieb der Schreiber hinter dem Gitter zurück, während der Wächter sie an der Hüfte packte und vor sich her in die Dunkelheit schob. Als er sie losließ, blieb sie stehen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen.
Arroganz! Sie reckte den Kopf. „Wo ist mein Bruder?“ Leider klang ihre Stimme jetzt gar nicht mehr arrogant, sondern rau.
Der Wächter tauchte mit einer flackernden Kerze neben ihr auf, deren Docht fast im Wachs ersoff. Sie holte tief Luft und folgte ihm.
Vor einer schweren Tür mit einer eisernen Klappe blieb er stehen. Er öffnete die Klappe und blickte hinein. „Er ist noch da“, brummte er; dann schloss er auf.
Der Gestank von moderndem Stroh schlug ihr entgegen. Es war stockfinster. Ein schabendes Geräusch, dann klirrte eine Kette.
Mirella blieb an der Tür stehen. „Dario?“ Ihre Stimme war ein fast unverständliches Krächzen.
Ein Stöhnen war die Antwort; die Kette rasselte lauter. „Mirella! Um Gottes willen!“ Das flackernde Licht zeigte ihr nur seine Konturen.
Der Wächter drückte ihr die Kerze in die Hand. Heißes Wachs floss über ihre Finger; sie hielt die Luft an, bis der Schmerz nachließ. Dann hob sie das Licht und ging tapfer einen Schritt vorwärts. Hinter ihr fiel die Tür zu.
Die dunkle Gestalt, die Dario war, richtete sich halb auf und lehnte sich an die Wand. „Was tust du hier?“ Seine Stimme war heiser, geborsten vor Schmerz.
Entsetzt starrte sie auf sein zerschundenes Gesicht. Sie streckte die freie Hand aus und berührte vorsichtig eine Stelle, die nicht blutverkrustet oder dunkel angelaufen war. „Oh, Dario, was haben sie mit dir gemacht?“ Sie schluchzte auf und legte einen Arm auf seine Schulter, um ihn an sich zu drücken.
Er quittierte es mit einem Stöhnen und sie ließ ihn erschrocken los.
„Wie kommst du hierher?“
„De Guise hat mir einen Passierschein ausgestellt.“
„So!“
Sie starrte ihn an. „Was hast du ihnen gesagt?“
Dario kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Nichts. Ich haben ihnen nichts gesagt.“
Sie atmete erleichtert auf. „Das ist gut.“ Behutsam  legte sie ihre Finger auf seine zerschundenen Lippen. Dann fiel ihr eine dringende Frage ein. Sie flüsterte: „Was wollten sie von dir wissen? Was werfen sie dir überhaupt vor?“
„Dass ich die Spanier mit Informationen versorge.“
„Die Spanier.“ Sie vergaß, dass sie leise sprechen wollte, falls der Wächter hinter der Tür lauschte. „Die Spanier, du noch nie ausstehen konntest.“ Ihr wurde leicht ums Herz; ein Vorwurf, der so offensichtlich falsch war. Sie konnten ihm nichts anhaben. „Wie kommen sie nur darauf? Das ist doch absurd.“
Er blickte irgendwo hinter ihr in die Luft; sie wandte den Blick. Licht schimmerte durch die Klappe. So stand tatsächlich einer dahinter und lauschte.
Darum hob sie die Stimme erst recht, damit er es nur hören konnte. „Werfen sie dir meine Verlobung vor?“
Er hob die Schultern in einer unendlich müden Bewegung. „Kaum.“ Sein Gesicht verzerrte sich; das sollte wohl ein Grinsen sein. „Dass ich Felipe verabscheue, dürfte sich herumgesprochen haben.“
„Alexandre sagt ...“
„Alexandre?“ In seinen Augen flackerte etwas, das Zorn bedeuten mochte.
„Der Marquis de Montmorency ... Er hält es für eine Verschwörung gegen Vater.“ Das war nun ihre sehr freie Auslegung, aber es mochte so falsch nicht sein.
Dario schluckte schwer. „Das ...“
„Man wird dir den Prozess machen.“
„Ich weiß. De Guise will ein Urteil.“
„Damit hat er dir das Leben gerettet! Er hat sich geweigert, Anneses Todesurteil gegen dich zu unterschreiben.“
„Und wo ist der Unterschied?“ Er knurrte aufgebracht.
Sie senkte ihre Stimme. „Sie haben doch nichts in der Hand gegen dich. Oder?“
Er schwieg und blickte zu Boden. Sie hob sein Kinn. Konnten sie ihm doch etwas beweisen? Sie traute sich nicht zu fragen. Sie hatten ihn schon länger im Auge gehabt, hatte Alexandre gesagt. „Wenn du dir ein Geständnis abpressen lässt, kann auch de Guise dich nicht retten.“
Verachtung stand in seinem Blick; er glaubte ihr nicht. „Ich weiß“, ächzte er.
Sie legte ihm sacht die Hand auf die Schulter. „Du musst durchhalten; versprich es mir“, flüsterte sie in sein Ohr.
„Wenn das wahr ist, dass sie es auf Vater abgesehen haben“, er stöhnte wieder, „dann seid ihr alle in Gefahr.“
So weit hatte sie noch nicht gedacht. Es stimmte ja. Das Gericht würde den gesamten Besitz der Familie beschlagnahmen, sollte auch Enzo angeklagt und verurteilt werden. Der Vater – würde er durchhalten, wenn man ihn folterte? „Was können wir für dich tun?“
Dario schüttelte den Kopf. „Beten?“ Er nahm ihre Hand in die seinen. „Was ist mit Stefania?“
„Ich glaube nicht, dass sie in Gefahr ist.“
„Was – hat sie gesagt?“
„Ihre Eltern sind mit eurer Ehe einverstanden. So wie die unseren.“ Sie strich ihm durchs Haar. „Sie weiß es nicht. Es ist besser, wenn niemand von deiner Verhaftung weiß.“
„Wer sagt das? Damit man mich möglichst unauffällig beseitigen kann“, zischte er.
„Alexandre ... der Marquis de Montmorency ...“
„Du scheinst inzwischen sehr vertraut mit ihm zu sein, dass ihr euch mit Vornamen nennt.“
„Nein, gar nicht!“ Er war eifersüchtig, selbst jetzt noch. Selbst hier. „Mit Albert sind wir doch auch per Du.“ In ihren Gedanken nannte sie ihn Alexandre; aber im Gegensatz zu Albert schien es ihr undenkbar, dass sie ihn duzte. „Er steht auf unserer Seite. Er hat mir die Genehmigung verschafft, dich zu besuchen.“
„Was glaubst du, warum?“
Sie starrte ihn ratlos an.
„Um mich unter Druck zu setzen. Um euch einzuschüchtern.“ Er fluchte heftig. „Sie haben nichts aus mir herausbekommen, als sie mich folterten. Nun versuchen sie es mit Erpressung – oder einem Handel.“
Mirella keuchte vor Entsetzen. „Das glaube ich nicht! So etwas würde er nie tun; er weiß doch selber ...“
„Denk nach, Mirella. Anneses Miliz hat mich festgenommen. Aber es ist de Guise, der mir den Prozess machen lässt.“
„Aber – damit rettet er dich.“
„Du bist reingefallen auf das, was Montmorency dir erzählt hat. Falls Annese glaubte, dass ich mit den Spaniern paktiere. würde er mir nichts tun. Wenn sie ihm mehr nützten als de Guise – du würdest dich wundern, wie schnell er wieder unter ihre Fittiche kröche.“
Annese als der wahre Verräter; das hatte auch Alexandre gesagt. Wer sagte hier noch die Wahrheit? Sie wurde immer durcheinanderer im Kopf. Dario, log er auch? Als er sagte, dass er für die Barone arbeite? Als er gegen die Spanier lästerte? Verwirrt schloss sie die Augen; sie müsste nachdenken. „Sag mir genau: Wann und wo haben sie dich verhaftet? Wie haben sie es begründet?“
Dario ließ sich an der Wand entlang aufs Stroh rutschen. „Ich war in Aversa; in der Osteria.“
„Das liegt nicht auf dem Heimweg!“ Sie blickte zur Tür, das Licht, das durch die Ritzen an der Klappe schimmerte, war genauso hell wie zuvor. „Dort“, sie zeigte mit einer Kopfbewegung hin und suchte nach einer unverfänglichen Formulierung, „wartet jemand vor der Tür. Aber unsere Zeit ist wohl nicht begrenzt.“
„Sie ist begrenzt, glaub mir.“
Nicht weinen jetzt; sie schluckte. Gleich musste sie wieder arrogant auftreten. Sie hockte sich neben Dario. Aus dem Stroh stieg ihr der scharfe Geruch von Urin in die Nase. „Wolltest du zu den Oliveto? Aber Stefania ist die ganze Zeit in Neapel gewesen.“ War das die Rettung? Wenn er sich als heimlicher Liebender präsentierte?
Dario schüttelte den Kopf. „Halte Stefania raus. Bitte.“ Er drückte ihre Hand, „Und du auch! Bring dich nicht in Gefahr.“
„Warum sagst du ihnen nicht, wozu du den Umweg gemacht hast?“
„Glaubst du denn, das interessiert jemanden?“
„Mit wem hast du dich in Aversa getroffen?“
„Mit niemandem; ich war tatsächlich nur auf der Durchreise.“ Er sprach leise; mit unterdrückter Stimme, aber sie war plötzlich sicher, dass man das draußen hören konnte. Sie hatte von Bauwerken gelesen, in denen man an den unmöglichsten Orten hören konnte, was in bestimmten Räumen gesprochen wurde. Hier auch? Sie hielt die Kerze höher und blickte nach oben; aber die Decke war irgendwo weit weg in der Dunkelheit. Ungewöhnlich hoch für einen Keller. Sie musste mit Enzo darüber reden.
Dario hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. „Sei lieb, Schwesterchen, und geh jetzt. Du kannst nichts für mich tun.“
Sie schluchzte. „Vielleicht sehe ich dich niemals wieder.“
„Doch.“ Seine Stimme barst vor Grimm. „Die Hinrichtung wird gewiss öffentlich sein. Die neuen Herren müssen ihre Macht demonstrieren.“
Die Kerze ersoff mit einem letzten Aufflackern. Mirella hatte zu spät nach dem Docht gegriffen.
„Das würde de Guise niemals ...“ Aber Alexandre hatte gesagt, dass es dem Dogen genau darum ginge: seine Macht demonstrieren. Bislang jedoch mit dem Ergebnis, dass man Dario nicht geköpft hatte. „Weißt du, wann sie dich vor Gericht stellen wollen?“
Die Tür klappte und Licht strömte zu ihnen. „Signorina, warum hat Sie die Kerze ausgemacht?“
„Ich ...“ Mirella bremste sich im letzten Moment. Nichts erklären; Arroganz. „Es zieht in diesem Loch! Und es stinkt! Schämt Er sich nicht? Er behandelt ihn wie einen Verbrecher; aber er ist zu Unrecht hier.“
„Das sagen alle.“ Der Wärter trat ein und streckte seine Hand nach ihr aus. Schnell stand sie auf, damit er sie nicht berührte.
„Ich werde mich beschweren!“
Der Wärter wedelte sie hinaus. Wollte sie vermeiden, dass er sie anfasste, musste sie das Verlies verlassen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Dario war ein Schatten in der Dunkelheit.
Der Schreiber erwartete sie am Gitter; er hatte mit dem anderen Wärter das Kartenspiel fortgesetzt und ein Dutzend schimmernder Münzen vor sich aufgehäuft. „Da ist Sie endlich. Ich dachte schon, Ihr gefiele unser gastliches Haus so, dass sie bliebe.“
Er geleitete sie hinaus und deutete gleich darauf zu einer Treppe. „Dort entlang.“
Die Treppe führte in eine düstere Halle. Dahinter aber lag gleich der Kreuzgang. Genau so hatte sie sich das gedacht: Es gab einen kürzeren Weg. Er hatte sie einschüchtern wollen, als er sie durch die unterirdischen Gänge geführt hatte.
Er brachte sie zu einer kleinen Pforte; sie war nicht bewacht. „Den Rest des Weges findet Sie allein.“
Krachend schlug die Tür hinter ihr zu. Warum wollte er nicht, dass man sie gehen sah?
Sie lehnte sich gegen das Holz, müde, schmutzig, hilflos. Sie war nur ein Mädchen. Was konnte sie gegen diese Festung ausrichten?
Sie drehte sich zur Seite und schlug schluchzend gegen die Festungsmauer; sie riss sich die Haut an den Steinkanten auf. „Ich krieg dich hier raus, Dario. Ganz gleich, was ich dafür tun muss.“ Sie wischte das Blut an ihrem hellen Mantel ab und betrachtete die Flecken. Wenn er nur durchhielt.
Die Kutsche musste in südlicher Richtung stehen. Sie brauchte nur an der Mauer entlang zu gehen.

Auf dem Heimweg stieg sie trotz der schneidenden Kälte zu Enzo auf den Kutschbock. Sie konnte das Gejammer jetzt nicht ertragen, mit dem Rita sie empfangen hatte.
Enzo blickte sie immer wieder von der Seite an, aber er sagte nichts und fragte nichts. Seine Schweigsamkeit tat ihr gut. Sie drückte ihr Gesicht an seine Schulter, um sich vor dem Wind zu schützen, und dachte nach.
Als sie die Stadtmauer erreichten, richtete sie sich auf. „Wir werden ihn dort herausholen.“
„Erzähl mir alles; ganz genau.“ Er nickte. „Vielleicht finden wir einen Weg.“
„Wir müssen, Vater.“ Sie klammerte sich an seinen Arm.
Er nahm die Zügel in eine Hand und schob ihr mit der anderen die Locken unter die Kapuze zurück, die ihr in die Stirn hingen.
„Ich komme mit Ihm ins Kontor.“
Überrascht zügelte er das Pferd. „Warum?“
„Weil ...“ Sie vermochte es ihm nicht zu erklären, es war nur eine Eingebung gewesen. „Wir werden in den Büchern etwas finden, um zu beweisen, dass er in Geschäften unterwegs war.“
„Aber natürlich war er das.“
„Auch in Aversa?“
Enzo knurrte und schlug übertrieben heftig mit der Peitsche auf das stetig dahintrottende Pferd ein.

Der neue Kontor roch nach Beize und Terpentinöl. Unter dem breiten Fenster stand der alte Schreibtisch von Enzos Großvater, den er aus dem Keller in der via Saliniera geholt hatte. Eine beschlagene Truhe stand auf dem Boden neben einer Öffnung, wo sie eingemauert werden sollte.
Enzo schob Mirella einen Schemel hin, kniete sich vor die Truhe und holte die beiden obersten Bücher heraus. „Wonach sollen wir suchen?“
Er vertraute ihr die Führung an und sie bekam Angst. Wenn sie es nun verdarb? „Ach Vater, es war eine Eingebung. Vielleicht wissen wir, was wir suchen müssen, wenn wir es sehen?“
Enzo strich ihr über die Wange. „Mein kleines Mädchen ist über Nacht erwachsen geworden.“ Er sagte es ohne Lächeln. Kein Kompliment, sondern eine eher überraschte Feststellung.
Eines der Bücher legte er ihr aufgeschlagen auf die Knie. „Hier stehen alle Aufträge der letzten beiden Monate. Ich habe hier die Lieferungen. Aber Dario war auf dem Rückweg. Irgendwie.“
„Wo sind die Stoffe geblieben, die er in Florenz geholt hat?“
Enzo knurrte. „Wo wohl?“
Also hatte man sie obendrein bestohlen. Das konnte doch nicht Anneses Werk gewesen sein. Nein, dieser Mann war ehrlich; trotz allem. „Er muss es reklamieren.“
„Sobald Dario frei ist.“ Das hieß, falls er freikäme.
Mirella blätterte schnell die beschriebenen Seiten durch. Es waren nicht viele; ohne den Auftrag des Dogen wäre Enzos Handel zusammengebrochen.
Sie begann von vorne, las jeden Eintrag. „Vater, hat Er eine Landkarte hier?“
Enzo öffnete eine Schublade und reichte ihr eine Rolle. Sie legte sie vor sich auf den Boden und beschwerte die Ecken mit Mauersteinen. Jetzt sah sie, welche Aufträge in der Nähe von Aversa erteilt worden waren. Einen davon mussten sie als Vorwand für Darios Umweg heranziehen.
Ein Sägewerk. „Was ist mit dem Bauholz für das neue Lager?“
„Alles geliefert und alles bezahlt.“ Enzo winkte ab. „Kein Grund, dort vorbeizufahren.“
Das Landhaus der Oliveto: Sie hatte Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen. Aber falls es seine einzige Chance war, würde sie sich darüber hinwegsetzen; keine Frage. Wenn er sie dafür verhauen würde, lebte er wenigstens. Sie las weiter. Eine Schneiderei. „Was ist das für ein Schneider?“
Enzo sah auf. „Roccone, Caivano. Das ist auch lange erledigt. Mein Geburtstagsgeschenk für deine Mutter.“
Rita hatte fast geweint vor Freude und Überraschung, als sie es auspackte. Ein Kleid, perfekt nach der neuesten französischen Mode. Nach Mirellas Meinung das schönste Kleid, das ihre Mutter je besessen hatte – und das hatte Enzo inmitten der Wirren zu Stande gebracht. Er musste sie unendlich lieben.
Mirella las weiter. In der Umgebung von Aversa fand sie noch einen Tischler, einen Winzer und einen Schuhmacher. Für jeden konnte Dario einen neuen Auftrag gehabt haben. Nirgendwo dort war er tatsächlich gewesen; aber niemand würde widerlegen können, dass er die Absicht gehabt hatte. Dennoch wäre es nicht überzeugend: Es gab schließlich keinen plausiblen Grund, warum er es nicht hätte angeben sollen, als sie ihn verhörten. „Es darf niemand sein, der mit den Baronen in Verbindung steht.“
Enzo fuhr mit der Hand über die aufgeschlagene Seite seines eigenen Buchs, deutete auf zwei Einträge. „Von diesen weiß ich, dass sie zur Partei der Feudalherren gehören. Ihre Schneider haben für einen Ball in der Burg von Nocera gearbeitet.“ Er seufzte. „Man kann sich die Kunden nicht aussuchen. In dieser Zeit erst recht nicht.“
„Und diese?“ Sie hielt Enzo ihr Buch hin. „Die Lieferanten?“
„Mich interessiert die Qualität ihrer Waren, nicht ihrer Gesinnung.“ Er nahm ihr das Buch ab und legte es auf den Schreibtisch. „Ich weiß es von kaum einen.“
„Aber worüber unterhält Er sich denn, wenn Er mit ihnen in einer Locanda sitzt?“ Mirella wurde ungeduldig. „Man muss doch nur ein wenig zuhören!“
Er blätterte zurück und deutete auf den Namen des Schneiders. „Roccone ist vermutlich ein Anhänger der Franzosen; er verabscheut die Mode der Spanierinnen!“
Mirella lachte. „Welch ein Grund!“ Ein Schneider, was sollte Dario bei einem Damenschneider wollen? „Ich habe Dario versprochen, Stefania nicht hineinzuziehen.“
„Das hast du Recht getan; die arme Kleine. Auch wenn Dario freigelassen wird ...“
„Er glaubt, ein Makel bleibt doch?“
„Das tut es immer!“ Wieder strich er ihr über die Wange; so viel Zärtlichkeit war ihm bisher nicht zu eigen gewesen. Ob er sich genauso hilflos fühlte wie sie? „Ich sehe nichts, was uns weiterhilft.“
Mirella senkte den Kopf. Ihr Blick fiel auf die Landkarte und sie nahm sie auf. „Es sind keine Straßen eingezeichnet.“
„Hier geht die Straße von Florenz entlang.“ Dario hatte tatsächlich einen beträchtlichen Umweg genommen. „Von Aversa hierher gibt es zwei Wege.“ Er zeigte sie ihr. Einer führte über Caivano.
„Kann Er sich irgendeinen Grund ausdenken, was Dario bei Roccone wollen konnte?“
Enzo blätterte das Lieferantenbuch weiter durch. Er presste die Lippen zusammen, dann sah er sie mit gerunzelter Stirn an. „Wenn wir nicht von Stefania sprechen wollen ... Überdies wäre es Sache ihrer Eltern ...“
Mirella brauchte nur eine Sekunde, um zu verstehen. „Ein Hochzeitskleid.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist es.“ 




Sechzehntes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 
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 Weitere Ausschnitte auf den  Blog-Seiten anderer Sonntage.

Zum historischen Hintergrund des Romans gibt es Beiträge auf meinem Werkstatt-Blog oder der FB-Buchseite.



29.1.12

#SampleSunday - Königliche Republik ... Drittes Kapitel ...

12. August 1647

Am nächsten Morgen ließ Mirella sich von Fabrizio erneut nach Pizzofalcone bringen.
Es waren ungewöhnlich viele Menschen auf den Straßen, die in Gruppen beieinander standen und in aufgeregte Gespräche verwickelt waren. Nachdem auch Salerno sich erhoben hatte, konnte selbst die Predigt eines Kardinals niemanden mehr mäßigen.
Bald darauf ertönten zwei Schüsse. Erschrocken ließ Mirella Fabrizio anhalten; aber da keine weiteren folgten, war es wohl ungefährlich weiterzufahren. Er bog dennoch von ihrem Weg ab und machte einen großen Bogen um die Piazza del Mercato.
Auf dem Pizzofalcone dagegen herrschte der Alltag. Zwei Mal musste Fabrizio einen Umweg fahren, weil Fuhrwerke mit Sand und Tuffstein in den engen Gassen ausgeladen wurden und ihnen den Weg versperrten. Selbst in diesem abgelegenen Viertel wurden mangels freier Flächen Häuser aufgestockt.
Vor dem „Gallo bianco“ stieg Mirella aus. Die Sonne spiegelte sich in den Scheiben des Wirtshauses und verwehrte ihr den Blick hinein. Sie drückte langsam die Klinke hinunter. Aber die Tür war verschlossen.
Gegenüber klapperte ein Fensterladen. Kurzentschlossen ging sie über die Straße und klopfte dort.
Nach einer Weile wurde das Fenster geöffnet und eine zahnlose alte Frau blickte zu ihr herunter. „Was ist?“
„Sie verzeihe mir, aber ... Wann hat der ‚Gallo bianco’ auf?“
„Was will Sie dort?“ Die Alte strich ihre dünnen Haare zurück. Sie kniff die Augen zusammen und deutete auf Fabrizio. „War Sie nicht gestern schon hier?“
Mirella  fühlte sich ertappt. Sie versteifte sich; aber dann wurde ihr klar, dass sie die Gelegenheit nutzen konnte. „Aber ich habe etwas vergessen und darum ....“ Wie absichtslos hörte sie auf zu sprechen und sah scheinbar verlegen zu Boden. „Ich bin manchmal ein bisschen schusselig.“
Die alte Frau klang plötzlich sehr viel freundlicher. „Aber das macht doch nichts, Kindchen. Der Wirt wohnt links daneben. Geh Sie nur und klopfe.“ Sie reckte sich weiter aus dem Fenster. „Um diese Zeit ist er meist schon wach. Ich denke doch, dass er an einem Tag wie diesem ...“
Also gehörten der „Gallo bianco“ und das Nachbarhaus tatsächlich zusammen. Bestimmt gab es eine Tür, die beide Häuser miteinander verband. Mirella verabschiedete sich schnell mit einem höflichen Knicks, bevor die Alte sie mit ihrem Redefluss überschwemmen konnte. Sie raffte ihre Röcke und lief mit einem Tanzschritt los.
„Fabrizio, wem hast du gestern Darios Brief gegeben?“
Fabrizio sah irritiert aus. „Habe ich etwas falsch gemacht? Der Signore sagte, es sei schon in Ordnung; er würde ihn weitergeben.“
„Aber du warst doch im Haus.“
Er nickte. „Sicher. Sollte ich den Brief etwa dem Kind geben, das mir geöffnet hatte?“
„Nein; es war alles ganz richtig.“
„Was tun wir dann hier?“
„Dario erwartet eine Antwort“, fiel ihr ein zu sagen. „Aber wir wollen uns doch nicht lange aufhalten lassen. Wenn du also wüsstest, nach wem ich fragen soll?“
Fabrizio wiegte bedauernd den Kopf. „Frag Sie, ob der Edelmann eine Nachricht hinterlassen hat.“
„Der Edelmann?“ Sie hatte gedacht, er wüsste besser Bescheid.
Fabrizio wurde ganz Eifer. „Hat Sie ihn nicht selber gesehen?“ Der Ziegenbock!
Mirella ging zum Haus des Wirts und zog an der Glocke.  Es war so still hier – ob alle auf die Piazza gegangen waren? Am Ende gab es dort Wichtigeres zu erfahren.
Schließlich wurde die Tür geöffnet. Eine Frau in einem verblichenen Kleid aus grobem Hanfleinen musterte sie mit griesgrämigem Gesicht. „Die Signorina will zu uns?“
„Mein Bruder hat gestern einen Brief abgeben lassen und ich soll fragen, ob es eine Antwort gibt.“
„Ich weiß von keinem Brief.“ Sie drehte sich um und rief in den Flur: „Giacomo! Giacomo, hast du gestern einen Brief bekommen?“
Irgendwo scharrte ein Möbelstück über Steinboden. Dann quietschte etwas und ein Vogel zeterte. Am Ende des Flurs trat ein Mann mit Bartstoppeln auf den Wangen und einem Ziegenbart unterm Kinn aus einer Tür.
Hier wimmelt es von Ziegen, kam Mirella in den Sinn. Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verbergen.
„Ich habe keinen Brief bekommen!“ Er gähnte ungeniert, während er den Flur entlang schlurfte. Seine Zähne waren von dunklen Flecken übersät; ein Eckzahn fehlte.
„Scandore. – Unser Kutscher hat hier gestern einen Brief ausgehändigt. Dem Edelmann, der bei Ihm zu Gast war.“
„Davon weiß ich nichts.“
Mirella versuchte, ihre Ungeduld mit einem verbindlichen Lächeln zu verbergen. „Ist er wieder da?“
„Wer?“
„Der Edelmann. Er ging kurz darauf weg.“
Der Wirt kam näher und schnürte sich im Gehen die Hose zu. „Wann soll das gewesen sein?“
„Am Nachmittag.“ Mirella trat von einem Fuß auf den anderen. War der Mann so dämlich oder wollte er nicht mit der Sprache herausrücken? „Bitte, es ist wichtig. Mein Bruder erwartet eine Antwort.“
„Am Nachmittag war ich in meinem Wirtshaus.“
„Eben.“ Sie holte tief Luft. „Und der Duca de Maddaloni war am Nachmittag bei Ihm.“
Er riss die Augen auf, als sie den Namen nannte. Aber nur eine Sekunde; dann wirkte er wieder so verschlafen wie zuvor. „Der Herzog hat meine bescheidene Osteria beehrt wie immer, wenn er sich mit seinen Leuten trifft.“ Das klang schon freundlicher. „Aber von einem Brief weiß ich trotzdem nichts.“ Er zog die Hose ein Stück höher. „Ist Sie sicher, dass der Herzog den Brief in Empfang genommen hat?“
„Wer sonst, wenn nicht er?“
„Ich werde ihn fragen, wenn er wiederkommt.“ Wenigstens hatte er jetzt mit seinen Gegenfragen aufgehört; vielleicht würde er ihr doch etwas erzählen. Das, was Dario ihr verschwieg.
„Wann?“
Giacomo musterte sie von oben bis unten, während er nachdachte; so lange, bis seine Frau ihn in die Seite stieß. Hoffentlich hielt die Alte sie für ein harmloses Kind; sonst würde sie ihm nach ihrem Weggehen den Kopf waschen und es wäre vorbei mit seiner Hilfsbereitschaft. Solche Männer standen immer unter der Fuchtel; entweder der ihrer Frauen selber oder der Schwiegermütter.
„Käme Sie morgen Abend wieder; dann könnte ich Ihr die Antwort des Herzogs geben. So er eine für Ihren Bruder hat.“ Er bohrte sich in der Nase und betrachtete dann den Popel zwischen seinen Fingern. „Aber ein junges Ding wie Sie sollte abends zu Hause bleiben. Warum kommt er nicht selber?“
Sie reckte den Kopf. „Er hielt es für zu verfänglich.“
Die Andeutung eines Lächelns ging über sein Gesicht. „Vorsichtiger Mann, Ihr Bruder.“ Er trat noch einen Schritt näher und blickte hinaus. „Aber dann sollte Sie auch vorsichtiger sein und nicht mit einer Kutsche kommen, die einer wiedererkennen könnte.“
Mirella nickte. „Er hat wohl Recht. Ich werde morgen Abend das letzte Stück zu Fuß kommen. In dieser Gasse wohnen gewiss nur ehrbare Leute.“ Wie Er, verkniff sie sich zuzufügen.

Auf dem Rückweg wurde die Kutsche kurz vor der Piazza del Mercato von einem Mann mit einer Hellebarde aufgehalten. „Sie kann hier nicht weiterfahren, Signorina!“

„Aber warum denn?“
„Auf der Piazza findet ein Tribunal statt. Kehrt um.“
In diesen Tagen mochte alles wichtig sein, was in der Stadt passierte. Die Glocken der Santa Maria del Carmine hatten eben die elfte Stunde geschlagen. Zeit genug, rechtzeitig zum Mittag nach Hause zu kommen.
Mirella stieg in der Gasse neben der Kirche des Sant'Eligio Maggiore aus. Sie tippte einem älteren Mann auf die Schulter. „Was geschieht hier?“
„Die Seidenweber fordern den Erlass der Steuern.“
„Und? Bekommen sie ihren Willen?“
„Dem einen erlässt der Vizekönig die Steuern und dafür setzt er sie den anderen hoch. Oder erfindet neue.“ Er schüttelte den Kopf. „So geht das doch nicht.“
Er drängte sich in Richtung Piazza durch die Menge. Mirella folgte ihm geschwind, ehe sich der Weg wieder schloss. Sie erntete manchen misstrauischen Blick; in ihrem feinen Brokat fiel sie auf. In dem Gedränge auf der Piazza verlor sie ihren Führer und niemand mochte ihr Platz machen. Aber die Nachdrängenden schoben sie mit Ellenbogen und Fußtritten weiter; einer packte sie gar um die Taille, als ob sie dadurch dünner würde. Nun konnte sie nicht mehr zurück; sie musste darauf setzen, dass vielen ihr Essen wichtiger wäre als das Spektakel.
Auf einem Podest neben dem Delphin-Brunnen, das dort seit den Tagen Masaniellos stand, krächzte der alte Genoino mit ausgebreiteten Armen zur Menge hinunter. Doch gegen deren Geschrei kam er mit seiner heiseren Stimme nicht mehr an.
Ein junger Mann, der die rote Mütze der Fischer trug, sprang zu ihm hoch. Er packte Genoino am Arm und versuchte, ihn herunterzuzerren.
„Nach Hause. Geh nach Hause!“, brüllten einige um Mirella herum.
Sie zuckte zusammen, aber natürlich galt es nicht ihr, sondern denen auf dem Podest. Oder einem der beiden.
Ein dritter Mann sprang hoch. Er stellte sich an den Rand und zog eine Pistole aus seiner Schärpe. Ein Schuss in die Luft; die Menge verstummte.
„Wir lassen uns nicht länger betrügen.“ Er hielt den Menschen seine Hände hin. „Wir arbeiten sieben Tage in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; und doch reicht es nicht, um unsere Familien zu ernähren. Schluss damit!“
Sie brüllten Zustimmung; viele schwenkten Knüppel, Hellebarden und manch einer auch eine Schusswaffe.
Als es wieder leiser wurde, fuhr der Mann fort: „Aber es wäre kaum besser ohne die gabelle! Wir müssen verhindern, dass die Preise weiter sinken.“
„Wie willst du das erreichen?“ Genoino hinter ihm hatte seine Stimme wiedergefunden.
Der Mann drehte sich zu ihm um. „Du wirst es sehen.“ Er schwenkte beide Arme und wies zum Hafen. „Kommt mit!“ Dann sprang er herunter und verschwand in der Menge.
Mehr und mehr Menschen verließen die Piazza. Mirella wurde beiseite gedrängt. Die meisten schienen ausgerechnet an ihr vorbei zu wollen. Sie erreichte das Portal der Basilika und blickte den aufgebrachten Menschen hinterher.
Dann tauchte der Mann vor ihr auf, der die Menge zum Mitkommen aufgefordert hatte. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke; er grinste sie herausfordernd an. Kannte er sie?
Mirella betrat die Kirche und ging durch einen Seiteneingang hinaus zur Kutsche. Fabrizio hielt die Pferde am Kopfzeug und sprach beruhigend auf sie ein.
Sein Blick leuchtete auf. „Ich war in Sorge, Signorina. Lasst uns fort von hier, bevor man Sie erkennt.“ Er riss den Schlag auf und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie lächelte. „Einer hat mich wohl erkannt.“
Fabrizio sah sie erschrocken an.
„Was ist schlimm daran?“
„Sie ist die Tochter Scandores.“ Natürlich war sie aufgefallen; aber man tat doch einem jungen Mädchen nichts.
Nachdem sie eingestiegen war, sah er sich wachsam um. „Hat Sie nicht begriffen, was sie vorhaben?“
„Doch. Sie wollen mehr Geld für ihre Familien.“
Er schüttelte den Kopf. „Sie wollen sich die Konkurrenz vom Hals schaffen.“ Bevor sie nachfragen konnte, was er damit sagen wollte, sprang er auf den Bock.
Nachdem sie das Gewühl hinter sich gelassen hatten, jagte er die Kutsche in einem Tempo durch die Gassen, wie Mirella es noch nie erlebt hatte. Vor dem Haus bremste er so abrupt, dass die Pferde zornig wieherten. Er sprang ab und rannte die Stufen zum Eingang hinauf. Dort warf er sich regelrecht gegen die Tür statt anständig zu klopfen.
Als er im Haus verschwand, raffte Mirella ihre Röcke und kletterte allein aus der Kutsche.
Dario stürmte an ihr vorbei, gefolgt von Fabrizio. Dann kam auch Enzo.
„Bleib Er zu Hause, Vater. Ich mach das schon.“ Dario stieg in die Kutsche und Fabrizio jagte davon, bevor Enzo alle Stufen hinuntergegangen war.
„Vater!“
Er drehte sich zu ihr um. „Sag Gina, sie soll nicht mit dem Essen auf uns warten!
„Was ist denn los?“
„Tu, was ich dir sage.“
Gleich darauf stand Enzo im Hof und rief die Dienstboten zusammen. Die beiden Gärtner, die Stallburschen und der alte Hausdiener griffen sich jeder einen Eimer und rannten hinaus. Enzo sattelte selbst sein Pferd und folgte ihnen.
Gina beobachtete sie durch die offene Küchentür und zerrte an dem Handtuch, das sie zwischen den Fingern hielt. „Sie werden nichts ausrichten. Sie kommen zu spät!“
„Aber was ist denn los?“
Gina starrte sie fassungslos an. „Du warst doch selber dort! Hast du es denn nicht begriffen?“
„Aber ...“ Mirella sah den Mann von der Piazza vor sich und jetzt fiel es ihr ein: Sie hatte ihn im Kontor gesehen; er war einer von Enzos Lieferanten.
Gina hackte mit solch grimmigen Gesicht auf die Zwiebeln ein, als wolle sie sie totschlagen. In ihren Augen standen Tränen. Sie wischte sich die Hand an der Schürze ab und dann mit der Schürze übers Gesicht. „Madonna, sind die Zwiebeln scharf!“
Argwöhnisch sah Mirella ihr zu. „Lass mich das machen.“
„Das gehört sich nicht.“
Mirella nahm ihr das Messer weg.
Gina schluchzte auf, während Mirella das Hackbrett zu sich heranzog. „Du ruinierst dir das Kleid.“
Unwillkürlich blickte Mirella an sich herab. „Es ist doch bloß ...“ Florentiner Stoff. Das hatte Fabrizio mit der Konkurrenz gemeint!
Entsetzt sah sie Gina an. „Die Seidenweber brennen unser Lager ab!“ Sie sprang auf. „Wir müssen den Männern beim Löschen helfen.“
Gina schluchzte lauter. „Bleib hier! Es ist gefährlich!“
„Eben!“ Mirella griff nach dem Eimer, der unter dem Waschtisch stand. Einen Moment zögerte sie; dann nahm sie den Ausgang über den Hof, um Rita nicht zu begegnen. Die Mutter würde sie womöglich aufhalten wollen.
Mit dem Eimer in der Hand lief sie auf die Straße. Der Glashändler von gegenüber, Antonio Varese, ließ gerade seine Kutsche auf die Straße rollen.
Während der Kutscher ihm die Tür aufhielt, wollte Mirella an ihnen vorbeirennen.
„Langsam!“ Varese erwischte sie an einer Schleife ihres Kleides.
Mirella packte seine Hand. „Lasst mich!“
„Steig Sie ein, wir haben den gleichen Weg!“ Er griff nach ihrem Eimer.
In der Kutsche saßen drei von Vareses Dienstboten, Eimer auf dem Schoß oder zwischen den Füßen. Mirella stieg ein und der Nachbar zwängte sich neben sie.
„Ich fürchte allerdings, wir werden zu spät kommen. Warum hat uns Ihr Vater nicht gleich zu Hilfe geholt?“
Die Straßen im Zentrum waren immer noch voller Menschen. Erst eine ganze Weile später erreichten sie den Kai, an dem die Fähre nach Capri lag. Kurz darauf stieg Mirella der Geruch von Rauch in die Nase. Die Gesichter der Männer wurden grimmig, verbissen.
Varese schob den Vorhang beiseite und warf einen Blick nach draußen. „Sie bleibt hier, Signorina!“
„Aber ...“
„Keine Widerrede. Ihr Bruder bringt mich um, wenn Ihr etwas passiert.“
Nicht weit entfernt klirrte Metall auf Metall. Männer brüllten; dann gab es einen lang gezogenen Schrei, der ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunterjagte.
Varese stieg aus, noch ehe die Kutsche ganz angehalten hatte, und winkte seinem Kutscher. „Cesare, sorg dafür, dass die Signorina hier bleibt.“ Die anderen Männer folgten ihm.
Mirella stand auf.
„Signorina, bitte.“
Sie schenkte Cesare ein Lächeln. Er war kaum älter als sie; sie sollte ihn bezaubern können. „Er kann mich doch aussteigen lassen. Ich möchte sehen, was dort passiert.“
Cesares Miene blieb starr. „So schau Sie aus dem Fenster.“ Er legte die Hand auf den Türgriff.
„Wollte Er nicht auch helfen?“
Er nickte. „Das hat Sie vereitelt.“
Mirella schlug einen Moment wie beschämt die Augen nieder und senkte ihre Stimme. „Das tut mir leid.“ Sie blickte wieder auf. „Aber geh Er nur. Nimm deinen Eimer und hilf. Mir wird schon nichts passieren.“
Er nahm tatsächlich seinen Eimer hoch; aber dann krallte er beide Hände um den Henkel und drückte die Arme steif an den Körper. Er sah sie nicht an, als er antwortete. „Ich gehorche dem padrone.“
Mirella stemmte die Ellenbogen auf den Fensterrahmen und streckte den Kopf hinaus.
Vor den Lagerhäusern am Ende des Piers blitzten im Feuerschein Messer und Säbel auf. Wo waren Dario und der Vater?
Sie fasste nach dem Türgriff, aber Cesare hielt ihn von außen fest. Blitzschnell beugte sie sich heraus und biss ihn in die Finger. Seine Hand fuhr zurück; sie riss die Tür auf und schlug sie ihm an den Kopf. Er taumelte zurück und sie sprang hinaus.
Aber als sie sich aufrichtete, war er neben ihr und packte sie. „Sie bleibt hier!“ Er presste sie fest an sich, umklammerte sie mit beiden Armen. Sie trat nach ihm und strampelte, aber es half nichts. Er war stärker, hob sie hoch und zwang sie in die Kutsche zurück.
Ihre Köpfe stießen aneinander. In seinen Augen blitzte es auf – und dann küsste er sie. Zuerst lag sein Mund hart auf dem ihren, dann wurden seine Lippen sanft und so weich, als wären sie aus Samt.
Er ließ sie abrupt los. „Vergeb Sie mir, Signorina, wenn Sie kann. Ich habe mich vergessen.“
Sie starrte ihn mit halb geöffnetem Mund an. Jetzt musste sie ihn ohrfeigen. Langsam hob sie die Hand. Dann legte sie die Fingerspitzen auf ihre Lippen und starrte weiter.
In Cesares Augen glomm immer noch ein Licht; und es war nicht der Widerschein des Feuers.
Mirella atmete durch. „Es geschehen viele Dinge in diesen Tagen, die nicht schicklich sind.“
Ihr Blick ging hinüber zu den Lagerhäusern. Die Männer schienen zur Vernunft gekommen und hatten ihre Zweikämpfe beendet. Sie formierten Ketten und begannen, Eimer zum Löschen weiterzureichen. Aber sie kämpften nicht mehr um das Lagerhaus der Scandore, sondern versuchten, ein Übergreifen des Feuers auf die angrenzenden Gebäude zu verhindern.
„Wir sollten beide helfen. Sie schlagen sich nicht mehr.“
Cesare drehte sich nach dem Feuer um. Dann nickte er. „Wir stellen uns ans Ende der Wasserkette.“
Erleichtert ließ Mirella sich von ihm aus der Kutsche helfen. Wieder waren sie sich ganz nahe. Aus seinem Haar strömte ein süßlicher Duft und überdeckte für einen Moment den Geruch des Rauchs, der zu ihnen herüber wehte. Ob Felipe sie auch so küssen würde?
Sie packten ihre Eimer und liefen zu den Helfern an die Kaimauer.
Immer wieder blickte Mirella sich suchend um, während sie Eimer um Eimer weiterreichte, die Cesare und ein zweiter Mann aus dem Meer hochzogen. Aber sie sah weder Varese noch Dario oder Enzo.
Dann gab es einen dumpfen Schlag wie bei einer Explosion. Cesare riss Mirella zu Boden und warf sich über sie. Die brennende Fassade des Lagerhauses stürzte nach vorn; laut prasselte eine Stichflamme hoch. Eine Hitzewelle fegte über sie hinweg.
Als Cesare sich zur Seite rollte und ihr auf die Beine half, brannten ihre Knie; aber sie scheute sich, ihre Röcke zu heben und nachzusehen.
„Es ist gefährlicher als ich dachte. Ich bringe Sie zur Kutsche zurück.“
Nun hatte sie nichts dagegen einzuwenden; es war eh alles verloren. Sie gab ihm ihre Hand und bemühte sich, nicht zu hinken, als sie neben ihm her ging. Er sollte sich keine Vorwürfe machen. Aber als sie dann das Knie beugte, um in die Kutsche zu steigen, entfuhr ihr doch ein Stöhnen; er schien es jedoch nicht zu bemerken.
Cesare lehnte sich an die Kutsche, den Blick zum Brandherd.
Vorsichtig lupfte sie den Rock, damit der Stoff nicht an den aufgeschundenen Knien festklebte. Ihre Schultern schmerzten von der ungewohnten Last der unzähligen Eimer. Und sie war müde; sie wünschte sich nur noch, auf der Stelle in ihr Bett kriechen zu können.
Es war Nacht, als die Männer schließlich ihre Eimer absetzten. Der Mond beschien einen rauchenden Trümmerhaufen, aus dem das Skelett einzelner Balken in den Himmel ragte.
„Ob sie etwas von den Waren retten konnten?“
Cesare drehte sich zu Mirella um. „Kaum. Was nicht verbrannt ist, wird das Wasser ruiniert haben.“
Kurz darauf kam Varese mit seinen Männern zurück. Er musterte erst Cesare, dann Mirella und zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. Aber er sagte nichts, als er einstieg.
„Hat Er Dario gesehen? Und Vater?“
Er nickte. „Sie räumen auf, um Brandnester zu finden.“
Mirella schluckte; dann wagte sie die Frage, die ihr auf dem Herzen brannte. „Was ist übrig geblieben?“
Varese strich mit dem Zeigefinger ihre Wange entlang. „Wo kommt die Rußspur her?“
„Er hat meine Frage nicht beantwortet.“
„Nichts, Kind.“


 


Drittes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 
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22.1.12

#SampleSunday - Königliche Republik. Erstes Kapitel

Neapel
Donnerstag, 18. Juli 1647

„Man hätte den Fischer liegen lassen sollen, wo der Pöbel ihn verscharrt hat.“ Der Sekretär des spanischen Vizekönigs zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. Er warf einen letzten Blick auf den Trauerzug, der den Platz vor dem Schloss überquerte. Ein Dutzend Männer mit phrygischen Mützen führten die düstere Menge an, als wollten sie alle daran erinnern, dass Masaniello einer der ihren gewesen war. Die Rufe der Menschen auf dem Largo di Palazzo waren nur gedämpft zu hören – aber immer noch deutlich genug: „Viva il Re di Spagna; mora il malgoverno.“
Der Sekretär zog die schweren Vorhänge zu und hüllte den Raum in Dämmerlicht. Eine Öllampe ließ Herzog de Arcos, Vizekönig Seiner Katholischen Majestät in Neapel, das nötige Licht zum Schreiben, während sein Besucher, der Erzbischof von Neapel, zu einem Schemen im Hintergrund des Arbeitszimmers wurde.
„So lange sie ihrem König treu sind, mögen sie schreien.“ Rodrigo de Arcos steckte unbeeindruckt die Feder ins Tintenfass zurück und streute Sand über das Dokument, das er gerade unterzeichnet hatte.
„Don Rodrigo, ich teile Eure Meinung nicht.“ Ascanio Filomarino ließ den Rosenkranz in den Falten seines Kardinalsrocks verschwinden. „Mit Masaniello hat die Revolte zwar ihren Anführer verloren, aber nicht ihren Kopf.“
„Dafür tragt Ihr die Verantwortung, Monsignore.“ Filomarino hatte die Rolle des Mittlers zwischen den Aufständischen und dem Vizekönig inne gehabt; nun konnte de Arcos ihm das Ergebnis vorwerfen. „Der Trauerzug hat ihnen die Gelegenheit gegeben, sich zusammenzurotten.“
„Ihr habt auf die neuen Kapitel der Privilegien geschworen, die die Stadt Euch vorgelegt hatte.“ Filomarino trat an die Fensterfront und zog einen der Vorhänge wieder auf. Halb Neapel musste sich dort draußen in Reue über die Ermordung ihres Generalleutnants versammelt haben. Wer auch immer jetzt das Kommando übernahm, er würde keinen Frieden bringen. „Doch nun, da ihr die gabella wieder erhebt, fühlt sich das Volk betrogen.“
„Wir werden damit fertig werden. Sobald Seine Majestät Entsatz schickt. Bis dahin ...“ De Arcos zuckte die Achseln. „Der König hat mir einen Auftrag gegeben und ich werde ihn ausführen!“
„Macht Kompromisse, Don Rodrigo! Gebt den Menschen das Gefühl, dass Ihr ihre Nöte versteht.“
„Lassen wir die Gäste nicht länger warten.“
Der Sekretär holte ein in Seide geschlagenes Päckchen aus einer Schublade des Bücherschranks, bevor er die Tür öffnete und dann den beiden Männern folgte. Entlang des lichterfüllten Korridors, der zum Thronsaal führte, hielten an jeder Tür zwei Alabarderos des Tercio de Nápoles Wache. Die Soldaten zogen ihre federgeschmückten Hüte und salutierten; aber der Vizekönig winkte ab.
Wegen der sommerlichen Hitze standen die Fenster in der Galerie offen und wieder klangen die Stimmen der Neapolitaner zu ihnen. Einer der Alabarderos öffnete die Saaltür; Musik übertönte nun den Gesang des Trauerzugs und war gewiss auch auf der Straße zu hören.
„Macht die Fenster zu!“
Der Soldat gehorchte, aber schon blieben die ersten unter den erleuchteten Fenstern stehen und blickten hoch. Männer reckten ihre Fäuste; die Frauen stemmten die geballten Hände in die Hüften. „Es lebe der König von Spanien; Tod der Missregierung!“
Filomarino sah mit verkniffener Miene hinunter. „Ihr habt von Entsatz gesprochen.“
„Mit den Soldaten der Garnison allein können wir den Aufruhr nicht beenden.“
„Ihr hattet ihn schon beendet, Don Rodrigo! Das Volk war der Exzesse überdrüssig geworden.“
Der Hofmeister neben der Saaltür klopfte zwei Mal mit seinem Zeremonienstab; die Musik setzte aus. „Seine Exzellenz Rodrigo Ponce de Léon y Álvarez de Toledo, Herzog de Arcos, Markgraf de Zahara, Graf de Casares, Herr de Marchena, Vizegraf de Bailén und Herr de Villagarcia, Vizekönig Seiner Katholischen Majestät König Philipp IV. von Spanien.“ Er schnappte nach Luft. „Monsignore Ascanio Filomarino Della Torre, Erzbischof von Neapel.“
Der Vizekönig schritt das Spalier seiner Gäste ab und grüßte manche mit einem flüchtigen Nicken, andere mit ein paar Worten. Vor einem jungen Mädchen in fliederfarbenem Seidenkleid blieb er stehen. „Ihr werdet mit jedem Tag bezaubernder, Signorina.“ Er nickte den beiden Männern zu, die hinter ihr standen. „Ich freue mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid, Signor Scandore.“
„Es ist uns eine Ehre“, antwortete der Ältere.
„Ihr werdet bald zu uns gehören.“ De Arcos wandte den Blick wieder dem jungen Mädchen zu. „Mein Neffe hat Euch etwas schicken lassen.“
Sein Sekretär, der ihm mit einigen Schritten Abstand gefolgt war, überreichte Mirella Scandore das Päckchen.
Feine Röte stahl sich auf ihre Wangen. „Ich bin ... Er ist so großzügig.“
De Arcos wedelte ungeduldig mit der Hand. „Ach was; nur keine falsche Bescheidenheit. Das passt nicht zu Euch.“
Sie errötete noch mehr.
„Ihr habt Euch doch etwas dabei gedacht, als Ihr Euch von Felipe den Hof machen ließt.“
Aus nächster Nähe kam unterdrücktes Kichern; eine dunkelhaarige Frau hielt sich schnell ihren Fächer vors Gesicht.
Mirella krampfte die Finger um das Päckchen und reckte das Kinn, während der Vizekönig weiterging.


„Was denkt er sich eigentlich?“, zischte der junge Mann hinter ihr.
Enzo Scandore legte ihm die Hand auf den Arm. „Nimm dich zusammen, Dario.“ Er neigte sein Gesicht zu ihm herab. „Wir brauchen ihn noch.“
So leise er auch gesprochen hatte, Mirella hatte es doch gehört. Sie drehte sich um. „Nicht mehr lange. Wenn ich erst die Herzogin de Toledo d’Altamira y Leon bin ...“
Darios Gesicht verfinsterte sich noch mehr. „Den erstbesten Pfau musstest du dir aussuchen.“
„Er ist fast so reizend wie du.“ Mit einem koketten Augenaufschlag hängte Mirella sich an seinen Arm. „Tanz mit mir. Du bist der einzige junge Mann, mit dem ich mich noch amüsieren kann, ohne Anstoß zu erregen.“
„Siehst du; schon sitzt du im goldenen Käfig.“ Aber er geleitete sie doch in den Ballsaal, nachdem das Orchester sein Spiel wieder aufgenommen hatte.
Nach Menuett und Gigue winkte Maestro Trabacci die Flöten und das Tambour zu sich. Das Orchester begann eine Tammuriata zu spielen; übermütig warf Mirella sich Dario mit einer wilden Drehung in die Arme.
Nach kaum einer Minute wichen die anderen Paare eines nach dem anderen an den Rand des Ballsaals zurück. Dario ließ Mirella los und überließ ihr alleine die Tanzfläche. Sie reckte den Kopf noch höher, raffte ihre Röcke bis über die Knöchel und gab dem Konzertmeister einen Wink. Maestro Trabacci nickte mit einem breiten Grinsen und ließ ein wenig schneller spielen.
Die ersten Locken rutschten aus Mirellas kunstvoll hochgesteckter Frisur auf ihre Schultern und eine silberne Haarnadel fiel leise klirrend auf den Marmorboden.
Dann war der Tanz zu Ende. Mirellas lachte vergnügt und drehte sich noch einmal. Ihre Wangen hatten sich erhitzt, aber ihr Atem ging gleichmäßig wie zuvor.
Der Vizekönig kam auf sie zu. „Signorina, Ihr werdet am Hof Seiner Katholischen Majestät eine neue Mode einführen, wenn der König Euch tanzen sieht.“
Mirella lachte. „Das wäre mir bedeutend lieber denn als Hexe verbrannt zu werden.“ Sie strich ihre Locken zurück. „Oder gedenkt man endlich, das Autodafé abzuschaffen?“
„Ich fürchte, in diesen unruhigen Zeiten ist es notwendiger denn je.“ Er reichte ihr seinen Arm, um sie von der Tanzfläche zu geleiten. Auf seinen Wink spielte das Orchester weiter.
„Bedeutet das, Ihr wollt die Inquisition nach Neapel zurückholen?“ Mirella schluckte. „Das Volk ist schon jetzt geschlagen genug.“
„So steht Ihr auf der Seite der Aufrührer?“
„Exzellenz!“, hauchte sie. Sie bekam eine Gänsehaut. „Ich bin eine treue Untertanin der Krone.“
„Das solltet Ihr auch sein. Ihr setztet sonst Eure Verlobung aufs Spiel.“
Mit dem Thema war Mirella wieder in sicheren Gewässern. „Die Liebe zu Eurem Neffen geht mir über alles.“
Da zwinkerte de Arcos. „Tatsächlich?“
Mirella fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Eure Exzellenz zweifeln an meiner Aufrichtigkeit?“ Sie lächelte kokett, um ihre Worte notfalls als Scherz erscheinen zu lassen,
„An deiner Aufrichtigkeit nicht, mein Kind. An deiner Erfahrung.“ Er ließ sie mit einem Kopfnicken stehen.
Mirella griff sich mit beiden Händen in die Haare, um sie wieder zu bändigen. „Was bildet der sich ein?“ Der Vizekönig war unausstehlich in seiner Arroganz. „Erfahrung!“
„Warum schimpfst du so, Schwesterchen?“ Dario stand in ihrem Rücken und lehnte seine Stirn auf ihre Schulter. „Hat er dich geärgert?“
„Ja.“ Am liebsten hätte sie ihrem Zorn freien Lauf gelassen und mit dem Fuß aufgestampft; schon zuckten ihre Muskeln. „Er scheint zu glauben ... Er zweifelt an meiner Erfahrung.“
Dario lachte unfroh. „Wenn du sie hättest, wärest du untragbar als Braut eines spanischen Granden.“
Sie nahm seine Hand. „Lassen wir uns etwas zu trinken geben.“
Als sie an einem der Fenster vorbeigingen, blickte Mirella hinaus. In der beginnenden Dämmerung leuchteten die ersten Fackeln in der Gasse, die zur Basilika del Carmine führte. „Er sprach vom Aufruhr. Und von der Inquisition.“
„Die Inquisition brauchen wir nicht zu fürchten. Die hält uns der Erzbischof vom Hals.“
Sie starrte noch immer hinaus auf den Largo. „Wenn ich mir vorstelle ...“
„In Neapel brennt kein Scheiterhaufen. Darin ist Filomarino sich mit dem Heiligen Stuhl einig, glaub mir.“ Er wandte sich den Gästen zu und sah sich um, als suche er jemanden; „Wir erschlagen unsere Feinde.“
„Wir haben doch gar keine.“
„Doch.“ Dario deutete nach draußen. „Der Pöbel kennt kein Gesetz. Und in einem rechtlosen Zustand verlieren wir alle.“ Er griff nach ihrer Hand und zog sie weiter zum nächsten Saal.
Auf zwei langen Tischen war das Büfett aufgebaut – Pasteten und Geflügel vor allem und üppige Mengen an spanischem Zuckergebäck; dazu spanischer Süßwein, der in Mode gekommene prickelnde Blanquette de Limoux und der Anglianico aus der Basilikata, den der Vizekönig zu seinem Hauswein erkoren hatte.
„Aber das stimmt doch gar nicht. Sie wollen bloß weniger Steuern zahlen und die alten Privilegien zurück.“
„Und das Gemetzel der letzten Tage? Glaub mir, es ist noch nicht zu Ende.“ Dario wies zurück zum Thron des Vizekönigs am Ende des anderen Saals. „Hast du sie nicht gehört während des Trauerzugs? Ich fürchte, Don Rodrigo hat einen großen Fehler gemacht.“
Er ließ sich von einem der Lakaien ein Glas Blanquette reichen. Als auch Mirella ihre Hand ausstreckte, hielt er sie fest. „Alkohol ist nichts für kleine Mädchen.“
„Ich bin bald verheiratet.“
„Aber noch nicht einmal fünfzehn.“
Sie blitzte ihn an und hob die Brust zu einer zornigen Entgegnung.
Dario lachte amüsiert. „Geb Er der künftigen Herzogin de Toledo d’Altamira y Leon auch ein halbes Glas davon.“
Der Lakai beeilte sich einzuschenken und Mirella prostete Dario mit einer beschwingten Drehung zu. „Übers Jahr trinke ich so viel ich will.“
„Das möge Felipe verhüten. Du bist schon jetzt außer Rand und Band.“
Mirella trank in zwei Schlucken aus und gab das Glas zurück. „Lass uns tanzen. Wenn du Recht haben solltest, mag dies der letzte Ball für lange Zeit ...“
„Eigentlich ...“
„Nun komm! Mit Stefania kannst du noch oft genug tanzen.“
Seufzend folgte er ihr, aber dann wurde er von einem älteren Mann angehalten, dessen taubenblaue Weste sich zum Platzen über seinem Bauch spannte. „Scandore, kann ich mit Ihm reden?“
Dario blickte zwischen Mirella und ihm hin und her. „Besser nicht jetzt.“
Der Mann sah gleichfalls zu Mirella. „Ich verstehe.“ Mit einer Kopfbewegung, die ein Gruß genauso gut wie ein Wink für Dario sein konnte, ging er weiter.
„Der ist nicht von hier. Wer war das?“
„Einer von Vaters Kunden, wer sonst?“
Mirella drehte sich um und betrachtete ihn ungeniert genauer. „Er hat viel Geld.“
Dario zuckte die Achseln. „Er liebt es, mit dem Familienschmuck zu protzen.“
„Dann sind die zehn Ringe an seinen Fingern vermutlich alle, die er besitzt.“ Sie kicherte.
„Du bist jetzt schon betrunken.“
Statt wieder mit ihr zu tanzen, wie sie erwartet hatte, brachte er sie zu Enzo zurück. „Ich habe jemanden getroffen ...“
Mirella zog einen Flunsch. „Dies ist ein Fest, kein Kontor.“
„Ich habe ihr erlaubt, einen Schluck zu trinken.“ Er hielt den Kopf schräg. „Es tut mir leid, Vater.“
Enzo klopfte ihm auf die Schulter. „Du kannst sie nicht ewig von allem fern halten.“
„Ich bin auch nicht ewig die kleine Schwester.“
Dario zog sie an einer ihrer losen Strähnen. „Was denn? Die große?“
Alle drei lachten.
„Hättest du denn gerne eine große Schwester?“
Dario schüttelte den Kopf. „Mirella ist schon richtig, so wie sie ist.“ Zielstrebig ging er davon; er wusste offensichtlich, wo der Taubenblaue ihn erwartete..
„Geh tanzen, mein Kind. Wer weiß, wann du wieder Gelegenheit dazu hast.“
Die Unkerei der beiden begann ihr die Festlaune zu verderben; Mirella zog die Nase kraus. „Jetzt redet Er schon genau so. Aufruhr ... Gemetzel ... Inquisition ...“
„Wer redet von der Inquisition?“ Enzo klang alarmiert.
„Niemand.“ Sie wedelte nervös mit ihrem Fächer. Tatsächlich war sie es gewesen, die davon angefangen hatte. „Jedenfalls nicht in Neapel.“
Enzo sah ihr prüfend ins Gesicht. „Hast du das auch richtig verstanden?“
„Dario sagt, der Erzbischof wird es nicht zulassen.“
„Wir gehen unruhigen Zeiten entgegen. Wer weiß, wie lange er sich durchsetzen kann.“
„Aber der Papst ...“
„... stellt sich vielleicht auf die Seite Frankreichs.“
„Was haben die gabelle mit Frankreich zu schaffen?“
„Viel, mein Kind.“
Sie sah ihn groß an; meinte er den Krieg in Flandern? „Aber wir gehören doch zu Spanien.“
„Das war nicht immer so.“
Mirella lauschte einen Moment nach draußen; aber auf dem Largo war es still geworden. Die Menschen waren in der Kirche – oder nach Hause gegangen. „Niemand stellt es in Frage.“
„Bis jetzt. - Nicht in der Öffentlichkeit.“
„Dario sagt, Don Rodigro habe einen Fehler gemacht. Meint Er, wenn er sich stur stellt ...?“
Enzo nickte. „Es könnte jemand auf die Idee kommen, dass es lästig ist, immer wieder von Neuem über die Steuern zu streiten. Zudem sind manche der Meinung, dass die Barone aus der Provinz zu viel Einfluss in der Reggia haben.“ Er tätschelte ihren Arm. „Geh dich amüsieren; das sind keine Themen für ein junges Mädchen.“
Sie starrte ihm hinterher, als auch er den Thronsaal verließ.
Ihr Blick traf den eines jungen Patriziers. Bewunderung lag in seinen Augen. Aber als sie ihm zulächelte, wandte er sich schnell ab. Wohl auch einer von denen, die seit ihrer Verlobung nicht mehr wagten, mit ihr zu tanzen. Doch den jungen spanischen Adligen galt sie immer noch als Bürgerliche. Nur die Alten, die wollten sich mit ihr schmücken – und traten ihr dabei ständig auf die Füße.
Missmutig ließ sie sich in einen Fauteuil fallen; sie hatte es satt, nirgendwo dazuzugehören.
Aus der Ferne kam ein Knall – fast klang es wie eine Arkebuse. Mirella wandte den Kopf. Dann folgte ein anderer. Dies war eindeutig ein Schuss. Neugierig stand sie auf und spähte aus dem Fenster.
Der Largo lag verlassen im Dunkeln. Aber  über Santa Lucia war es heller geworden; ein Feuer begann dort, sein Licht zu verbreiten. Rasch wurde es größer.
„Es brennt!“ Mirellas Stimme hatte einen hysterischen Klang; unangemessen – es war doch weit weg. Aber ihr schauderte.
„Was ist los?“ Stefania d’Oliveto, ihre adlige Freundin aus der Klosterschule, stand plötzlich hinter ihr.
Mirella deutete nach draußen. „Man hat schon wieder ein Feuer gelegt.“ Sie drehte sich um.
„Was für eine Dummheit. Sie schaden doch sich selbst.“ Stefania legte ihren Arm um Mirellas Taille.  „Warum geben die Menschen keinen Frieden?“

„Sie sind arm und unwissend.“
„Unwissend - das gilt leider auch für den Vizekönig. Er hat nichts begriffen von Neapel in diesen eineinhalb Jahren. Cabrera wusste schon, warum er sich ablösen ließ.“
„Denkst du auch, dass der Aufstand noch nicht zu Ende ist?“
Stefania deutete zum Fenster zurück. „Du siehst es doch selbst. Sie hatten genug von dem verrückten Fischer; aber noch mehr haben sie genug davon, ausgepresst zu werden.“
Mirella sah sie bewundernd an. „Du bist genauso klug wie Dario. Mein Vater redet nie mit mir über Politik. Wenn ich Dario nicht hätte ...“
Stefania lachte. „Dein Bruder ist ein Feuerkopf. Schade, dass er keinen Adelstitel hat.“
„Du meinst ....“ Mirella starrte die Freundin an. „Seit wann ...“ Sie schnappte nach Luft.
Stefania drückte ihr die Hand. „Wir warten nur darauf, dass du heiratest; dann ist er immerhin der Schwager eines Granden.“
Mirella wurde es heiß. Dass das Glück ihrer Freundin von der Hochzeit mit Don Felipe de Toledo d’Altamira y Leon abhängen könnte; darauf wäre sie nie gekommen. Sie starrte zu Boden; hoffentlich ging alles gut. „Wie schön wäre es, wenn wir ohne Standesdünkel leben könnten.“ Dann würden alle Männer mit ihr tanzen, dessen war sie sicher.
Stefania nickte. „So wie wir beide. – Aber wer ist schon wie wir gemeinsam in die Schule gegangen.“ Sie zog Mirella vor den nächsten Spiegel. „Wir ähneln uns sogar: die gleichen dunklen Locken, die gleichen grünen Augen.“ Sie drückte ihre Nasenspitze nach oben. „Und die gleiche himmelwärts strebende Nase.“
Sie lachten sich im Spiegel zu.
Eine der Spanierinnen öffnete eines der nächstgelegenen Fenster und beugte sich hinaus. Dann drehte sie sich um und fuchtelte mit den Händen. „Fuego ...“ Die folgenden Worte kamen zu hastig, um verständlich zu sein. Mehrere Frauen eilten auf sie zu und begannen heftig zu debattieren.
Ein Seitenblick, den Mirella auffing, schien ihr feindlich und sie schüttelte sich. Sie wechselte ins Neapolitanische. „Die Spanierinnen scheinen ihren Truppen wenig Vertrauen zu schenken. Sie fürchten sich.“
Erstaunlicherweiser fand Stefania das nicht amüsant. „Sie haben nicht genug Soldaten. Wenn Vater Recht hat ...“
Dario trat zu ihnen; Stefania reichte ihm die Hand. „Wo hat Er den ganzen Abend gesteckt?“
„Ich habe mit meiner schönen Schwester getanzt.“ Aber nicht den ganzen Abend – warum mochte er Stefania nichts von dem Fremden sagen? Mirella beobachtete ihn mit wachsamen Augen. Dario lächelte sparsam. „Gibt Sie mir die Ehre?“
Wie gut er sich verstellte. Nicht einmal sie hatte etwas geahnt. Ob Stefania sich von Dario küssen ließ, wenn sie unbeobachtet waren? Sie würde die Freundin fragen und ihr keine Ausflüchte zugestehen. Unvermittelt kicherte sie: Erfahrung – hier bekäme sie sie zumindest aus zweiter Hand.
„Wenn Er meine Tritte ertragen mag. Er weiß, dass ich nicht halb so begabt bin wie Mirella.“ Stefania zwinkerte ihr zu; dann reichte sie Dario den Arm.
Er neigte demütig den Kopf. „Ich werde tapfer sein.“ Seine Augen glänzten begehrlich.
So verriet er sich doch. Mirella grinste ihnen triumphierend hinterher.



Erstes Kapitel aus: "Köngliche Republik". Historischer Roman. 

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