13.5.15

#SampleSunday:"Flirt mit einem Star"

Ein Tanzroman aus der Reihe  "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee"



Tanja Walters‘ heimliche Liebe ist ihr Square Dance-Partner Micky Hasloff. Doch als die Tänzer für einen Western engagiert werden, flirtet sie mit dem Star des Films, Manolo Rioja. Aus Eifersucht sabotiert Micky den Dreh. Ein Treffen mit Rioja und dessen Ehefrau überzeugt ihn, dass nicht der Star ihm im Weg steht, sondern seine eigene Furcht. Wagt Micky nun, Tanja seine Liebe zu offenbaren?.

1

Tanja Walters schreckte mit ihrer abgefahrenen Fahrradklingel zwei Elstern auf, die sich auf dem Radweg um einen glitzernden Fetzen Stanniolpapier zankten. Das Papier blieb liegen, als die beiden in die Kastanie vor dem Festplatz am Zehlendorfer Hüttenweg flüchteten.
Tanja stieg ab und schloss das Fahrrad an einer Straßenlaterne an. Dann bückte sie sich nach dem Stanniol und warf es in den nächsten Abfallkorb. Das hatten sie nun davon!
An jedem Karussell spielte eine andere Musik; die Betreiber versuchten anscheinend, einander zu übertönen. Dachten sie, wer am lautesten war, lockte die meisten Leute an? Der verführerische Duft nach Gegrilltem kam ihr entgegen. In einer Gasse, in der Barbecue-Buden mit Mais, Grillrippchen, Steaks und amerikanischem Bier standen, drängten sich die Festbesucher. Sie kam zwar gerade vom Mittagessen, aber sie hätte sich trotzdem wenigstens ein Rippchen gekauft, wenn die Schlangen vor den Essensständen nicht so lang gewesen wären.
Für sie als Square Dancerin war das Deutsch-Amerikanische Volksfest geradezu ein Muss. Und sie liebte es. Das echte Amerika konnte sie sich frühestens leisten, wenn sie mit dem Architektur-Studium fertig war.
Am Riesenrad traf sie den ersten aus dem Tanzclub Lietzensee: Norbert Kaminski stieg mit seinem zwölfjährigen Sohn Oliver aus einer Gondel.
„Tanja, Tanja!“ Oliver hüpfte auf sie zu. „Fährst du Geisterbahn mit mir?“
„Wieso ich?“ Sie grinste Norbert an. „Fürchtet sich dein Vater?“
Oliver zog die Mundwinkel nach unten. „Nein. Deswegen macht es mit Papa keinen Spaß. Er tut nur so.“
„Dann musst du noch mal wiederkommen, wenn deine Mutter dabei ist. Ich grusele mich auch nicht.“
„Das geht nicht.“ Plötzlich sah Oliver aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
Norbert zog warnend die Augenbrauen hoch. Da war sie wohl in ein Fettnäpfchen getreten. Und sie hatte gedacht, Norberts Scheidung wäre einvernehmlich gewesen.
Sie legte ihren Arm um Olivers Schultern. „Dann verdonnern wir Chris dazu. Komm, wir gehen ihn suchen.“
Mit den anderen aus ihrer Square Dance-Gruppe waren sie in der „Main Street“ verabredet. Hier hatten sich die Budenbesitzer auf Country Music geeinigt. Sehr vernünftig! Ein wenig leiser war es auch. Tanja sang mit, was sie kannte, während sie nach den Tänzern Ausschau hielten.
Chris Rinehart, der amerikanische Caller der Gruppe, stand neben Tanjas Partner Micky Hassloff an einer Schießbude. Chris war in Zivil gekleidet, während Micky vom Stetson bis zu den hochhackigen Stiefeln wie ein Cowboy aussah. Ein äußerst echt aussehender Cowboy: muskulös und braungebrannt, als würde er tatsächlich das ganze Jahr über Rinderherden hüten. Selbst die sandblonden Haare wirkten wie von zu viel Sonne gebleicht. Dabei saß er Tag und Nacht in der TU vor den dämlichen Computern.
Chris erklärte ihm die Bedienung eines Luftgewehrs und der Schießbudenmann verfolgte das Tun der beiden mit offensichtlichem Unwillen. Aber dann wurde er von einem älteren Mann mit Sombrero und befranstem Trapperhemd abgelenkt und wandte sich von ihnen ab.
Sie ging näher und wies dann auf den Inhaber. „Der hat wohl Angst, dass Micky ihm die Bude abräumt.“
Micky drehte sich um. Das Blau seiner Augen wurde intensiver, als er sie ansah. Dunkel wie ein See, in dem sie versinken könnte. Was für ein alberner Gedanke! Ertrinken würde sie; sie konnte überhaupt nicht schwimmen.
Sie stützte sich mit einem Ellenbogen neben ihm auf den Tresen und hoffte, dass sie cool wirkte.
„Tanja, was soll ich dir schießen?“
„Mir? Tja ... Kein Stofftier jedenfalls. Ich habe schon hundert Stück. Mindestens.“ Sie blickte vom Laufband mit den vorbeirollenden Zahlen zu den ausgestellten Gewinnen hoch und wieder zurück zum Laufband. „Kannst du überhaupt vorher wissen, was du erwischst?“
Chris lachte. „Irgendwas wird er schon treffen.“
„Irgendwas ...“ Es war alles Schnickschnack, was da aufgereiht war. „Können die einen nicht was Nützliches gewinnen lassen?“ Vielleicht sollte sie Micky besser gleich sagen, dass sie an nichts davon interessiert war. Aber er hatte seine Schüsse wohl schon bezahlt. Er sollte auch nicht denken, dass sie nichts von ihm haben mochte.
„Das ist hier das Deutsch-amerikanische Volksfest!“ Micky schwenkte das Luftgewehr. „Hier geht es nicht um Nutzen, sondern um Völkerfrieden. Oder so ähnlich.“
„Völkerfrieden? Micky, du bist aus der Zeit gefallen: Die DDR gibt es nicht mehr.“ Wie immer, wenn ihm keine Entgegnung einfiel, bekam er rote Ohren. Es war so leicht, ihn aufzuziehen.
„Du meinst unsere Lebensart.“ Chris wies mit einer ähnlich großspurigen Geste wie Micky zur Gasse mit den Barbecues.
„Eure Lebensart? Pah!“ Sie grinste frech. „Ihr habt uns einfach unsere Quadrille abgeguckt.“
„Aber du musst zugeben, unser Square Dance ist viel lustiger als eure Quadrille. Deswegen ist die längst aus der Mode gekommen.“ Chris legte Micky eine Hand auf die Schulter. „Je länger du zögerst, desto unsicherer wirst du.“


Mickys Blick ging vom Laufband zu Tanja zurück. „Kann nicht sein! Mehr unsicher geht nicht.“ Insbesondere, wenn sie so dicht neben ihm stand, dass ihr Parfüm ihn benebelte. Als ob nicht ihr Anblick allein reichte, ihm den Atem zu nehmen. Ihre dunkelblonden Haare waren gerade wieder halblang gewachsen und mit jedem Windstoß streichelten sie ihr Gesicht. Dort, auf ihrer Wange, hätte er gerne selber seine Finger. Doch da war wohl nichts zu machen. Seit über drei Jahren tanzten sie nun zusammen, aber Tanja kam nicht einmal dann zu ihm, wenn sie mit ihrem Computer nicht klarkam.
Mit zusammengekniffenem Auge legte er das Gewehr an die Schulter, entschied sich für ein Ziel und schoss. Daneben. Was hatte er sich auch von Chris bequatschen lassen! Er repetierte und schoss ein zweites Mal, ohne erst lange zu zielen. Dieses Mal traf er. Er richtete sich auf und wischte sich die klammen Finger an der Hose ab. „Zufall.“ Wenigstens stand er jetzt nicht wie ein kompletter Idiot da.
Aber er hatte noch zwei Schüsse übrig, um sich zu blamieren. Er legte wieder an; beide Male traf er eine Zahl auf dem Laufband. Erleichtert grinsend legte er das Gewehr auf den Tresen und sah den Inhaber erwartungsvoll an. „Jetzt bin ich mal gespannt.“ Dessen finsterem Gesicht nach zu urteilen waren das ordentliche Gewinne, die er sich gerade erschossen hatte.
Tanja packte ihn am Arm und zog ihn zu sich herum. „Drei von vier Mal getroffen. Micky, du bist ein Naturtalent.“
Darauf wusste er nichts zu sagen. Verlegen wandte er den Blick zum Budenbesitzer zurück.
Und Chris setzte noch eins drauf. „Ich habe es doch gleich gesagt. Du schaffst, was du dir vornimmst.“
Sein Nacken wurde heiß; bestimmt errötete er jetzt. Er hielt den Blick stur auf den Inhaber gerichtet, der Gewinne hin und her räumte. „Der scheint nicht recht zu wissen, was er mir geben soll.“ Und lauter. „Junger Mann, darf ich mir etwas aussuchen oder wie ist das jetzt?“
„Einen Augenblick“, kam die mufflige Antwort. Plötzlich hatte der Mann keinen amerikanischen Akzent mehr, sondern einen Tonfall, der sehr hessisch klang.
„Trotz des Huts und der Klamotten: Das ist kein Amerikaner.“ Tanja feixte unverhohlen. „Amerikaner sind eindeutig großzügiger.“
Lachend klopfte Chris ihr auf die Schulter. „Ich fühle mich geehrt, Ma‘am.“
Der Inhaber der Schießbude bequemte sich schließlich, die Gewinne auszuhändigen. Natürlich war ein überdimensionales Stofftier dabei – eine rosa Ausgabe von Bugs Bunny.
Micky versuchte, es Oliver aufzuhalsen, aber der lehnte empört ab. „Rosa ist für Mädchen!“
Chris nahm ihm den Hasen schließlich ab; damit konnte Madeline ihre Großmutter beglücken. Der zweite Gewinn waren Seifenblasen; Oliver nahm sie gnädig entgegen. Der dritte Preis dagegen hatte einen gewissen Nutzen: ein Dampfbügeleisen. Aber wie konnte er so etwas Tanja schenken?
Sie packte es aus und betrachtete es von allen Seiten. „Für meine Mutter!“
„Meinst du, sie bügelt zum Dank meine Hemden?“
„Meine Mutter bügelt nie!“ Hochmütig reckte sie das Kinn.
Er starrte sie an. Dachte sie etwa, er hätte seine Frage ernst gemeint?
Lachfältchen kringelten sich um ihre Augen, als sie das Bügeleisen schwenkte. „Vielleicht fängt sie jetzt damit an.“ Sie zog ihn auf! Und er war wieder einmal auf sie reingefallen. Wie machte sie das bloß immer?
(...)
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28.7.13

#SampleSunday - Verjährt: Die Mühlen der Justiz


Luzern, 1824

Michael Corragionider Luzerner Stadtarzt, knallte dem Schultheiß eine schmale Akte auf den Sekretär. „Hier habt Ihr Eure Leiche, Herr Am Rhyn. Erwürgt. Der Mann war schon tot, als er in die Reuss fiel.“
„Ach, haben wir es diesmal akkurat?“ Karl Am Rhyn sah nicht auf, sondern schnitzte konzentriert an seiner Schreibfeder weiter. Dieser Bericht konnte warten; der tote Landstreicher hatte keine Eile mehr.
„Worauf wollt Ihr hinaus?“ Corragioni hob die Augenbrauen.
„Über den Schultheiß Keller konntet Ihr weiland keine Feststellung treffen.“ Am Rhyn beobachtete Corragioni aus den Augenwinkeln, während er fortfuhr. „Und gerade jetzt bekommen die Gerüchte neue Nahrung, mein Vorgänger sei nicht versehentlich in der Reuss ertrunken.“
Corragioni zuckte die Achseln. „Die tauchen mit jedem Toten auf, den wir rausfischen.“ Er schien auf eine Entgegnung zu warten, aber Am Rhyn legte die Feder weg und begann in der Akte zu blättern. Er hatte nicht die Absicht, seine Bemerkung näher zu erklären.
„Pfaffenbrut!“, murmelte er, als der Stadtarzt gegangen war. Dann rief er nach seinem Sohn, der ihm als Assistent diente. „Toni, hat der Amtmann von Glarus inzwischen nähere Auskünfte über diese Diebin geschickt?“
„Man schickt uns keine Auskünfte weiter, sondern die Weibsperson selber zur Einvernahme, und ihren Bruder auch. Es ist alles sehr dubios: Die Angaben, die dieses Mensch zu den Umständen der Tat gemacht hat, passen nicht zu dem, was wir dem Amtmann mitgeteilt haben.“

Sobald Clara Wendel im Gefängnis zu Luzern eingetroffen war, ließ der Schultheiß sie zum Verhör bringen. Er erwartete sie in einem ungeheizten Raum im Souterrain des Gerichtsgebäudes.
Der Landjäger führte ihm eine junge Frau in kurzärmeligem Trachtenkleid vor. Die braunen Augen hatten trotz der langen Haftzeit ihren Glanz behalten. Auch war das schwarze Haar sorgfältig zu einem langen Zopf geflochten. Nur eine aufgesprungene Lippe und ein bläulichgelber Bluterguss unter dem rechten Auge beeinträchtigten das ebenmäßige Gesicht.
„Sie hat gelogen“, fuhr Am Rhyn sie ohne Umschweife an. „Selbst der Dümmste fischt nicht des Nachts im Regen.“
Clara senkte den Blick. „Ich hab’ getreulich berichtet, was ich selber gehört habe über jenen Vorfall.“
„Sie hat angegeben, sie wäre damals dabei gewesen.“
„Aber ich kann mich nicht mehr recht erinnern. Was unterscheidet denn ein Kind, was es selbst erlebt und was ihm erzählt wird.“
„So kann es auch nicht unterscheiden, ob es wahr oder gelogen ist“, bemerkte der Schultheiß. Er erhob sich und ging um seinen Tisch herum. Dicht vor ihr blieb er stehen.
Clara wich seinem Blick aus und presste die Hände ineinander.
„Nun?“
„Hätt’ ich meinen eigenen Bruder angegeben, wenn’s nicht wahr wäre?“
„So erzähl sie mir doch einmal, wie es richtig war.“
„Ich hab’ schon alles gesagt, auf anderes kann ich mich nicht besinnen.“
„Dann werden wir ihrer Erinnerung aufhelfen.“ Der Schultheiß winkte dem Wachmann und dieser trat mit erhobenem Knüppel näher.
Clara schrie auf und hob die Arme vors Gesicht. „Schlag er mich nicht; ich sage ja, was ich weiß.“
Am Rhyn wandte sich zur Seite, griff nach seiner Pfeife, stopfte sie bedächtig und zündete sie an. Der Wachmann zog Clara den Knüppel zwei Mal über den Rücken. Sie wimmerte und fiel auf die Knie.
„Tu sie den Mund auf; dann hat sie Ruh“, sagte der Schultheiß, ohne sie anzusehen.
„Mich friert“, flüsterte sie. Sie hockte sich auf den steinernen Fußboden und schlang die Arme um die Knie.
„Welche ihrer Angaben sind gelogen?“, fragte Am Rhyn. „Denn gelogen hat sie.“
Der Wachmann hob erneut seinen Knüppel; Clara sah aus den Augenwinkeln zu ihm hoch und begann zu zittern. „Ich mein, da gab es einen Schneider, einen gewissen Joseph oder Aloys Meyer, der hat einen Groll wider den Schultheißen gehabt. Der Hansi war schon auf mehrere Tage in der Gegend und hat ausbaldowert. Ich mein, er wusste, worauf er wartet. Am nämlichen Tage bin ich mit der Mutter nach Littauen gegangen, wo wir ein Feuer gelegt haben. Danach sind wir zurück; der Hansi hatte auf uns gewartet und wir sind weiter. Und dann ist das eben passiert, wie ich’s berichtet hab.“
Am Rhyn legte die Pfeife beiseite, um ihre Reaktionen zu beobachten. „Was kommt sie jetzt mit einem Schneider?“ Das war eine Wendung, die ihm sehr gefiel. Sie mochte zu ganz neuen Erkenntnissen führen.
„Ich mein, der Hansi hat einen Anstifter gehabt. Was soll mein Bruder denn mit dem Schultheiß haben?
„Was soll der Schneider mit dem Schultheiß haben?“
Clara zuckte die Achseln und lächelte Am Rhyn ins Gesicht. „Ich mein ja bloß.“
„So hat sie sich das erfunden!“ Er trat so dicht auf sie zu, dass ihr sein Gehrock ins Gesicht schlug. „Wen deckt sie?“
„Ich hab alles angegeben, was ich weiß.“ Sie senkte den Kopf. Er verstand kaum, was sie murmelte. „Ich hab’s mir halt denkt. Einen Grund wird er doch gehabt haben, der Schneider.“
„Eben!“ Am Rhyn beugte sich vertraulich zu ihr herab. „Hatte der vielleicht auch einen Anstifter? Hast du einmal was gehört, dass du das meinen könntest?“
„Ich weiß nicht. Ich muss mich über diese Sache erst näher besinnen.“
„So besinne dich.“ Der Schultheiß ließ sie mit dem Wachmann allein.

Zum Abend war Am Rhyn von der Schwiegertochter zum Essen eingeladen. Er bemerkte kaum, was er aß und wartete nur darauf, sich mit seinem Sohn in die Bibliothek zurückzuziehen.
„Das Weib redet, was ihr in den Sinn kommt, aber dazwischen verrät sie manches doch.“
Toni warf ihm einen erwartungsvollen Blick zu, während er den Cognac und zwei bauchige Gläser aus einer Vitrine nahm.
Am Rhyn nahm ihm ein Glas ab und ließ sich einschenken. Er schnupperte am Cognac und lächelte. „Ich bin sicher, wir sind einem Komplott auf der Spur. Endlich werden wir erfahren, wie der Keller zu Tode kam.“
„Er ist ertrunken! Wir haben nie auch nur ein Indiz gefunden, dass an den Gerüchten etwas wahr sein könnte.“
„Und doch war es Mord!“ Am Rhyn stellte sein Glas so heftig auf den Tisch, dass der Cognac überschwappte. „Keller stand von Anfang an auf der Seite Napoleons und wehrte sich beharrlich dagegen, dass die Mediationsakte durch eine konservative Verfassung ersetzt würde. Er war unser Bollwerk gegen die Ultramontanen.“ Am Rhyn stopfte mit heftigen Bewegungen seine Pfeife. „Du hast nicht erlebt, wie Corragioni und der päpstliche Nuntius geiferten, wenn er die Restauration durch den Wiener Kongress verdammte.“
„Aber Kellers Tod brauchten sie deswegen noch lange nicht. Schau dir nur an, wie weit wir heute von einem Bundesstaat entfernt sind.“
„Warum hat der Papst den Nuntius so plötzlich zur Römischen Kurie abberufen? Er hat doch Testaferratas konservative Kirchenpolitik unterstützt.“
„Als Testaferrata abberufen wurde, hat Keller aber noch gelebt.“
„Na und? Die Pfaffen haben lange Arme.“ Am Rhyn schüttelte den Kopf. „Was bist du naiv.“ Konnte sein Sohn nicht mal zwei und zwei zusammenzählen?
„Nein, Vater. Ich glaube, du verrennst dich da in etwas, womit du dir am Ende nur selber schadest. Was willst du mit den Angaben einer Diebin, die zu Zeiten von Kellers Tod noch ein Kind war? Wenn du dich irrst, bekommen die Ultramontanen erst recht Oberwasser.“
„Ich irre mich nicht.” Am Rhyn erhob sich. „Wir brauchen nicht weiter zu reden. Du wirst schon sehen.“

Clara war bleich, als sie am nächsten Morgen wieder vorgeführt wurde. Ihre blutverkrustete Haube bedeckte nur halb eine frische Platzwunde am Haaransatz.
„Was hat sie zum Tode Kellers inzwischen anzuzeigen? Sprech sie nur frei heraus und schone niemanden.“
„Soll ich den Hergang noch einmal aufsagen?“
„Aber nein; da ist das eine oder andere Detail nicht von Bedeutung.“ Am Rhyn stand auf und schob Clara ans Fenster. Er legte den Arm um sie und wies auf das Patrizierhaus an der Reuss-Brücke, neben dem sich die beiden Zwiebeltürme der Jesuiten-Kirche im Wasser spiegelten. „Weißt du, wer dort wohnt? Hast du schon mal von jemandem gehört, der mit den Bewohnern zu tun hatte?“
Sie blickte vom Haus zur Kirche und wieder zurück. Dann schüttelte sie den Kopf. „Das sind feine Leute. Solche kenne ich nicht.“
„Dort ist vor acht Jahren eingebrochen worden.“
„Ich war gewiss nicht dabei. Aber für die meinigen leg ich nicht die Hände ins Feuer. Vielleicht fällt mir etwas ein, wenn der Herr Schultheiß mir sagt, was gestohlen wurde.“
„Hast du vielleicht einmal gehört, dass einer entdeckt wurde beim Einbruch und doch nicht angezeigt?“ Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln.
„Ja freilich … Aber das kostet immer was.“
„Ist das deinem Bruder auch passiert?“
„Dem Hansi nicht, aber dem Sepp, was mein Schwestermann ist.“
„Was weißt du davon?“
„Das ist ein braver Kerl, der Sepp.“
Am Rhyn zog die Mundwinkel herab.
„Doch, doch“, beteuerte Clara schnell. „Vom Militär, wo er ein gutes Auskommen hatte, hat er seinen Abschied genommen, weil er den Kindern ein Vater sein wollte. Und klug ist er; der hat die halbe Welt gesehen.“ Sie blickte auf den Fluss, zerrte an ihrem Zopf. Dann sah sie Am Rhyn mit wachsamen Augen an: „Ich mein, wenn einer wo einbricht und der Hausherr entdeckt ihn und lässt ihn laufen, dann ist das doch kein Verbrechen gewesen?“
„Sofern einer nicht verklagt wird, kann man ihn nicht richten. Also erzähl.“
„Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich weiß es auch nur von der Barbara. Ganz verjagt sei er zurückgekommen, hat die Schwester gesagt.“ Clara lehnte den Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen. „Einen Hunger hab ich.“
„Das wird sie gewohnt sein. Erzähl sie, was sie gehört hat.“
Sie sank auf den Boden. „Mir ist ganz elend.“
Der Schultheiß ließ sich nicht beeindrucken. „Wenn ihr wieder etwas eingefallen ist, so reden wir weiter.“ Er wandte sich zur Tür. „Mahlzeit“, grüßte er den Wachmann im Hinausgehen. 
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25.6.13

#SampleSunday - Die Enkelin ... Erstes Kapitel





1
„Vor – vor – seit – ran ...“ Die helle Stimme von Ines Grube übertönte die Musik. Neun Paare mühten sich, den Anweisungen der Trainerin zu folgen.
Madeline Lagrange stemmte ihren Arm gegen die Brust ihres Tanzpartners, um mehr Abstand zu schaffen. „Robert, du zerquetscht mich gleich!“
Robert Merck schürzte die Lippen, aber er lockerte seinen Griff. „Recht so?“ Spott klang in seiner Stimme. „Ich wusste nicht, dass du so zerbrechlich bist.“
Sie verdrehte die Augen. Dabei kam sie prompt aus dem Takt; Robert griff wieder fester zu.
Als sie an der geöffneten Tür vorbeitanzten, warf sie einen Blick auf die große Uhr über der Bar. Sah aus, als wäre sie zwischendurch stehen geblieben. Müsste die Stunde nicht gleich zu Ende sein?
Großpapa saß am Tresen und schien sie zu beobachten; seine Füße bewegten sich im Takt. Auch nach fast zwanzig Jahren hatte er noch nichts verlernt. Vielleicht sollte sie mit ihm üben statt mit diesem nervigen Typen.
Ines stellte die Musik aus und verordnete ihnen eine kurze Pause.
„Meine Güte!“ Madeline wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann blickte sie auf ihre Füße. „Meine neuen Nylons dürften ruiniert sein.“
„Wenn du deine Füße aber auch immer unter die meinen stellst.“
„Ach so ist das!“ Fand er das etwa witzig? Sie ließ Robert stehen und ging an die Bar.
„Meine Madeline!“ George Lagrange hielt ihr mit strahlenden Augen ein Glas Mineralwasser entgegen. „Du bist weitaus besser als dein Partner. Wer ist das überhaupt?“
Marga Fischer, die neben dem Büro auch den Tresen betreute, langte nach Georges leerem Glas, in der anderen Hand die Rotweinflasche, um nachzuschenken. „Deiner Enkelin liegt der Rhythmus im Blut. Vom wem mag sie das wohl geerbt haben?“ Mit einem Augenzwinkern schenkte sie ihm nach.
„Von meinem Sohn bestimmt nicht. Der hat schon wieder das halbe Labor in die Luft gejagt.“
Marga starrte ihn erschrocken an. „Nein!“ Sie lachte nervös. „Du ziehst mich schon wieder auf!“
„Keineswegs. Es stand gestern in der Zeitung.“ Auf seiner Stirn erschien eine Ärgerfalte. „Erzählt hat er es mir natürlich nicht.“ Er nahm Marga sein Glas ab und wandte sich wieder Madeline zu. .„Also, wer ist das, mit dem du tanzt?“
Sie zuckte die Achseln. „Robert Merck. Sein Vater ist wohl ein Kollege von Klaus Wächter.“
„Polizisten-Familie also.“ Die Falte auf Georges Stirn verschwand. Als Robert gleich darauf an den Tresen kam, blickte er dem jungen Mann freundlich entgegen.
Robert ließ sich von Marga ein Bier geben. „Das habe ich mir jetzt verdient.“
„Was ist mit fahren?“, fragte Madeline spitz. „Du wolltest mich nach Hause bringen.“
Er errötete bis zu den Haarspitzen. Madeline verbarg ihre Erheiterung hinter ihrem erhobenen Glas.
George kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Werden Sie nach dem Schnupperkurs weiter bei uns tanzen?“
Roberts Blick ging zu Madeline. „Der Tanzclub Lietzensee hat einen bemerkenswerten Ruf; das gefällt mir gut. Ich denke schon – wenn sich eine Partnerin für den Tanzkreis findet?“
„Gewiss doch.“ George nickte zufrieden. „Dann auf eine gute Zeit.“ Er hob sein Glas Robert entgegen. „Ich habe Sie eben beobachtet.“
„Und? Was denken Sie?“ Robert spannte sich an. „Kann ich hoffen, dass ich eines Tages perfekt bin?“
„Bah!“ Madeline schnaubte. „Was soll das? Fishing for compliments, Robert?“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Verachtung zu verbergen.
„Du verstehst heute wieder mal keinen Spaß, Madeline! So oft habe ich dir doch gar nicht auf den Fuß getreten!“
George folgte Madelines unwillkürlichem Blick nach unten. Am rechten Fuß hatte sie einen Schmutzfleck neben dem Knöchel. „In Sandalen zu tanzen ist nicht sonderlich schlau. Leg dir richtige Tanzschuhe zu.“
„Wozu? Wenn ich mit denen einmal über die Straße gegangen bin, kann ich sie wegschmeißen.“
„Was machen Sie beruflich, Robert?“
„Nichts Besonderes.“ Er zuckte die Achseln. „Bezirksamt Reinickendorf. Aber gewiss nicht bis zum Ende meines Lebens.“ In seine Augen kam ein Glitzern. „Eine Karriere als Turniertänzer ... Da kommt man schon ins Nachdenken.“
„Ich war zu meiner Zeit recht erfolgreich. Vier Mal unter den ersten drei der deutschen Meisterschaft; ebenso zwei Mal bei den Weltmeisterschaften.“ Aber gewonnen hatte Großpapa nie; das verschwieg er den jungen Leuten stets. „Mein Vater war schon bei den Anfängen des Formationstanzes vor dem Zweiten Weltkrieg dabei. Madeline setzt die Tradition der Familie fort.“
Was fiel ihm ein? „Großpapa!“ Madeline schüttelte den Kopf. „Um einen Studienplatz in Medizin zu kriegen, weiß ich schon jetzt, womit meine Tage bis zum Abitur ausgefüllt sein werden.“
„Du bist doch so klug, Madeline. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du so viel Zeit zum Lernen brauchst.“ Robert griff nach ihrer Hand. „Es geht weiter.“
„Ich trinke noch mein Wasser aus.“ Madeline entzog sich ihm und wedelte ihn in Richtung Tanzsaal. „Geh schon mal.“
Robert blickte zögerlich zwischen Madeline und dem Tanzsaal hin und her. Dann begann leise die Musik; gleich würde Ines weitermachen. Er setzte sich, immer noch zögerlich, in Bewegung.
„Puh!“ Madeline seufzte, als er außer Hörweite war. „Er. Geht. Mir. Auf. Den. Geist.“
„Wieso denn? Er ist doch nett! Und so ehrgeizig.“
„Er ist halt nicht mein Typ.“
George schmunzelte. „Und wer ist dein Typ?“
Sie blickte verträumt zur Decke. „Groß, schlank, schwarzhaarig. Erwachsen.“
„Das klingt, als hättest du jemand Bestimmtes im Sinn. Bist du in einen deiner Lehrer verschossen?“
Madeline lachte; das ging Großpapa nichts an. „Ich geh dann mal wieder.“
Nach zwei Schritten blieb sie jedoch stehen. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf den Mann, der gerade hereinkam. Schlank und breitschultrig; Jeans und T-Shirt so eng, dass sich die Bewegungen seiner Muskeln darunter abzeichneten. Und schwarze Haare, wenn auch ein wenig zu kurz für ihren Geschmack. „Wow!“ Sie atmete langsam aus. Hatte sie den etwa gerade herbeibeschworen?
Aus den Augenwinkeln immer noch den Mann im Blick, drehte sie sich zu Marga um. „Wer ist das denn?“
„Chris Rinehart, unser Caller!“
„Oh?“ Was sollte das denn heißen?
„Madeline!“ Robert winkte ihr heftig und sie setzte sich mit einem Seufzer wieder in Bewegung.
 
***

Chris’ Blick hing an Madeline fest, die mit offensichtlicher Unlust zum Tanzsaal stöckelte. Ihr hübsches Gesicht war zu einer finsteren Grimasse erstarrt. Was tat das Mädchen hier, wenn es keinen Bock aufs Tanzen hatte?
„Guten Abend, Chris!“ Marga riss ihn aus seinen Betrachtungen. „Ich habe für Ersatz gesorgt. Die Anlage war nicht mehr zu reparieren.“
George zog die Brauen hoch. „Ersatz, Marga? Das ist in unserem Etat nicht eingeplant.“
„Eine Reparatur auch nicht. Aber das geht schon. Ich habe mit Werner geredet.“
Georges Stirn glättete sich ein wenig. „Du denkst auch immer an alles.“
Marga senkte schnell ihren Kopf über die Spüle und stellte die leeren Gläser hinein. George schlenderte zum Tanzsaal. Chris gesellte sich zu ihm und lehnte sich in den Türrahmen.
Die meisten Paare boten noch immer ein Bild des Erbarmens. Und was Madeline mit ihrem Partner veranstaltete, sah mehr nach einem Ringkampf als nach einem langsamen Walzer aus. Warum überließ sie ihm nicht die Führung, wie es sich gehörte? Offensichtlich war dies hier nicht ihr Ding.
Ihre Blicke kreuzten sich; unwillkürlich lächelte Chris ihr zu. Sie errötete und blickte schnell weg. Chris mochte nicht wegsehen. Die weinrote Strähne in ihren zerzausten dunkelblonden Haaren gab ihr etwas Verwegenes, das ihn anzog. Es passte zu der Rangelei mit ihrem Partner.
„Der Kurs könnte an einem Abend gerne mal verlängern und ich zeige denen ein paar Square Dance-Schritte“, sagte er zu George.
George versteifte sich. „Das ist ein Schnupperkurs für Gesellschaftstanz!“ Er räusperte sich und danach klang seine Stimme weniger schroff. „Es ist schon problematisch genug, als Verein überhaupt einen Kurs durchzuführen.“
Marga verdrehte die Augen; daraufhin verzichtete Chris auf eine Erwiderung.
 (...)



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24.3.13

#SampleSunday - Composition "The Dragon and the Princess"


Modern flute music score – original text in French; translations to English, German, Italian attached.
The composition  translates the fairy tale "Il drago e la principessa" into music.
....(page 2-4)

Flute Music Score for: The Dragon and the Princess.
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15.4.12

#SampleSunday - Magische Geschichten: "Kork"


Tara lief mit dem Wind um die Wette. Sie flitzte den Hang hinauf und kletterte dann den ausgetrockneten Bachlauf empor. Erst als sie den Rand des Korkwalds erreicht hatte, blieb sie stehen und drehte sich um.
Nichts! Keine Bewegung, so weit ihr Blick reichte. Doch Zor würde kommen. Es konnte nur wenige Schattenlängen dauern, bis er mit seinen Holzfällern die Klamm durchquert hätte.
Sie reckte den Kopf. Der Dunst über dem Fluss verdichtete sich zu einer düsteren Nebelwand: Wenigstens diesen Zauber beherrschte sie noch. Tara setzte sich ins Gras und winkte dem Nebel mit den Vorderpfoten: In dichten Schwaden kroch er flussaufwärts zur Klamm hinüber; füllte sie bald völlig aus und verdeckte den schmalen Saumpfad. Ein Neigen der langen Ohren und auch das Tal war in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Das sollte Zor eine Weile aufhalten.
Erleichtert wandte sie sich ab. Sie betete, er würde in irgendeine Schlucht stürzen. Aber sie wusste, er war zu vorsichtig. In diesem Nebel würde er nur so langsam weiterreiten, wie es der Instinkt seines Pferdes erlaubte.
Tara sprang in den Wald, zwischen wispernden Korkeichen hindurch. Sie liebte es, den Geschichten zu lauschen, die der Nachtwind ihnen zutrug. Aber jetzt durfte sie keine Zeit verlieren, sollte die Flucht vor den Holzfällern gelingen. Vielerorts schon hatte sie mit ansehen müssen, wie Waldbewohner von umstürzenden Bäumen erschlagen worden waren. Oder sich plötzlich gefangen sahen, weil schwere Stämme die Höhlenausgänge versperrten.
Als Tara durch ein Gestrüpp aus Myrten und Zistrosen sprang, stolperte sie plötzlich.
„Has', was schaust du in die Wolken?“, schnauzte Pikko sie an. Drohend hob er eine winzige Axt.
„Zwerg, was stehst du mir im Weg?“, fauchte Tara ihrerseits. „Ich bin in Eile. Holzfäller sind im Anmarsch.“
„Was schert mich das! Ich brauche keine Bäume.“
„Ach tatsächlich? Und wozu dann die Axt?“
„Für das Feuer in meiner Schmiede reichen ein paar Zweiglein. Die lassen sich immer finden.“
Tara wandte sich naserümpfend ab und flitzte weiter. ,Autark‘ nannten die Zwerge ihre Lebensweise; dabei war es nichts weiter als Ich-Sucht. Und Pikko übertraf alle.
Erst am Rande der großen Lichtung, tief im Wald verborgen, hielt Tara wieder an.

***

Inzwischen hatten die Holzfäller den Fluss durchquert und galoppierten durch das Dorf am Talende. Sie hielten vor einem alten Haus. Das Dach war frisch gedeckt und die Fassade von Kletterrosen überrankt. An seiner Seite verbaute ein langer flacher Schuppen den Blick auf die angrenzenden Felder. Zwei Männer kehrten den hinteren Teil des Hofes und inmitten eines Bergs bunter Bänder spielte ein kleines Mädchen.. Neben dem Tor kniete ein junger Mann vor einer Reihe Holzfässer.
Zor parierte sein Pferd vor ihm. „He Bauer, wir wollen hier rasten. Bring uns Brot und Wasser!“
„Ich bin kein Bauer. Ich bin Eno, der Winzer!“
„Um so besser. Dann bring uns Wein!“
„Wohin führt euer Weg?“ Eno musterte die Männer mit unverhohlener Neugier.
„Er ist hier zu Ende. Wir werden den Eichenwald fällen.“
Eno schüttelte den Kopf über soviel Einfalt: „Der Wald gehört den Alten Wesen. Niemand vermag ihn ohne ihre Erlaubnis zu betreten.“
Zor hob die Augenbrauen und grinste dann verächtlich. „Wer auch immer dort haust, wir werden ihn verjagen. Der Schutz der Priester feit uns gegen jeden Zauber. Dann könnt auch ihr endlich ungestört eurem Tagwerk nachgehen.“
„Uns stört hier niemand!“

***

Pikko leckte die letzten Frühstückskrümel aus seinen Barthaaren. Er betrachtete das aufgeschichtete Holz neben dem Kamin, bevor er das Feuer in seiner unterirdischen Schmiede entfachte: ,Noch ein paar Rebzweige zusätzlich zu den Eichenästen gäben ein gutes Feuer.‘ Er nickte, schulterte seine Axt, griff sich eine Fackel und marschierte zum talwärtigen Ende seines Höhlenreichs.
Irgend etwas versperrte ihm völlig den Ausstieg. Pikko hieb mit der Faust dagegen; es fühlte sich an wie .... Er hielt seine Fackel höher: Was für ein enormes Stück Holz!. Er stemmte sich dagegen; vergeblich.
„Dass doch der Blitz dreinführe!“ Pikko hackte mit seiner Axt darauf ein. Eine Hand voll Späne löste sich. So ging es auch nicht; er brauchte Hilfe. Ausgerechnet er! Der große Pikko, Stolz des ganzen Zwergengeschlechts.
Sein morgendlicher Zusammenstoß mit Tara fiel ihm wieder ein: Die Holzfäller! Er wollte ihnen eine Lektion zu erteilen, die sie ihr Leben lang nicht vergessen würden.

***

Am Teich inmitten der großen Lichtung trafen sich jeden Morgen die großen und kleinen Bewohner des Waldes.
„Holzfäller!", rief Tara ihnen schon von weitem zu. „Wir müssen fliehen."
Fedra, die Elfenprinzessin, schob ihre grauen Flechten in den Nacken, während sie ihr entgegenging. „Du bist ein Angsthäschen! Niemals wird ein Mensch sich unterfangen, unseren Wald anzutasten. Seit undenklichen Zeiten hat keiner mehr gewagt, auch nur einen Fuß hineinzusetzen.“
Tara schlenkerte die Ohren: „Sie wollen ja nicht hinein in den Wald. Sie werden ihn Baum für Baum vernichten wie anderswo auch. Der König braucht unermessliche Mengen Holz für seine Schiffe.“
„Und Kalo, der höchste seiner Priester, nutzt die wohlfeile Gelegenheit, überall die letzten meines einst mächtigen Volkes ihrer Heimat zu berauben. Niemand mehr soll sich gegen die Herrschaft jener Götter erheben, auf deren Namen Kalo seine Macht gründet.“
„Siehst du? Ich weiß doch, wovon ich rede: Ich bin in den letzten zwei Jahren mit meiner Sippe fünf Mal vor Zor und seinen Leuten geflohen.“
„Nichtsdestotrotz; fürchte dich nicht!“ Die Elfenprinzessin band ihre Schleifen neu. „Hier im Hain ist meine Magie ungebrochen und noch kraftvoll genug, euch vor allem Bösen zu bewahren.“
Ein paar Wildschweine schnoberten neugierig heran. Da erklang ein fremdes Geräusch: Ihm folgte das Ächzen eines Baumes, wie ein Schluchzen, das den ganzen Wald erfüllte.
Tara erstarrte; die Hasenkinder stoben auseinander und verschwanden im Gebüsch. „Kommt ihr wohl raus da!“ Tara hielt zwei Hasenmütter fest, die hinterherspringen wollten. „Und dann nichts wie weg hier!“
„Und wir?“, grunzte Cingala, eine graufellige alte Bache. „Wovon sollen wir leben ohne die Korkeicheln? Wir werden verhungern, bevor der Winter zu Ende ist.“
Fedra stellte sich der Häsin in den Weg: „Tara, bitte bleib hier! Wir können die Wildschweine doch nicht einem ungewissen Schicksal aussetzen!“
„Das Tal ist gefährlich!“ Ein alter Hase duckte sich ängstlich. „Die Hunde werden uns jagen.“
„Wir müssen des Nachts über den Fluss.“
„Und wohin dann?“
„Ich weiß es auch nicht, weit und breit gibt es nur noch Felder und abgeholzte Berghänge. Aber hier können wir nicht bleiben“, murrte Tara.
Bedrückt lauschten sie den Axtschlägen, die pausenlos durch den Wald schallten.
„Tara, du hattest Recht!“ Fedra sank ins Gras. „Diese Holzfäller fürchten sich nicht vor dem Wald. Der Bann, der ihn so viele Zeitalter schützte, hat seine Wirkung verloren.“
„Dann unternimm etwas, wenn wir bleiben sollen!“
„Allein vermag ich den Zauber nicht aufrechtzuerhalten. Die Kräfte der Magie erschöpfen sich immer mehr; und die Menschen haben sich von uns abgewandt, denn die Priester beherrschen ihre Herzen.“
Im nächsten Augenblick schlitterte eines der herumhüpfenden Hasenkinder durchs Moos, überschlug sich mehrmals und kollerte schließlich in einen Felsspalt. Tara sprang auf, aber die Öffnung war zu klein für sie. Sie lugte hinein: Dort unten stand Pikko neben dem Kleinen.
„Tara - wunderbar!“ Pikko sah auf, als ihr Schatten über ihn fiel, und winkte mit seiner Axt. „Bist du mit deiner ganzen Sippe hier oben? Ihr müsst mir unbedingt helfen!“
„Hilf erst einmal dem Kleinen aus deiner Höhle“, entgegnete Tara. „Dann sehen wir weiter.“ Sie knickte missbilligend ein Ohr zur Seite. ,Dieser Zwerg! Ständig versucht er, alle Welt für sich einzuspannen.‘
Pikko hob ihr das Häschen entgegen und kroch anschließend selber ins Freie. Er hockte sich zu den Alten der Sippe: „Ihr müsst mir helfen“, wiederholte er. „Die Holzfäller haben mir einfach den Ausgang zugesperrt. Wie soll ich da vernünftig arbeiten? In meinem Alter kann ich doch nicht jedes Mal den Berg erst rauf und dann wieder runter, wenn ich ins Tal muss. Das sind Störenfriede; ich will sie hier nicht haben!“
„Solange noch ein Baum steht, werden sie nicht gehen“, orakelte Tara.
„Das werden wir ja sehen“, knurrte Pikko. „Aber zuerst helft mir, den Ast vor meinem Tor wegzuschaffen.“
Die Hasen zogen mit Pikko den Berg hinunter. Immer lauter wurde das Schluchzen und Ächzen der Bäume, je weiter sie kamen. Viele Äxte waren gleichzeitig am Werk. Vorsichtig näherten sich Tara und Pikko dem Waldrand. Die Korkeichen senkten ihre Zweige tief hinab und hüllten die beiden in ihre Blätter, um ihnen Deckung zu geben.
Zwischen ihnen und Pikkos Höhle waren die Holzfäller an der Arbeit. Wohl an die zwanzig mächtige Bäume hatten sie schon gefällt.
„Das ist eine ganze Armee“, flüsterte Tara. „Unmöglich, sie aufzuhalten.“
„Und wir werden ihnen den Spaß doch verderben“, feixte Pikko. „Ich habe einen Plan.“

***

Am Nachmittag zählte Zor die gefällten Bäume. Gut gelaunt pfiff er vor sich hin. Das sonnige Herbstwetter war ideal für diese schwere Arbeit; die Männer lachten und scherzten und sie kamen schnell voran.
Ein Schrei ließ alle innehalten. Der Mann, der eben noch im Wipfel einer riesigen Korkeiche Äste abgesägt hatte, stürzte in die Tiefe, während sich der Baum zu schütteln schien und dann auf eine Gruppe erstarrter Holzfäller kippte. Die drei Männer neben ihnen ließen Axt und Säge fallen, rannten auf den Abgestürzten zu - und brachen mit einem Aufschrei im Waldboden ein.
„Die Geister“, rief ein Vierter entsetzt, warf seine Axt fort und rannte talwärts. Er kam nicht weit: Auch vor ihm sackte das Erdreich ein und er verschwand in der Tiefe.
„Was soll das?“, brüllte Zor. „Zurück an die Arbeit!“
Doch die Männer rührten sich nicht. „Warum haben wir plötzlich keinen festen Boden mehr unter den Füßen?“
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“
Zor sah die Furcht in den Augen seiner Leute. Er entschied, für diesen Tag die Arbeit zu beenden. Niemand sollte an der Macht Kalos zweifeln können.

***

Nicht weit entfernt im Gebüsch verborgen, hatte Pikko die Szene verfolgt. Triumphierend eilte er zu den Hasen zurück: „Es hat geklappt! Die Holzfäller verschwinden. Jetzt helft mir, den Ast vor meiner Höhle zu beseitigen.“
„Später“, entgegnete Tara. “Sie werden morgen sicher wiederkommen. Wir graben weiter, bis es dunkel wird.“
Pikko murrte, denn er war ganz und gar nicht einverstanden. „Ich muss doch endlich meine Arbeit machen. Den ganzen Tag hab‘ ich schon verloren, um euren Wald zu retten.“
„Na schön!“ Tara schickte drei große Hasen zu seiner Höhle.
Sie selbst schlich sich an den Waldrand, um den weiteren Abstieg der Holzfäller zu verfolgen: Die Männer stiegen - einer hinter dem anderen - mit äußerster Vorsicht bergab; prüften vor jedem Schritt mit ihren Äxten die Festigkeit des Bodens. Hin und wieder drehte sich einer um und blickte zum Wald zurück, als erwarte er von dort neue Gefahren.
„Das nützt euch nichts“, höhnte Tara. „Wir sind noch nicht fertig mit euch!“ - Sie suchte den Himmel ab. In weiter Ferne schwebte eine einzelne weiße Wolke. Tara hob ein Pfötchen und winkte sie näher. Gehorsam glitt die Wolke heran. Die Häsin murmelte ein paar Worte und die Wolke begann sich aufzublähen, bis sie den Himmel bedeckte.
Im nächsten Augenblick zog eine schwarze Regenwand durch das Tal und entlud sich dann mit voller Wucht über den Holzfällern. Dicke Graupel prasselten auf sie ein. Eine Sturmböe fegte die abgeschlagenen Äste vom Waldrand hinunter; wie Prügel stürzten sie auf die Männer ein. Die rasten schreiend los und kümmerten sich nicht länger darum, auf welche Weise sie ins Dorf gelangen mochten.
Es war finster geworden; nur die Blitze, die den Himmel zerteilten, ließen die Holzfäller die schmalen Wege zwischen den Pergolen finden. In Bächen schoss das Wasser die Pfade hinab und verwandelte sie in Schlamm. Die Holzfäller schlitterten durch die Weinfelder, landeten bis zu den Knöcheln in Morast und fielen fluchend übereinander. Von einer Minute zur nächsten wurde es kalt. Ein eisiger Wind zerrte an den durchweichten Kleidern der Männer, und in den Regen mischten sich schwere Schneeflocken.
Dann war das Gewitter so plötzlich vorbei, wie es begonnen hatte.
Fedra tauchte neben der Häsin auf: „Das hast du gut gemacht! Ihr werdet nun bleiben, nicht wahr?“
„Sie kommen morgen zurück“, wehrte Tara ab. „Fedra, unternimm etwas!“

***

Als Zor mit seinen Leuten schließlich im Tal ankam, waren sie nass bis auf die Knochen und zitterten vor Kälte. Mancher hatte einen Stiefel im Morast steckenlassen und hinkte nun die Straße entlang.
Sie wurden von einer Gruppe zorniger Dorfbewohnerinnen empfangen. „Macht, dass ihr fortkommt; der Wald schlägt zurück“, schrie eine der Frauen den Holzfällern entgegen.
„Quatsch nicht, alte Hexe“, fuhr Zor sie an. „Ein Wald macht kein Gewitter.“
„O doch!“, erboste sich eine uralte Bäuerin. „Zu dieser Jahreszeit gibt es nie Gewitter! Der Hagel hat unsere Weinfelder verwüstet. Wir werden den besten Teil der Ernte verlieren. Ihr habt die Alten Wesen erzürnt, die den Wald behüten.“
„Schau dir das an!“ Ein kleines Mädchen stellte sich mutig vor Zor und hielt ihm eine Hand voll bunter Fetzen entgegen. „Der Sturm hat den ganzen Festschmuck heruntergerissen. Daran seid ihr schuld. Wie sollen wir jetzt Prinz Drano empfangen? Er wird denken, wir wollen nicht mit ihm feiern.“
Zor ließ die Bäuerinnen stehen und suchte Eno: „Bring uns Wein! Zuallererst einen guten Wein. Und zünde den Kamin an, damit wir trocken werden.“
„Wer auch immer im Wald hausen mag, wir haben seit Menschengedenken in Frieden mit diesen Wesen gelebt“, murrte Eno, während er den Holzfällern den Wein und das Abendessen auf den Tisch stellte.
„Pfui!“ Einer der Holzfäller warf die Flasche, aus der er gerade getrunken hatte, an die Wand. „Was wagst du uns da anzubieten? Das ist ja grässlich!“
„Ich hol‘ dir eine andere! Der Wein wird eben manchmal zu Essig, wenn er in Flaschen abgefüllt ist.“
„Was nützt es euch dann, dass ihr eure Weine erst so großartig hätschelt?“ Die Holzfäller grölten: „Keinen Verstand, diese Bauern!“
„Das Geheimnis der dichten Stopfen, die unsere Ahnen herzustellen wußten, ist seit langem verloren. Von diesen Korken gibt es nur noch die Hand voll, mit denen wir die alleredelsten der Weine versiegeln können, die Prinz Drano persönlich während des Weinfestes auswählt.“

***

Im Morgengrauen wurden die Waldbewohner erneut vom Singen der Äxte und dem Seufzen der Bäume aufgescheucht.
„Wir greifen an“, grunzte Cingala.
„Sie haben viel, viel größere Äxte als ich“, warnte Pikko. „Damit werden sie euch alle erschlagen!“
Cingala schnoberte verächtlich: „Besser ein ehrenvoller Tod im Kampf als elend zu verhungern.“
„Na schön“, maulte Pikko. „Mal sehen, was ich für euch tun kann.“
„Gemeinsam werden wir den Wald retten!“ Fedra steckte entschlossen ihre Zöpfe hoch. Sie hieß Pikko mit einem Trupp Eichhörnchen in den Baumwipfeln am Waldrand Stellung zu beziehen. Die Keiler und die älteren Bachen wies sie an, den Weg über die „Große Moräne“ zu nehmen.
Die Wildschweine formierten sich zu einer Herde und trabten los. Als sie über die Geröllhalde galoppierten, erzitterte der ganze Hang und eine riesige Lawine donnerte auf die Holzfäller herab: Fünf von ihnen wurden völlig unter dem Gestein begraben; ein Dutzend andere nagelten die heranfliegenden Brocken am Boden fest. Nur wenigen gelang es, hinter dicken Stämmen vor diesen Geschossen Schutz zu finden. Zor selber brach sich das linke Handgelenk, während er versuchte, seinen Kopf vor den Felsstücken zu schützen.
Das Geröll staute sich vor den gefällten Bäumen und schuf dort eine Barriere. Aber die größeren Felsen landeten in den Weinfeldern und zertrümmerten dort einen Teil der Pergolen.
Als der Steinschlag verebbte, herrschte Zor seine Leute an, nicht davon zu laufen, sondern den Verschütteten zu helfen. Da deckten Pikko und die Eichhörnchen das Schlachtfeld mit einem Eichelhagel ein. Die Holzfäller hoben die Hände über ihre Köpfe und gaben sich damit dem Angriff der heranrasenden Wildschweine preis. Die stürzten sich mit Hauern und Hufen auf die Männer, von denen kaum einer seine Axt noch in Händen hielt. Cingalas Horde trieb sie mit Tritten und Bissen vor sich her bis an die Barriere.
Keiner achtete mehr auf Zors Rufe. Kriechend und stolpernd erklommen die Männer das Geröllfeld. Zor erstarrte, als er eine schwarze, sirrende Wolke aus dem Wald heranbrausen sah: Die Elfin hatte den Holzfällern zwei Hornissenvölker hinterhergeschickt.
In dem freien Gelände gab es für seine Leute keine Deckung und sie hatten nichts, womit sie sich vor den angriffslustigen Biestern verteidigen konnten. Wer auf allen Vieren kroch, um schneller über die Barriere zu gelangen, gab sein Gesicht den Stichen preis. Wer es vorzog, den Kopf mit einem Stück Kleidung zu verhüllen, sah nicht mehr viel und trat immer wieder fehl. Zor hörte die Männer fluchen und schreien; er schlang sich sein Hemd vors Gesicht und folgte ihnen.
Tara und Fedra hatten die Schlacht von Pikkos Höhlentor aus begleitet. „Sie werden trotzdem wiederkommen. Fedra, du musst eine andere Lösung finden!“, flehte Tara.

***

Eno betrachtete die Holzfäller einen nach dem anderen: Blutend, mit geschwollenen Gesichtern und in zerfetzten Kleidern hinkten sie auf seinen Hof. Zwei konnten nicht mehr alleine laufen. In manchem Gesicht zogen sich Tränenspuren durch den Schmutz. Zor zog eine Axt mit zerbrochenem Stil hinter sich her; er war der Einzige, der sein Werkzeug zurückbrachte. Eno zählte: Es fehlten acht Männer.
„Ich habe euch gewarnt. Der Wald weiß sich zu schützen.“
„Du bist ein abergläubischer Dummkopf!“ Zor spuckte vor ihm aus. „Ich werde diesen Wald abholzen und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben tue.“ (...)

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