7.5.17

#SampleSunday: Die Piratin


 Seefahrer, Elfen und Drachen ... und Pferde

Erster Roman der Reihe "Drachenwelt"

 Nanja, die Piratin von den Schwimmenden Inseln, stiehlt ein Dutzend Pferde vom nächstgelegenen Kontinent.  Ein Adliger der Dracheninsel will sie gegen die einheimischen Drachen antreten lassen und mit dem Spektakel seine Macht festigen.
Doch erst eine Flaute, dann ein Erdbeben und schließlich ein Angriff von Dämonen drohen Nanjas Geschäft mit dem Adligen zu ruinieren. Es scheint, als sollten die Pferde die Dracheninsel nicht erreichen.
Dann wird Nanjas Auftraggeber selbst  zu ihrem Feind, denn er braucht den einen ihrer Seemänner,, der mit den Pferden umgehen kann. Er bringt Ron und Nanja  in seine Gewalt, damit er das Rennen für ihn gewinnt. 
Aber als Ron dann wieder frei ist, ist er keineswegs in Sicherheit ...

Universal Link


1

Lautes Schnurren in ihrem Nacken weckte Nanja. Schon wieder hatte sich eine der Katzen in die Kajüte geschmuggelt. Ohne die Augen zu öffnen, griff sie hinter sich und schob das Tier aus der Koje.
Eindeutig der rot gefleckte Kater: Es war seine empörte Stimme, die für einen Moment alle anderen Schiffsgeräusche übertönte. Kurz darauf fiel etwas klirrend zu Boden. Nanja rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und schwang die Beine aus der Koje. Der Kater saß auf dem Kartentisch. Wieder einmal. Er maunzte vorwurfsvoll.
Nanja warf ihm einen ebenso vorwurfsvollen Blick zu und hob den Solstein auf, den er heruntergeworfen hatte. Dann öffnete sie das breite Kajütenfenster und beugte sich hinaus. Wie eine Katze flehmte sie nach einer Brise; die aufgehende Sonne ließ sie blinzeln. Die See war noch immer glatt, aber das Plätschern gegen den Schiffsrumpf schien ein wenig lauter als in den letzten Tagen. Vielleicht der erste zaghafte Vorbote von Wind. 
Sie schnürte das lange Hemd zu, in dem sie geschlafen hatte, und entwand dem Kater ein paar Seidenbänder, so grün wie ihre Augen. Das Glas des geöffneten Fensters vor sich als Spiegel, flocht sie die Bänder in die hüftlangen braunen Haare. Dann zog sie einen bunten Leinenrock über den Kopf, schlüpfte in Stiefel und steckte ihren eisernen Dolch in den Gürtel. Den Kater klemmte sie unter den Arm, bevor sie die Kajüte verließ. „Geh, mach deine Arbeit und kümmere dich um die Ratten.“ 
So früh am Morgen waren viele Seeleute noch unter Deck. Solange die Flaute anhielt, konnten sie den Tag gemächlich angehen lassen.
Kethan, der junge Bootsmann von den Schwimmenden Inseln, stand neben dem Achterdeck am Schanzkleid, den grimmigen Blick auf das bewegungslose Toppsegel am Großmast gerichtet. Er sah zu ihr, als sie die Tür hinter sich schloss. „Was will Margoro eigentlich mit diesen Tieren?“
Beim Großmast, vor dem Achterdeck der Brigantine, war ihre kostbare Fracht untergebracht: Pferde, die sagenhaften Renntiere vom Festland. Eine Herde von dreizehn Tieren hatten sie von den Weiden der Sabienne in Thannes Lane an Bord der „Agena“ gebracht: ein  männliches Tier – Stallone nannten es die Sabienne – von beeindruckender Schönheit und zehn Weibchen. Zwei von ihnen hatten Junge, die nun ebenfalls an Bord waren, denn Nanja hatte es nicht übers Herz gebracht, die zutraulichen Tiere sich selbst zu überlassen.
Nanja setzte den Kater ab; er huschte Richtung Kombüse davon. „Seit wann denkt ein Adliger darüber nach, wozu er etwas braucht? Hauptsache, er hat es.“
„Kann uns auch egal sein, solange er uns bezahlt.“ Khetan salutierte mit einem Grinsen und ging zur Ladeluke neben dem Niedergang.
Ron, einer der wenigen Festländer, die mit ihnen segelten, stand im Unterstand zwischen den Tieren. Im letzten Hafen, den sie in Thannes Lane angelaufen hatte, war er an Bord gekommen und hatte wie selbstverständlich die Betreuung der Pferde übernommen. Keiner verstand es wie er, sie ruhig zu halten.
Er  hatte einen der kleineren Wasserbottiche zwischen seinen Füßen stehen und schien sorgsam darauf bedacht, dass alle Pferde gleichermaßen ein paar Schluck Wasser bekamen.
Farwo, ein anderer der Bootsmänner, lehnte am Großmast und verfolgte Rons Tun mit unübersehbarem Missfallen. Zählte er die Tropfen oder was? Wenn die Pferde krank wurden, würde Margoro mit gutem Recht den vereinbarten Preis drücken. Oder sich überhaupt weigern, sie anständig zu bezahlen.
Als Farwo gleich darauf an den Pferden vorbeiging, keilte der Stallone aus und schlug wiehernd mit den Hinterhufen gegen die hölzernen Streben, die den Unterstand begrenzten. Unwillkürlich wich er zurück. Aber das Pferd war noch nicht fertig. Mit einem zornigen Wiehern wandte es sich gegen Farwo und stieg, die Hufe drohend über dem Geländer.
 Ron sprang hinzu, griff dem Stallone in die Mähne und versuchte ihn zu beruhigen. Das Pferd schüttelte wild den Kopf, als ob es Ron loswerden wollte. Aber dann ließ es sich wieder auf seine Vorderbeine fallen; dabei trat es mit einem Huf in den Bottich.
Das Wasser ergoss sich über das Stroh im Unterstand und sofort drängten und schubsten  die Pferde, um etwas von der versickernden Flüssigkeit aufzulecken. 
Aufs Höchste erbost griff Farwo nach einem Enterhaken und schlug Ron quer über die Brust. „Ich ziehe dir das verschwendete Wasser von deiner Ration ab.“ 
Ron krümmte sich vor Schmerz und fiel ächzend auf die Knie.
So behandelte man auf ihrem Schiff niemanden! Nanja kniff zornig die Augen zusammen. Sobald sie ihn allein vor sich hatte, würde sie ihn zur Rede stellen.
„Das nächste Mal passt du besser auf.“ Farwo ließ den Enterhaken fallen und winkte zwei Matrosen herbei, damit sie ihm wieder auf die Beine halfen.
Immer noch kopfschüttelnd stieg Nanja den Steuerbordaufgang zum Achterdeck hoch.  Am liebsten hätte sie Farwo öffentlich zur Rede gestellt, aber das war nicht klug.
Sitaki stand oben am Ruder – breitschultrig, breitbeinig –, wie er schon dort gestanden hatte, als ihr Vater sie als Siebenjährige zum ersten Mal aufs Schiff mitgenommen hatte.
Mit der Pfeife im Mundwinkel quetschte er seinen Kommentar hervor.  „Warum lässt er Ron nicht machen? Man sollte denken, dass die Festländer zusammenhalten, aber Farwo scheint ihn als Rivalen zu sehen.“
Sie knurrte. „Landmenschen!“
„Dieser Ron dürfte inzwischen begriffen haben, worauf es ankommt. Aber  Farwo macht ihm das Einleben schwer. “
Ron zog sich gerade das Hemd über den Kopf. Der Enterhaken hatte einen blutunterlaufenen Abdruck unterhalb seines Brustkorbs hinterlassen. Wohl proportionierte Schultern, aber nicht übermäßig breit – er sah nicht so aus, als ob er schwere Arbeit gewohnt wäre. Ein Landmensch eben. „Er taugt immer noch bloß dazu, die Pferde zu hüten.“
„Was kein anderer sonst kann. Du solltest ihm beistehen, wenn Farwo ihn schikaniert.“ Sitaki blinzelte zum Toppsegel hoch, das immer noch bewegungslos am Großmast hing. „Es wird genauso heiß und windstill wie gestern.“
„Das Wasser wird knapp.” Zu dieser Jahreszeit dauerte die Überquerung des Ozeans normalerweise knapp zwei Wochen und sie hatten großzügig Vorräte für drei mitgenommen. Aber es war immer noch zu wenig. 
Nanja klopfte Sitaki auf die Schulter. „Puste ein bisschen mehr, mein Alter. Ich gehe frühstücken.“
Inzwischen sah Farwo seine Aufgabe als Bootsmann wieder einmal darin, Peire und Samnang, die Schiffsjungen, zu schikanieren. Die beiden saßen neben einem der Landungsboote und spleißten Taue. Farwo rupfte eines wieder auseinander. „Was soll der Mist? Ist euch nicht klar, dass ein Leben davon abhängt?“
Er hatte ja recht; aber so würden sie nie lernen wollen, wie man es richtig machte.
Nanja  trat zu den Pferden ans Gatter. „Guten Morgen, ihr Schönen!“ Sie sprach laut. Pferde schienen im Gegensatz zu den Drachen der Inseln keine Gedanken sehen zu können. So, wie sie es auf einem Markt der Sabienne beobachtet hatte, streckte sie die Hand flach über das Geländer.
Der Stallone warf den Kopf hoch und schnaubte. Dann kam er neugierig heran und schnupperte an ihren Fingern. Sein Maul war viel weicher als das ihres Flugdrachen Tiruman. Sie lachte amüsiert, als er gleich darauf das Maul in der Tasche ihres weit geschnittenen Rocks vergrub: Verfressen – darin glichen sich alle Tiere.
Eines der weiblichen Tiere – eine der Cavalla – reckte den Kopf über das Geländer. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihren Rücken und obwohl das Fell dunkelbraun war, hatte es in diesem frühen Morgenlicht einen Schimmer ähnlich dem der silbernen Schuppen Tirumans.
„Gibt man euch eigentlich auch Namen? Und hört ihr darauf wie unsere Drachen?“ Behutsam strich Nanja über den Hals der Cavalla. Das Pferd legte den Kopf auf ihre Schulter und sie kraulte es hinter den Ohren, wie sie es mit Tiruman tat. Aber die Cavalla schnurrte nicht.
Ron stand neben der Luke zum Laderaum und ließ sich einen Ballen Heu hochreichen. Unvermittelt schleuderte er den Heuballen in Richtung Unterstand und Nanja wurde in eine Staubwolke gehüllt; sie hustete und runzelte die Stirn. Er war wirklich nicht achtsam genug mit dem, was er tat.
„Verzeiht, Kapitänin.“
Immerhin.
Er brachte den Pferden das Futter und sprach leise mit einer der Cavalla, die ihren zierlichen Kopf auf seinen Arm legte.
Nanja lächelte. Das weiße Pferd und der schwarzhaarige Mann ergaben ein Bild wie aus einer Zeichnung ihrer Mutter. „Anmutige Tiere. Fast so schön wie Tiruman.”
Ron sah auf, sichtlich überrascht, dass sie ihn ansprach. „Wer ist das?”
„Der Drache, den ich aufgezogen habe. Ein Flugdrache.” Sie war einen Monat lang nicht zur See gefahren, um das Drachenei zu hüten.
„Auf dem Festland gibt es keine Drachen.” Also hatte er noch nie einen gesehen. Was würde er wohl von ihnen halten? Sie waren monströs im Vergleich zu seinen Pferden.
„Sie haben einen Panzer statt des Fells. Aber die silberfarbenen Schuppen der Flugdrachen schimmern in der Sonne genauso wie das Fell der schwarzen Pferde.” Ihr Blick verlor sich in der Ferne. Selten hatte sie etwas so tief berührt wie der Anblick des verknautschten Wesens, das sich  mühsam durch die harte Schale pickte. Die Elfen hatten sie davon abgehalten, ihm zu helfen; es war seine Aufgabe, nicht ihre. „Selbst für uns Hochseebewohner ist es eine unerhörte Ausnahme, mit einem Flugdrachen zu leben. Ich bin stolz darauf und liebe meinen Drachen mehr als alles sonst auf der Welt.“
In den aufmerksamen Blick, mit dem Ron ihr zuhörte, stahl sich ein amüsiertes Funkeln. Müsste er ihre Liebe für Tiruman nicht verstehen, wo er diese Pferde doch so hätschelte?

Lert, der Schiffskoch, hatte ihr einen einzelnen verschrumpelten Apfel auf den Tisch gelegt − nicht nur das Wasser wurde knapp. Sie schnitt den Apfel in dünne Scheiben, um den bröckeligen Zwieback mit dem halb vertrockneten Obst genießbarer zu machen. Das Wasser roch nach moderndem Holz und schmeckte brackig. Angewidert stellte sie den Holzbecher nach einem Schluck beiseite.
„Dreimaster an Backbord“, kam ein Ruf vom Krähennest.
Sie steckte den letzten Bissen Apfel-Zwieback in den Mund und ging an Deck. 
Bald darauf war das Schiff am südlichen Horizont für alle sichtbar: Eine Fleute, wie sie die Salzhändler aus Sondharrim im Süden der Dracheninsel gern benutzten. Dank des niedrigen Tiefgangs konnten sie mit ihnen weit in die Salzmarschen von Dhaomond hineinfahren.
Der Dreimaster driftete langsam auf sie zu. Zwei der Rahsegel am Großmast hingen in Fetzen und der Fockmast schien auf halber Höhe gekappt worden zu sein. Entweder war das Schiff in schweres Wetter geraten oder in ein Gefecht.
„Setz die Flagge von Kruschar“, befahl Nanja. Farwo zog die Brauen hoch, aber er gab den Befehl kommentarlos weiter: In gewisser Weise segelten sie derzeit im Auftrag von Kruschar. 
Nanja stieg zu Sitaki aufs Achterdeck. „Hoffentlich können wir ihnen noch helfen.“
„Wir kämen allemal zu spät.“ Farwo war ihr gefolgt; er dachte offensichtlich, er hätte etwas zu sagen zu dem, was sie taten.
Sitaki musterte ihn mit offenkundigem Missfallen. „Manchmal wäre es gut, wenn wir Riemen hätten!“
„Rudern? Hast du schon einmal einen freien Mann rudern sehen?“ Farwo verzog angewidert den Mund.
„Menschen nicht, aber Elfen.“ Sitaki grinste. „Du kannst viel von ihnen lernen.“
„Wir werden auch so zu diesem Schiff gelangen.“ Auch als Kaperfahrerin hielt Nanja sich an das Gesetz der See, jedem in Not geratenen Schiff zu helfen. Sie befahl den Bootsmann zurück aufs Deck. „Lass alle Segel setzen! Fangt mir jeden Windhauch ein!“
„Unser Ziel liegt im Osten.“ Farwo rührte sich nicht. „Denen dort nützt es nichts und wir sind bald selber in Not.“
„Eine lohnende Prise ist es allemal.“ Sitaki richtete den Kurs nach Süden aus. „Ich lasse keine Beute in Sichtweite an mir vorbeitreiben.“
Farwo blickte von einem zum anderen, dann stieg er mit einem empörten Schnauben hinunter. 
Sitaki schob seine Pfeife vom rechten Mundwinkel in den linken. „Was für ein Besserwisser.“
 „Ich hätte ihn nicht anheuern sollen.“ Aber nach der Schlacht gegen die Schiffe von Allcress waren so viele verletzt gewesen, dass sie zusätzliche Seeleute vom Festland brauchten, um die Agena zu segeln.

Wer nichts zu tun hatte, stand neugierig am Schanzkleid; gespannt, was sie auf der Fleute finden würden: Sie hofften alle auf eine gute Prise. Selbst Ron interessierte sich einmal für etwas Anderes als seine Pferde.
Bis zum späten Nachmittag gelang es Sitaki, so nahe an die havarierte Fleute heranzukommen, dass sie hinüberrudern konnten. An Deck des fremden Schiffs rührte sich nichts. Bis auf eine kleine Gestalt am Ruder wirkte es aufgegeben.
„Ein Kind“, rief Ron verblüfft. „Ein Wunder, dass es noch lebt.“ Hier muss auch der Aspekt „besonderer Draht“ auftauchen - Verwundderung von Nanja über sein Interesse - sspzeill an dem Kind .. Er kännte von scih aus drum bitten, mit hinüber zu rudern..
Nanja blinzelte gegen die Sonne. Tatsächlich ein Kind. „Ein kleines Mädchen!“ Es reichte nicht einmal bis zur Oberkante des Ruders.
Sie befahl, zwei Boote ins Wasser zu lassen und fuhr selber mit Farwo, Ron und einem weiteren Dutzend Männern hinüber. Mit Kindern kannten die sich nicht aus.
An Deck der Fleute stiegen sie über wirr herumliegendes Tauwerk und mussten erst ein zerfetztes Segel beiseite räumen, ehe sie die Decksluke öffnen konnten. Fauliger Gestank schlug ihnen entgegen. Während die Männer hinunterstiegen, ging Nanja zu dem Mädchen aufs Achterdeck.
Das Ruder war festgezurrt und ließ sich nur wenige Finger breit bewegen. Die Kleine hielt sich mehr daran fest als zu steuern. Sie strich sich die dunklen Haare aus dem salzverkrusteten Gesicht und begrüßte Nanja mit einem müden Lächeln.
„Gut, dass ihr endlich kommt!“, murmelte sie. „Ich warte schon so lange auf euch.“
Nanja ging in die Hocke und legte den Arm um sie. „Wie heißt du? Was ist hier passiert?“
„Ich bin Lastella.“ Ein Elfenname. Lastella begrüßte sie so unaufgeregt, weil sie zuvor in ihre Gedanken geschaut hatte.
„Was ist passiert?“, wiederholte Nanja. „Warum bist du allein hier oben?“
In den Augen der Elfin glitzerten Tränen; sie versuchte, sie wegzublinzeln. „Sie sind alle unter Deck.“ Sie sprach leiser und leiser. „Vater ist gestorben und alle anderen auch.“ Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und blickte aus den Augenwinkeln hastig um sich. „Dämonen haben sie in Besitz genommen.“ Dämonen – trotz der Elfen an Bord; das war beunruhigend.
Nanja schauderte bei der Vorstellung, was sich unter Deck abgespielt haben musste. „Haben sie sich gegenseitig umgebracht?“
„Seitdem warte ich darauf, dass ein anderes Schiff kommt. Wir sind so weit weg von zu Hause. Niemand weiß etwas.“
„Du denkst, niemand hat deine Gedanken wahrgenommen?“
Lastella nickte. „Es ist zu weit. Erst als dein Schiff näher kam, habe ich den Schatten einer Antwort gesehen.“
„Wir bringen dich nach Hause“, versprach Nanja.
„Wer bist du?“
Nanja lächelte. „Ich bin die Piratin.“
„Dann kennen sich unsere Väter.“
„Aber jetzt sind sie beide tot.“
„Deiner auch?“ Lastella  drückte Nanjas Arm. „Das tut mir leid.“
„Warum seid ihr überhaupt mit einem fremden Handelsschiff auf Reisen gegangen?“
Lastella machte ein ratloses Gesicht. Natürlich, sie konnte kaum eine Antwort darauf haben: In Gegenwart ihres Vaters hatte sie sich wohlerzogen aus den Gedanken der anderen herausgehalten.
Farwo kam zu Nanja aufs Achterdeck. „Dort unten liegen zehn tote Männer. Die meisten haben schwere Verletzungen, die nicht versorgt worden sind. Nur zwei Leichen scheinen äußerlich unversehrt.“ Er starrte Lastella nachdenklich an. „Danke Aharon, dass du noch lebst.“
Lastella presste die Mundwinkel verächtlich herab. Eher schrieb sie Aharon zu, dass ihr Vater tot war.
„Der Rest der Besatzung ist wohl über Bord gegangen.“ Das war gewiss, denn mit nur zehn Männern konnte man selbst eine Fleute nicht segeln.
„Lastella spricht von Dämonen.“ Nanja lief erneut ein Schauer über den Rücken. „Und die Ladung?“
Farwo breitete grinsend die Arme aus. „Äxte, Schwerter, Lanzen. Metall, so viel du willst.“
Einer nach dem anderen stiegen die Seefahrer wieder an Deck und brachten die Leichen hoch. Lastella umklammerte Nanjas Arm mit beiden Händen, während sie sie betrachtete. Eine der unversehrten Leichen war ihr Vater. Der Elfenfürst hatte die Augen weit aufgerissen, als habe er im letzten Moment seines Lebens etwas Furchtbares gesehen. Von Lastella kam ein Laut wie ein unterdrückter Schluchzer.
Nanja bückte sich und schloss ihm die Lider. Während die anderen Toten über Bord geworfen wurden, ließ sie den Elf in ein Segeltuch einschlagen und wieder unter Deck bringen.
Dann stieg sie hinunter, um sich die Waffen anzusehen. „Ladet das Zeug um. Ich weiß, wen wir damit glücklich machen können.“ Die Rebellen von Dhaomond zahlten gut.
Sie warteten, dass die „Agena“ nahe genug heran war, dann nahmen sie die Fleute in Schlepp. Drei Männer blieben zurück, um sie zu manövrieren.
Als Nanja mit den anderen wieder in die Boote stieg, bestand Lastella darauf, dass Ron ihr vom Schiff herunterhalf und im Boot drückte sie sich an ihn. Es schien ihm nichts auszumachen. Was für ein seltsamer Mann, der mit Kindern genauso gut umgehen konnte wie mit Pferden.
„Bevor wir wieder auf Kurs nach Kruschar gehen, bringen wir Lastella nach Hause auf die Schwimmenden Inseln.“ Wenn sie nur aus der Flaute herauskamen – Wasser war ein größeres Problem als die Zeit, die bis zum Herbstfest blieb.
Ron strich dem Mädchen übers Haar. „Du bist eine Elfin?“ Ehrfürchtiges Staunen lag in seiner Stimme.
„Weißt du das denn nicht?“  Für einen Moment wirkte Lastella fassungslos. Dabei erkannten selbst Hochseebewohner Elfen nicht immer. „Ich bin Loperos Tochter und wenn ich groß bin, bin ich eine Prinzessin.“
Nanja lachte amüsiert. „Eine Prinzessin bist du schon jetzt.“
Lastella sah an ihren schmutzigen Kleidern herab und rümpfte die Nase.


Überarbeitete Ausgabe des Romans, der 2013 vom Carlsen Verlag unter "impress" herausgegeben worden war. Diese neue Ausgabe entspricht meinen ursprünglichen Intentionen als "klassischer" Fantasy-Roman.

Die E-Book-Ausgabe ist bei Amazon und unter diesem universellen  Link  auf allen internationalen und vielen nationalen Plattformen wie den tolino-Shops erhältlich.
Das Taschenbuch bei Amazon und Barnes&Noble